Manchmal verhilft mangelnde Vorbereitung zu einer blitzartigen Erkenntnis. So wie an diesem Abend, sofern man die Besetzungsliste nicht studiert hat: Da schaut man schon gute zwei Stunden dem Spiel der in Friedrichshafen wohlbekannten Schauspielerin Corinna Kirchhoff zu – aber erst ganz spät erkennt man sie. Ohne verfremdende Maske, äußerlich zum ersten Mal ganz sie selbst, als an Demenz erkrankte Frau. Ihren Ehemann siezt sie; dass sie gestern noch mit ihm geschlafen hat, weiß sie nicht mehr.

Was sagt einem das nun? Dass die größten Heldinnen in Oliver Reeses Inszenierung von Joel Pommerats Stück „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ die Masken- und Kostümbildnerinnen sind. 20 Szenen hindurch verleihen sie den fünf Schauspielerinnen und vier Schauspielern 51 verschiedene Gesichter. So viele Rollen sind es, in die das Ensemble sich hineinversetzt. Diese Vielfalt macht den Szenenreigen zu einem Fest für Schauspieler. Und auch zu einem Fest für das Publikum. Pommerat, ein Wunderkind des französischen Theaters, kreist um ein Thema, das den Franzosen seit jeher liegt: die Liebe. Er umkreist es wie das Messer die Kartoffel und zerlegt es scheibchenweise in immer neue Facetten.

Das ist oft bitter, nicht selten absurd – aber fast immer fesselnd und nur an einer Stelle ärgerlich: zum Einstieg. Hier zitiert Pommerat Ingmar Bergmans Film „Szenen einer Ehe“ bis in den Wortlaut hinein. Darin erklärt eine Frau, warum sie sich nach jahrzehntelanger Ehe scheiden lässt. Weil es immer schon eine Ehe ohne Liebe gewesen sei, sagt sie. Und dass sie die bevorstehende Einsamkeit der Fortsetzung dieser lieblosen Ehe vorziehe, die bei ihr zu einem Abstumpfen aller Sinne geführt habe: Farben sehe sie nicht mehr, Musik empfinde sie nicht mehr, Essen schmecke sie nicht mehr.

Die behinderte Anni (Carina Zichner, rechts) lässt sich vom Therapeuten (Marc Oliver Schulze) nicht zur Abtreibung überreden. Der Krankenschwester (Franziska Junge) ist’s wurscht.
Die behinderte Anni (Carina Zichner, rechts) lässt sich vom Therapeuten (Marc Oliver Schulze) nicht zur Abtreibung überreden. Der Krankenschwester (Franziska Junge) ist’s wurscht. | Bild: Harald Ruppert

Es ist, weil hier die Verlorenheit so schlicht und direkt ins Bild rückt, gleichwohl auch eine große Szene. Und das wirkliche Ärgernis ist bei Teilen des Publikums zu suchen: es kichert nämlich. Man ist es nicht gewohnt, dass die Liebe, und sei es die fehlende, so schmucklos daherkommt – ohne die große Geste der Tragödie, aber auch ohne die Leichtigkeit der Komödie. So hält der eine diesen Ernst nicht aus, der andere versteht ihn nicht mehr; daher kichert man sich aus der Malaise.

Aber Pommerats Umkreisungen haben auch ihre heiteren Momente. Da platzt vor dem Trauzimmer eine Hochzeit, weil der Bräutigam mit allen vier Schwestern der Braut ein kleines Techtelmechtel hatte. Oder es regiert die Lust: Eine Frau wäre kurzerhand bereit, ihren Lebensgefährten zu verlassen, nur weil ein Mann aus ihrer Vergangenheit plötzlich vor ihr steht und einladend herumtänzelt. Plausibel ist das nicht – aber Pommerat pfeift darauf und gibt so der Szene ihren Schwung. Wie in Arthur Schnitzlers „Traumnovelle“ löst sich das Begehren von allem, was ihm entgegensteht; die Handenden begreifen kaum, wie ihnen geschieht.

