Flucht, Migration, Vertreibung; hochaktuelle Themen standen Pate für das neueste Album von Alsarah and the Nubatones, das sie auf ihrer Europatournee im Rahmen des Kulturufers auch in Friedrichshafen präsentierten. Wer fröhlichen Ethno-Pop erwartet hatte, wurde gleichzeitig mit allen Facetten dieser Geisel der Menschheit konfrontiert. In bunten Farben, mitreißenden Rhythmen und Liedtexten, die sich den Zuhörern mangels arabischer Sprachkenntnissen wahrscheinlich nicht erschlossen. Doch Alsarah, Sängerin, Songwriterin und Musikethnologin, schuf mit ihren englischen Erzählpassagen eine Grundlage, mit der sich die Stimmung emotional erfassen ließ.

Oud, Darbuka und eine kräftige klare Frauenstimme versetzen den Zuhörer augenblicklich in den Norden Afrikas. "Salam Nubia" beginnt ganz traditionell, bis sich der E-Bass einmischt und das Ganze hüftenschwingend heftig zu grooven beginnt. "Gegrüßt sei Nubien" singt Alsarah, die 1982 als Sarah Mohamed Abunama-Elgadi in Khartoum zur Welt kam und mit ihren Menschenrecht-aktiven Eltern vor Sudans Diktatoren zunächst nach Yemen, dann nach New York floh. "Ya Watan" (Oh Heimat) gestaltet sie wie einen Wüstenblues und man hört sie mit dominanter, aber trotzdem entspannter Stimme von "hubi" (meine Liebe) singen. "Vor ein paar Jahren war ich in einem Flüchtlingslager im Sudan", erzählt sie. Drei Mädchen beeindruckten sie. Obwohl sie dort wahrscheinlich die schlimmste Zeit ihres Lebens verbrachten, machten sie Musik. "Tradition ist nicht starr, sie lebt, wächst und verändert sich", sagt sie und widmet den nächsten Song, der mit intensiven ostafrikanischen Klängen und Terzharmonien mit ihrer Schwester Nahid unter die Haut geht, den entwurzelten Mädchen.

Die Stimmen von Nahid und ihrer Schwester Alsarah verschmelzen zu innigen Harmonien, die Rami el Aasser mit der Darbuka unterlegt.
Die Stimmen von Nahid und ihrer Schwester Alsarah verschmelzen zu innigen Harmonien, die Rami el Aasser mit der Darbuka unterlegt. | Bild: Anette Bengelsdorf

Dann spricht sie das Publikum direkt an, schildert eindringlich den am eigenen Leib verspürten Verlust eines geliebten Menschen. Erzählt, wie eine kaum zu ertragende Leere später, durch Gewohnheit abgelöst, ins Vergessen abzugleiten droht. "Die Leere im Kopf fülle ich mit Musik", sagt sie, beginnt eine melancholisch klagende Melodie und strahlt nicht nur ihre Schwester an, sondern auch Brandon Terzic, Mawuena Kodjovi und Rami el Aasser und wedelt mit ihrem weit schwingenden, bunten Rock, den sie in Juba von einer Mädchengruppe erworben hat, die traditionelle Kleidung produziert.

Nicht nur Juba, der Hauptstadt des Südsudans, auch Khartoum, wo sich weißer und blauer Nil zum "ewigen Kuss" vor seiner Reise zum Meer vereinen, fühlt sie sich verbunden. Der Nil sei nicht nur Trinkwasserspeicher, auch Zeuge der Geschichte ihres Volkes und wirke so dem Vergessen entgegen. Wie ein Leuchtturm weise er den Weg auf der manchmal beängstigenden Reise durchs Leben. "Manara" – Leuchtturm, die Nil-Hymne, die dem Album den Namen gab, verzaubert mit einer getragenen Melodie und jazzigen Trompeteneinwürfen. Nicht nur damit, auch mit einem Scat, den er zum E-Bass improvisiert, überrascht Mawuena Kodjovi aus Togo. "Eiwa!" rufen die Musiker, was in etwa "na also!" bedeutet. Der Saal beginnt im Rhythmus zu einem Sprechgesang zu klatschen, bei "Schams al Huriya" – "Sonne der Freiheit" trampelt der Saal zu Bass und Darbuka, deren rasende Trommelwirbel Rami el Aasser den Schweiß auf die Glatze treibt, die die schöne Sängerin spontan mit einem Handtuch trockenlegt. Die Wiederholungen des kurzen eingängigen Themas versetzen das Publikum beinahe in Trance, die Empore beginnt zu schwingen, die ersten hält es nicht mehr auf den Sitzen, das Zelt tanzt.

Das Zelt tanzt – die Stimmung erreichte bei der Zugabe ihren Höhepunkt. Bild: Anette Bengelsdorf
Das Zelt tanzt – die Stimmung erreichte bei der Zugabe ihren Höhepunkt. Bild: Anette Bengelsdorf | Bild: Anette Bengelsdorf