Aline Sommer arbeitet von zuhause aus. "Manchmal fehlt mir aber ein Büro und Kollegen", sagt die Contentmanagerin und Webkonzepterin.
Aline Sommer arbeitet von zuhause aus. "Manchmal fehlt mir aber ein Büro und Kollegen", sagt die Contentmanagerin und Webkonzepterin. | Bild: Wienrich, Sabine

Bei Unternehmern ist der Familienstatus in der Regel nur am Rande erwähnenswert. Schließlich widmen sie den Hauptteil des Tages der Firma und ihrer Karriere. Doch bei Aline Sommer ist der Familienstatus – wie übrigens bei vielen anderen Müttern auch – der Hauptgrund dafür, dass sie den großen Schritt in die Selbstständigkeit überhaupt gewagt hat und freiberuflich als Marketingberaterin, Webkonzepterin und Contentmanagerin arbeitet.

Marketingleute sind hip – und kinderfrei

Zwei Ausbildungen, BWL-Studium in Heilbronn mit Schwerpunkt Online-Marketing, ein gut bezahlter Job am Münchner Flughafen – so beginnt der Lebenslauf der 45-jährigen Sommer. "Nach der Geburt des ersten Sohnes 2010 bekam ich ein großes Projekt in einer Firma, das allerdings befristet war", sagt sie, "und nachdem ich 2012 den zweiten Sohn bekam, gab es das Unternehmen gar nicht mehr." Zwei Kinder, kein Job.

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Ein Schicksal, das viele Frauen nach den Geburten erleben. Die Gesetzeslage ist zwar meist recht eindeutig, die Realität sieht aber manchmal anders aus. "Marketingleute müssen hip und kinderfrei sein, das konnte ich nicht mehr bieten", erklärt die Betriebswirtschaftlerin. Die Selbstständigkeit hat sich Aline Sommer also nicht unbedingt ausgesucht, sie war eher die logische Konsequenz der Familienplanung. Im Sommer 2017 ist sie mit ihrer Familie von München in die Heimat des Mannes an den See gezogen – und so hat die 45-Jährige mittlerweile den dritten beruflichen Neuanfang als Freiberuflerin hinter sich.

Morgens Unternehmerin, nachmittags Mama. Aline Sommer mit ihren beiden Jungs Nikolas und Manuel. Bild: Privat
Morgens Unternehmerin, nachmittags Mama. Aline Sommer mit ihren beiden Jungs Nikolas und Manuel. Bild: Privat | Bild: Aline Sommer

Neuanfang in der Elternzeit

Der erste Neuanfang fand in der Elternzeit statt, kurz nachdem die Firma, bei der Sommer zu dem Zeitpunkt angestellt war, insolvent wurde. "Ich lernte zufällig eine andere Mutter aus der PR-Branche kennen, die während der Elternzeit gekündigt wurde", erinnert sich Sommer. Die beiden Frauen gründeten gemeinsam eine kleine Agentur für Öffentlichkeitsarbeit und Webkonzepte. "Die ersten beiden Jahren waren extrem zäh", gesteht Sommer, "wir hatten kaum Kunden, waren zu wenig spezialisiert." Erst im dritten Jahr ihrer Selbstständigkeit lief es besser. Vor allem der Aufbau von Internetseiten sei gefragt gewesen. "Die Kunden kamen vor allem über Bekanntschaften", berichtet die Marketingberaterin, "mein Zahnarzt, der Kleinkindertagesstättenverein. Später kamen durch Akquise größere Mittelständler dazu." 2016 kam es zur beruflichen Trennung in der Agentur, der zweite Neuanfang. "Es ist nochmal etwas anderes, als Einzelunternehmer tätig zu sein", sagt Sommer, "ich trage die gesamte Verantwortung."

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Baukästen im Internet ersetzen keinen Contentmanager

Ihr Business: Das Erstellen von Internetseiten und ihre Pflege – samt Inhalt. "Es gibt zwar Baukästen im Internet", erklärt Sommer, "aber die Meisten haben ein Problem damit, eine Website aus Kundensicht zu erarbeiten." Die technischen Details seien dabei oft weniger das Thema, sondern der Inhalt. Dazu sollen die Seiten auch gefunden werden, hier kommt die sogenannte Suchmaschinenoptimierung (SEO) zum Einsatz. Ein konkretes Beispiel: In München gibt es rund 3000 Zahnärzte. Warum also soll der Patient unbedingt zu Zahnarzt XY? "Eine gute, symphatische Internetseite mit anspruchsvollen Inhalten und Bildern ist die Visitenkarte schlechthin", weiß Sommer, "dazu braucht es ein Online-Kommunikationskonzept." Ihr Job sei es deshalb nicht nur, eine technisch einwandfreie Seite zu erstellen, sondern vor allem gute Inhalte. Zudem managt sie beispielsweise auch Social-Media-Kanäle und reagiert auf Einträge in Bewertungsportale. Eine Aufgabe, die keinen Feierabend kennt. "Komplett abzuschalten ist wirklich schwierig", sagt die 45-Jährige, "denn eine Seite kann immer gehackt werden, auch wenn ich eigentlich im Urlaub bin oder Sonntagnachmittags mit den Kindern draußen bin."

Wochenende? Fehlanzeige!

Rund 20 bis 30 Stunden pro Woche arbeitet die Neuhäflerin im Homeoffice, meist vom Schreib- oder Küchentisch aus. Kundenbesuche schiebt sie auf den Abend, wenn der Mann die Kinder hüten kann. Jeder, der den Spagat zwischen Kindern und Job schon meistern musste, weiß, dass die Akrobatik oft kräftezehrend ist. Sommer ist mittlerweile schon Profi-Akrobatin. "Ich spiele gegenüber meinen Kunden immer mit offenen Karten", sagt sie, "ich arbeite nur vormittags und bin nachmittags eher nicht erreichbar." Wenn andere ihren Feierabend dann auch der Couch genießen, schmeißt die Marketingberaterin nochmal ihren Rechner an. Auch am Wochenende arbeitet sie regelmäßig. Die Kunden aus München sind alle geblieben, neue kamen hinzu. Den dritten Neuanfang hat die strukturierte Fachfrau souverän gemeistert.

Sie musste lernen, sich abzugrenzen

Das Telefon klingelt. Eine Kunde will ein Beratungsgespräch. Und zwar genau jetzt. Sommer vertröstet mit freundlichen Worten, verweist auf einen Rückruf. "Ich musste lernen, mich abzugrenzen", sagt sie, "aber die meisten Kunden verstehen, wenn ich nicht immer sofort Zeit habe. Dafür bin ich schnell." In letzter Zeit gab es mit der Einführung der Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO) besonders viel zu tun. Monatelang hat die 45-Jährige Gesetzestexte gewälzt, gelesen, recherchiert. Besonders zu dieser Zeit hat sich Aline Sommer oft nach einem beruflichen Austausch gesehnt. "Ich wollte immer selbstständig sein", berichtet sie, "aber eigentlich bin ich kein Einzelkämpfer." Sie halte deshalb die Augen offen. Nach einer netten Bürogemeinschaft, einem Team, vielleicht sogar wieder einem Partner. "Ich vermisse die Zusammenarbeit in einem Team", sagt sie und schaut auf die Uhr.

Gleich kommt der Große von der Schule. Der jüngere Sohn geht noch in den Kindergarten. Der Nachmittag einer Unternehmerin, er ist gut durchgetaktet mit vielen Terminen. Zeit für stundenlange Meetings gibt es da nicht.

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