Aufwühlende Paukenwirbel, gefolgt von signalgebenden Blechbläsern bauen die Spannung auf. Mit zupackendem Dirigat führt Inga Hilsberg am Pult der Kölner Symphoniker durch die Höhen und Tiefen von Esther Hilsbergs Musik zum Musical „Barricade“ mit der Kammeroper Köln. Das Musical, das auf dem Roman „Les Misérables“ (Die Elenden) von Victor Hugo beruht, und das seit 25 Jahren erfolgreich in London läuft, in einer neuen Version (Libretto von Holger Potocki und Bianca Hein) auf deutsche Bühnen zu bringen, scheint gewagt. Doch ist damit eine solch mitreißende und packende Inszenierung geglückt, dass der Erfolg auch hier nicht ausbleibt. Am Mittwochabend traten die fantastischen Darsteller den Beweis an.

Die ausgeklügelte Kulisse zum Wenden führt die Zuschauer einerseits auf die mit Gitterkonstruktionen errichteten Barrikaden, die hitzige Studenten zum Kampf im Pariser Juniaufstand von 1832 errichtet haben, andererseits in verschiedene andere Bereiche. Und so ist ständig pralles Leben auf der Bühne, das sich von Mal zu Mal steigert. Thomas Kaiser punktet mit farbenprächtigen historischen Kostümen.

Wie es dazu kam, dass der ehemalige Dieb Valjean eine Läuterung erfährt, darauf verzichtet die Inszenierung, weil sich die Vorgeschichte im weiteren Verlauf erschließt. Das Stück beginnt da, wo Valjean, der seit seiner Entlassung aus dem Gefängnis von Polizeiinspektor Javert gejagt wird, unter dem Namen Madeleine als angesehener Bürgermeister ein guter Mensch geworden ist. Die schwerkranke Fantine (Isabella Hutter) stirbt, noch bevor er ihre Tochter Cosette zu ihr bringen kann. Andrea Matthias Pagani, im deutschsprachigen Raum einer der profiliertesten Musical-Darsteller, ist als Valjean ein Glücksgriff. Seine überaus kultivierte Tenorstimme glänzt und strahlt, kann aber so warm und samtweich die Gefühlsebenen ausloten, dass man mit ihm fühlen muss. So singen Weltstars. Leider trübt das kratzende Mikro seinen ersten Auftritt. Auch anderweitig hat die Technik stellenweise Probleme.

In der Rolle des Marius zieht Alexander Sasanowitsch, dem schnell alle Herzen zufliegen, als inbrünstig Liebender und leidenschaftlicher Revolutionskämpfer alle Register. Marilyne Bäjen ist Cosette, die ihren Marius hinreißend anhimmelt. Die bezauberndste und einfühlsamste Frauenstimme hat Lara Grünfeld als die unsterblich und unglücklich in Marius verliebte Eponine. Mit ihrer Engelsstimme und Anmut rührt sie jedes Mal aufs Neue ans Herz. Pieter Tredoux verkörpert den Verfolger Javert als einen vom Pflichtgefühl zerfressenen Verfolger. Wenn er singt, dann schwingt Rache mit. Fragwürdig ist, ob in einem solchen Stück Platz für Klamauk ist. Die Figur des Gillenormand, Onkel von Marius, muss Tobias Strohmaier als überdrehter Gockel mimen. Dessen Tochter, die Ann-Christin Klinner mit überzogener Mimik zeigt, ist auch nicht gerade eine erbauliche Figur. Das schlitzohrige Gaunerpaar Thénardier (überzeugend Markus Lürick), ehemaliger Pflegevater von Cosette, besonders aber dessen Frau (Ulrike Jöris überspannt) lassen slapstickhaften Klamauk und dümmliche Dialoge vom Stapel. Da waren die Verfasser wohl zu sehr um Unterhaltung bemüht. Doch ist das ob der brillanten solistischen Darbietungen schnell vergessen.

Auch die Choristen setzen Glanzpunkte. Das junge, frische Ensemble singt und spielt mit immenser Spielfreude und solcher Inbrunst, als ginge es um sein Leben, dass man sich nicht lange bei dem Gedanken aufhält, teilweise die eingängigen Melodien bereits zu kennen. Kongenial, mit großem Facetten- und Farbenreichtum, leuchtet das fabelhafte Orchester die Stimmungen aus und spürt kreativ der Dramatik nach. Die Hochzeitsfeier im Walzerrhythmus driftet ins Operettenhafte ab, schwenkt aber wieder um, als Valjean im Sterben liegt. Als gebrochener Mann singt Pagani „Weine nicht Cosette“, so ergreifend gefühlvoll, dass es einem die Tränen in die Augen treibt. Das Publikum ist hingerissen. Ein Hoch auf die fantastischen Darsteller und die erfrischende Inszenierung.