Hüften machen sich selbstständig, Holzlöffel klappern den Takt, zu dem die Tänzer immer neue Formationen bilden. Dazu läuft Mozarts "Rondo alla Turca" – eine Hommage mit Augenzwinkern an den Komponisten aus Österreich. Nahtlos geht die Musik über in Folklore von der Schwarzmeerküste und weiter zu Queens "We will rock you" und "Beat it" von Michael Jackson. "Musik ist Musik, egal was für eine Nationalität dahinter steht", sagt Emre Acar, mit 15 Jahren der jüngste Tänzer der Gruppe. Es ist Sonntag, unter dem Dach des alten Arbeitsamts treffen sich Mitglieder des Atatürk-Kulturvereins. Während die Tanzgruppe übt, probt im Raum nebenan der Chor. Unter der Leitung von Enver Serdar am Saz sitzen die Sänger um einen großen Tisch mit Kaffee und Kuchen und singen ein türkisches Volkslied: Ein junger Mann erzählt seinem Freund, dass er sich verliebt hat.

Zu Folklore von der Schwarzmeerküste tanzen Zeliha Röthemeyer und Emre Acar einen türkischen Pas de Deux.
Zu Folklore von der Schwarzmeerküste tanzen Zeliha Röthemeyer und Emre Acar einen türkischen Pas de Deux. | Bild: Corinna Raupach

Im größten Raum stehen die Reste des gemeinsamen Frühstücks. Zu schwarzem Tee gibt es Oliven und Salat, Hackfleischbällchen und Sesamkuchen, zwischen den Tischen laufen Kinder hin und her. "Eine Familie ist zuständig für das Frühstück und meistens helfen ein paar andere mit", sagt Zeliha Röthemeyer, die die Folkloregruppe leitet. Einmal im Monat sind alle Mitglieder eingeladen, zum Austausch und zur Planung weiterer Aktivitäten. Neben Tanz, Musik und Theater bietet der Verein Nachhilfe an, beteiligt sich am internationalen Stadtfest und organisiert Diskussionsrunden. "Wir wollen einen Mix aus Tradition und Moderne, aus türkischer Kultur, deutschen Traditionen und Internationalität", sagt Selin Acar, die für die Jugendgruppe verantwortlich ist.

Seit 1976 gibt es den Verein in Friedrichshafen. "Viele türkische Leute, die hergezogen sind, wollten einen Verein. Aber sie wollten einen säkularen Verein, der nichts mit Religion und nichts mit Extremismus zu tun hat", sagt der Vorsitzende Yücel Metin. Er selbst kam 1967 als Türkischlehrer über das Konsulat nach Deutschland, seine Kinder sind in Friedrichshafen groß geworden. "Wir fühlen uns den Idealen Atatürks verbunden: Menschenrechte, Demokratie, Emanzipation, Frauenrechte, Gerechtigkeit und Säkularisierung." Er ist stolz darauf, dass Frauen in der Türkei noch vor denen in der Schweiz wählen durften. Ihm ist wichtig, dass der Verein offen ist für alle. "Zu uns kann jeder kommen. Wir haben bei uns Kurden, Türken, Aleviten, Sunniten und sogar ein deutsches Mitglied."

Für die Tanzgruppe ist jede Musik gut, ob Folklore, Klassik oder Pop.
Für die Tanzgruppe ist jede Musik gut, ob Folklore, Klassik oder Pop. | Bild: Corinna Raupach

"Wir sind kein politischer Verein, aber die Entwicklung in der Türkei macht uns Sorgen", sagt Ahmet Acar. Er ist stellvertretender Vorsitzender und leitet die Theatergruppe. Er hält auf seine Weise dagegen. Mit selbstgeschriebenen Theaterstücken erklärt er Gewaltenteilung und Demokratie. "Das Letzte war eher comedymäßig, da haben Schüler ihren Lehrer auf die Schippe genommen", sagt er. Er wünscht sich mehr Zusammenarbeit mit Deutschen. "Die Extremisten arbeiten zusammen, da sollten die Demokraten auch zusammenarbeiten", sagt er. Daher bietet der Verein immer wieder Vorträge und Diskussionen an. "Wir laden auch Oppositionspolitiker aus der Türkei ein", sagt Röthemeyer. "Wir wollen aufklären: Ohne Demokratie gibt es keine Menschlichkeit."

Im Dezember referierte eine Islamwissenschaftlerin über die Rolle der Frau im Islam. "Wir haben vor allem Frauen und Jugendliche angesprochen. Der Slogan war 'Ich bin auch da', der war von mir", sagt Selin Acar. Die Referentin habe ausgeführt, dass das Bild der muslimischen Frau meist falsch wiedergegeben werde und ursprünglich im Islam Frau und Mann eine Einheit aus gleichberechtigen Partnern seien. Besonders freut sich Acar, dass ein gemischtes Publikum kam, jüngere und ältere Häfler aus verschiedenen Herkunftsländern.

Verein und Geschichte

Seit 1976 setzt sich der Atatürk-Kulturverein in Friedrichshafen für die Erhaltung der Prinzipien des Gründers der türkischen Republik ein. Atatürk bedeutet "Vater der Türken". Mustafa Kemal, Offizier und erster Präsident der Türkei, erhielt diesen Namenszusatz im Zuge der Änderung des Namensrechts. Nach dem Ende des Osmanischen Reichs schaffte Kemal Sultanat und Kalifat ab und setzte auf ein Staatswesen westlicher Prägung: Demokratie, Menschenrechte und erste Schritte zur Frauenemanzipation. Religion und Staat wurden streng getrennt.

Zum Atatürk-Kulturverein in Friedrichshafen gehören rund 120 Familien. Auf dem Programm stehen neben gemeinsamen Festen auch Tanz, Musik und Theater, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen.