Stolz halten Lilith und Sascha ihr Fotografien in die Kamera. Vor einem halben Jahr hätte keiner der beiden auch nur im Traum daran gedacht, dass ihre Bilder ausgestellt und sogar gekauft werden. Seit Dezember hängen die gerahmten Kunstwerke in der Ambulanz der Psychiatrischen Tagesklinik in Friedrichshafen, einer Einrichtung der gemeinnützigen Arkade-Pauline 13 GmbH.

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Hier hat auch das Team von „läuft?!“ sein Büro. So heißt das Arkade-13-Programm, das Lilith, Sascha und knapp 30 weiteren Jugendlichen dabei hilft, ihren Weg im Leben zu finden. Fünf von ihnen haben sich auf den dreitägigen Workshop mit dem Münchner Profifotografen Ernst Fessler eingelassen – und damit auch ein Stück weit auf die Konfrontation mit den eigenen Problemen. Davon hat jeder, der von den „läuft?!“-Sozialpädagogen Thomas Nothacker und Jan Harder betreut wird, mehr als genug.

„Das Angebot von ‚läuft‘ traf mich an dem Punkt, als ich Hilfe brauchte. Gerade rechtzeitig.“
Lilith, Klientin von „läuft?!“

„Jeder hat in den Bildern irgendwie ein bisschen seine Geschichte erzählt“, erklärt Lilith am Rande der Ausstellungseröffnung. Ihre drei Fotos stehen Kopf. Die zierliche junge Frau wirkt wie ein viel jüngeres Mädchen. „Das Angebot von ‚läuft‘ traf mich an dem Punkt, als ich Hilfe brauchte. Gerade rechtzeitig“, sagt sie leise. „Jetzt fühle ich mich nicht mehr so allein gelassen.“ Sie hat das Abitur geschafft, will Illustration studieren und bekommt von Betreuer Tom Hilfe bei „den ganzen bürokratischen Sachen“. Sie hatte den ausgelegten Flyer des Hilfsprojekts mitgenommen, als sie Patientin der Tagesklinik war.

Lebensmotto „Let‘s go“

Der 21-jährige Sascha ist fast ansteckend fröhlich, ein großer Kontrast zu seiner Kindheit und Jugend. Seine Bildercollage thematisiert den Absturz, aber auch, wie er wieder aufsteht. „Let‘s go“ scheint sein Lebensmotto geworden zu sein. Als ich ihn vor ein paar Monaten das erste Mal traf, war er neu bei „läuft!“. Ein Junge mit markanter Narbe über dem Auge, dessen Eltern drogenabhängig waren, dessen Vater früh starb, der viele Schläge einstecken musste, mit 17 Jahren auf Sofas oder im Asylheim nächtigte und heute weiß, wie man es nicht macht. „Man kriegt am Ende immer die Quittung“, sagt er.

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Hauptschule geschafft, Berufseinstiegsjahr, Praktika, Hilfsarbeiter auf der Baustelle. Geld verdienen und „abends einen drauf machen“, schaut er zurück. Der dabei mit falschen Freunden krumme Dinger drehte. Alkoholexzesse, Diebstahl, Strafprozess. Die Verhandlung habe einen Schalter bei ihm umgelegt. Dann habe er Tom kennengelernt, der zeige Verständnis für seine Probleme, seine Macken. „Denen liegt Helfen im Blut“, sagt Sascha anerkennend.

Im März 2016 startete „läuft!“, gefördert vom Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Das hatte ein Pilotprogramm entwickelt, um junge Menschen zu erreichen, die Probleme mit Job, Ausbildung, Wohnen oder Geld haben. Es richtete sich an Jugendliche, die aus den unterschiedlichsten Gründen im sozialen Abseits gelandet sind, aber in kein Amt (mehr) gehen, obwohl sie dringend Hilfe brauchen. Das Arkade-Projekt setzt als eines von 18 bundesweiten Modellprojekten im Programm „Respekt“ dort an, wo Jugendamt und Jobcenter an die jungen Menschen zwischen 15 und 25 Jahren nicht mehr heran kommen.

Jobcenter finanzieren Projekt mit

Seither haben die Betreuer von „läuft?!“ rund 200 Jugendliche aus dem Bodenseekreis und im Landkreis Ravensburg betreut, viele wieder in Ausbildung oder Arbeit oder zurück ins Hilfesystem des Staates gebracht. Ende 2018 lief das Modellprojekt aus. Vor Ort waren sich Ämter und Arkade aber einig, dass die Anlaufstellen – inzwischen auch in Überlingen – weiter gebraucht werden. Seit Januar 2019 läuft das Projekt unter dem Dach des Europäischen Sozialfonds weiter. Die Jobcenter Bodenseekreis und Ravensburg finanzieren das Angebot zur Hälfte mit. „Heute machen sie junge Leute, die Unterstützung brauchen, auf unser Projekt aufmerksam“, sagt Jan Harder. Wie es nach 2020 mit „läuft?!“ weiter geht, ist jedoch fraglich.

Baustelle zieht jetzt nicht mehr

Auf der Suche nach dem richtigen Weg ist Sascha dank „läuft?!“ schon ein Stück weiter gekommen. Als es nach der Ausstellungseröffnung draußen schon dunkel ist, schaut Tom um die Ecke. „Sascha, du hast Schule. Komm, ich fahr‘ dich schnell“, sagt der Sozialpädagoge. Der junge Mann holt Tasche und Jacke aus dem Büro, verabschiedet sich und rauscht davon. Er geht inzwischen zur Abendrealschule, will die Mittlere Reife schaffen, eine Ausbildung zum Heimerzieher machen. Die Baustelle zieht nicht mehr.