Wie aus einer Hypnose erwacht, kommt die – schließlich nur fast – Verführte wieder zu sich; und klopft umsonst bei ihrem Lebensgefährten an, der ihr nach dieser Eskapade den Laufpass gibt. Im Bühnenbild von Hansjörg Hartung ist die Liebe ein Durchgangssaal mit vielen Séparées, bei denen so mancher vor den Türen bleibt.

Die Braut (2.v.l.) fasst es nicht: Hatte ihr Zukünftiger wirklich ein Techtelmechtel mit jeder ihrer vier Schwestern? Von links Corinna Kirchhoff, Franziska Junge, Josefin Platt, Carina Zichner und Verena Bukal.
Die Braut (2.v.l.) fasst es nicht: Hatte ihr Zukünftiger wirklich ein Techtelmechtel mit jeder ihrer vier Schwestern? Von links Corinna Kirchhoff, Franziska Junge, Josefin Platt, Carina Zichner und Verena Bukal. | Bild: Harald Ruppert

Die eine lässt sich scheiden, weil es ihr an Liebe fehlt – eine andere packt mitten in der Nacht die Koffer, weil „Liebe allein nicht reicht“. „Noch nie wurde jemand aus so einem Grund verlassen“, argumentiert ihr Partner verdattert auf der Bettkante. Mag sein – aber was ist die Liebe überhaupt? Die Szenen sind der Nährboden dieser Frage. Ist Liebe „alles“? Oder bloß eine Phantasmagorie? „Liebe existiert doch nicht. Scheiße!“ Mit diesen Worten fährt ein Therapeut eine spastisch gelähmte Heimbewohnerin an, weil sie eine Abtreibung verweigert. Dass ein gewalttätiger Alkoholiker das Kind gezeugt hat, ist ihr egal – „Es ist ein Kind der Liebe“. Und tatsächlich liegt in diesem schlichten Beharren etwas, das der jungen Frau recht gibt. Ihre Liebesfähigkeit nämlich, die alle Vernunftgründe außer Kraft setzt; zumal mit der Vernunft ein Therapeut argumentiert, dem diese Liebesfähigkeit sichtlich abgeht.

Die Liebe ist maßlos – das bedeutet zunächst nur, dass sie in kein Raster und in keine feste Logik passt. Ist dann aber nicht auch die Maßlosigkeit gerechtfertigt? „Du musst mir erst zurückgeben, was mir gehört. Sonst verlasse ich dich nicht“, sagt eine junge Frau, nachdem ihr die Geliebte den Laufpass gab – und der sie versucht, das Herz herauszureißen. „Du bist doch verrückt!“, ruft die Traktierte. Und doch ist in diesem Stück kein Kraut gewachsen gegen die Verrückten, weil es ihnen um die Liebe geht. Einem Feld, das man nicht mit Vernunft bestellt.

Den Riss, der zwischen Liebe und Vernunft verläuft, legt die Inszenierung von Claus Peymanns Nachfolger Oliver Reese offen und erzeugt damit absurden Witz: Da spricht eine Frau mit dem Arzt ihres endlich verstorbenen Vaters über ihre weiteren Lebenspläne, erzählt ihm von ihrer bevorstehenden Hochzeit – und klammert sich an den Arzt, dem ihre eigentliche Liebe gilt und von dem ihr Zukünftiger sie gewaltsam wegreißen muss, während alle drei in ihren Dialogen die Ebene der harmlosen Konversation mit keinem Wort verlassen.

Man sieht deutlich: Rationalisierte Gefühle führen zu gewaltigen Spannungen. Es geht aber auch anders: Auch die Prostitution ist ja eine Rationalisierung der Liebe, und bei ihr bekommen beide Seiten, was ausgemacht ist: Die eine den Körper, die andere das Geld. Ein Geschäft, das bei Pommerat ins Absurde geführt wird: Eine Prostituierte geht im Preis immer weiter runter, bis sie es dem Freier schließlich umsonst macht. Und dann ist da noch der Priester, der sich mit einer fetten Barzahlung von einer Prostituierten loskaufen will, die ihn liebt und für ihre Dienste schon lange kein Geld mehr annahm.

Auch diese Aufführung lässt sich als Liebesdienst besonderer Art begreifen. Mit dem Preis für eine Eintrittskarte lässt sich die herausragende Leistung aller Beteiligten jedenfalls nicht aufwiegen.