Ob mit dem Rollstuhl oder zu Fuß, selbstständig oder mit Begleitung: Am Samstag trafen sich zahlreiche Menschen mit und ohne Behinderung beim fünften Aktions- und Begegnungstag Mittendrin an der Friedrichshafener Uferpromenade. Seit 2008 wird er alle zwei Jahre und im Wechsel zwischen Überlingen und Friedrichshafen veranstaltet.

250 Menschen mit verschiedenen Angeboten dabei

Mehr als 30 Einrichtungen, Vereine und Gruppen von B wie Bruderhaus Diakonie bis Z wie ZfP Südwürttemberg haben den Tag zusammen mit dem Landratsamt des Bodenseekreises und den beiden Städten organisiert. Ihr gemeinsames Ziel: Das Thema "Inklusion" noch mehr ins Bewusstsein zu rücken. Rund 250 Menschen waren aktiv am Fest beteiligt. Sie präsentierten verschiedene Angebote, luden zu Mitmach-Aktionen ein und unterhielten mit einem Bühnenprogramm.

Buntes Programm beim Aktionstag Mittendrin an der Uferpromenade in Friedrichshafen: Die Tanzgruppe "Rakete" vom TSB Ravensburg überzeugte gut gelaunt mit ihrer Darbietung.
Buntes Programm beim Aktionstag Mittendrin an der Uferpromenade in Friedrichshafen: Die Tanzgruppe "Rakete" vom TSB Ravensburg überzeugte gut gelaunt mit ihrer Darbietung. | Bild: Claudia Wörner

Bei schönstem Sommerwetter war die Uferpromenade wie immer belebt und viele Leute landeten zufällig im Fest "Mittendrin". "Hier, mitten unter den Menschen und da, wo sich das Leben abspielt, zeigen Menschen mit Behinderung, dass sie dazugehören und wie schön das Miteinander funktionieren kann", sagte Dorothea Horn, Behindertenbeauftragte des Bodenseekreises. Wenn auf diese Weise im Kopf des einen oder anderen etwas passiere, dann habe so ein Fest durchaus eine nachhaltige Wirkung.

Austausch am Stand der Selbstvertretungsgruppe

Dass es nach wie vor noch einiges zu tun gibt, wenn es um die Teilhabe von Menschen mit Behinderung geht, zeigte die Selbstvertretungsgruppe mit Mitgliedern aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, die vor zwei Jahren beim Mittendrin-Fest eine Deklaration an Landrat Lothar Wölfle übergeben hat. Im Gespräch mit Sebastian Dierig, Behindertenbeauftragter der Stadt Überlingen, äußerte Erster Landesbeamter Joachim Kruschwitz viel Verständnis für die Belange. "Eine Behinderung kann jeden treffen, zum Beispiel durch einen Verkehrsunfall oder eine psychische Erkrankung." Ein wichtiges Ziel sind für ihn dezentrale Wohngruppen in allen Gemeinden des Bodenseekreises. Mit Blick auf den Arbeitsmarkt gelte es Menschen so einzusetzen, dass sie auch mit ihrer Behinderung arbeiten können.#

Wunsch nach grenzüberschreitend geltendem Behindertenausweis

Gierig sprach Kruschwitz auf den alles andere als barrierefreien Stadtbahnhof von Friedrichshafen an. "Hier muss man nicht behindert sein, sondern nur mal mit ein paar Koffern ankommen", bestätigte er den Wunsch nach Barrierefreiheit. Aber die notwendigen Umbauten seien Aufgabe der Bahn. Mit dem Wunsch nach einem grenzüberschreitend geltenden Behindertenausweis nahm Kruschwitz ein konkretes Thema für die Internationale Bodenseekonferenz vom Mittendrin-Fest mit.

Inklusive Ferienbetreuung

Sebastian Dierig (28) ist ehrenamtlicher Beauftragter für die Belange von Menschen mit Behinderung der Stadt Überlingen. "Für Menschen, die in Einrichtungen leben, gibt es noch zu wenig Angebote, damit Teilhabe in der Gesellschaft möglich ist", sagt Dierig. In Überlingen gebe es für Kinder mit Behinderung zum Beispiel keine inklusive Ferienbetreuung. "Aktuell müssen die Eltern den zusätzlichen Betreuer selbst bezahlen, wenn sie ein Kind mit Behinderung anmelden." Sein Wunsch wäre eine Weiterbildung für die Ferienbetreuer, damit sie diese Aufgabe übernehmen könnten. Weitere Behindertenbeauftragte, idealerweise in Vollzeit, im westlichen Bodenseekreis hält er außerdem für wünschenswert.

Mehr individuelle Assistenz

Oliver Straub (35) lebt in Friedrichshafen und ist Inklusionsbotschafter der Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben: "Inklusion bedeutet, dass man als Mensch mit Behinderung so leben kann, wie man leben möchte." Trotz des Wunsch- und Wahlrechts werde zu wenig auf die Bedürfnisse des Einzelnen geachtet. Er selbst bezieht das "Persönliche Budget" und finanziert damit eine 24-Stunden-Assistenz. "Ich suche mir meine Assistenten selbst aus und ich leite sie als Experte in eigener Sache, zum Beispiel in Sachen Pflege, selbst an." Insgesamt sollte weniger aufs Geld, sondern auf die Einhaltung der UN-Behindertenrechtskonvention geachtet werden. "Ohne Assistenz gibt es für uns keine Selbstbestimmung."

Mehr Verbindungen mit Bus und Bahn

Patrick Eggert (24) wohnt in einer Gastfamilie in Ebenweiler bei Altshausen und wird vom Dienst "Betreutes Wohnen in Familien" der Liebenau Teilhabe unterstützt. Jeden Tag fährt er mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu seinem Arbeitsplatz in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung nach Rosenharz in der Nähe von Bodnegg – morgens eineinhalb Stunden hin und abends eineinhalb Stunden zurück. "Es wäre toll, wenn auch am Wochenende mehr Busse fahren würden und die Verkehrsverbindungen besser wären. Das wünsche ich mir", sagt Patrick Eggert. Dann könnte er in seiner Freizeit öfter mal nach Ravensburg, um durch die Stadt zu bummeln, einzukaufen oder mal ins Kino zu gehen.

Weniger Scheu bei Arbeitgebern

Beate Stegmaier (52) ist Gruppenleiterin in der Papierwelt des Gemeindepsychiatrischen Zentrums (GPZ) in Friedrichshafen. Sie wünscht sich noch mehr Arbeitgeber, die ihre Scheu ablegen und dazu bereit sind, einen Arbeitsplatz für Menschen mit psychischen Erkrankungen zur Verfügung zu stellen. "Psychische Erkrankungen können wirklich jeden treffen. Sie sollten gesellschaftsfähiger werden. Sie sind aber immer noch ein Tabu-Thema." Die Stadt Friedrichshafen sei mit dem GPZ mit öffentlichem Café und Copy-Shop für jeden in zentraler Lage auf einem guten Weg. "Das ist nicht selbstverständlich." Im Mittendrin-Fest sieht sie einen guten Anfang. "Es sollte aber noch mehr Anlaufstellen geben."