Belegt, belegt, belegt: Kein Platz ist mehr frei im dreistöckigen GZH-Parkhaus am vergangenen Samstagabend. Im ausverkauften Eckener-Saal gastiert die Academy of St. Martin in the Fields, eines der bekanntesten Kammerorchester der Welt. Große Töne auch im kleinen Graf-Soden-Zimmer. Die AfD hat zur ersten Wahlkampfveranstaltung in Friedrichshafen mit einem Thema eingeladen, mit dem sie bei der Landtagswahl im März punkten und ins Parlament kommen will: die Flüchtlingskrise. Der Raum, der knapp 100 Sitzplätze bietet, ist voll. So voll, dass gut 30 Zuhörer auf der Fensterbank sitzen oder eben stehen müssen.

Aber nicht nur AfD-Symphatisanten sind gekommen. Gut 30 junge Leute, vornehmlich Studenten der Zeppelin-Universität, setzen einen Kontrapunkt, was nicht nur die beiden Referenten nervös macht. Die Veranstaltung hat kaum begonnen, da will ein Student die Quelle für eine Zahl wissen, die Alice Weidel, AfD-Landtagskandidatin im Wahlkreis Bodensee, nennt. Sie könne jede Zahl belegen, geht Alice Weidel auf den Zwischenruf ein, ohne die Quelle zu benennen. Dafür bittet Alice Weidel die jungen Leute, doch erst einmal die Redner reden zu lassen und in der Diskussionsrunde später die Fragen zu platzieren.

Gegenwind aus den Zuhörerreihen

Mit Zahlen will Marc Jongen, stellvertretender Landesvorsitzender der AfD, gar nicht groß jonglieren. Er habe leider den Stick mit der Präsentation im Hotel liegen lassen. Jongen ist Philosphie-Dozent und so etwas wie der Parteiphilosoph. Er tritt zurückhaltend auf, redet leise und doch in markigen Worten. Als er vom „Fanal von Köln“ spricht, entrollen Studenten ein Plakat. „Vorurteile bekämpfen“ – diese Worte kann man noch lesen, bevor Umstehende, mittendrin der Moderator vom AfD-Kreisvorstand, das Transparent entreißen. Ein Mann wird handgreiflich. Es wird laut im Raum, die Stimmung im Raum aggressiv, die tumultartige Lage in der Ecke am Fenster unübersichtlich.

Jongen besteht darauf, dass „die Störer“ den Raum verlassen. Der Veranstalter will von seinem Hausrecht Gebrauch machen. Die Studenten wollen nicht gehen. „Man darf doch wohl noch seine Meinung durch ein Plakat äußern“, ruft ein junger Mann mitten aus dem Raum, ein anderer: „Halten Sie Ihre Aggressoren unter Kontrolle.“ Die Mehrzahl jedoch applaudiert, ruft „raus“ und „verschwindet“. Zwei Polizisten kommen, bitten zwei, drei Studenten mit dem zerfetzten Plakat nach draußen. Jongen besteht darauf, dass auch die anderen gehen müssen. Nach einigem Hin und Her dürfen sie bleiben. Sie hätten versichert, nicht mehr zu stören. Nach 20 Minuten Konfusion setzt Jongen sein Referat fort und wird nur noch einmal unterbrochen, als er Carl Schmitt zitiert. Ob er wisse, dass Schmitt ein Nazi-Philosoph war, will der Student wissen. „Wenn ich ihn zitiere, dann als scharfzüngigen Intellektuellen, nicht als kompromittierten Nazi“, erklärt der Referent.

Staats- statt Landespolitik

Gut eine Stunde redet Marc Jongen, ohne auch nur annähernd die Landespolitik zu streifen. Er holt groß aus, sieht das deutsche „Staatsvolk in seiner Existenz bedroht“, wirft den Medien eine Berichterstattung nach Staatsräson vor – „schlimmer als zu DDR-Zeiten“. Manch vollmundiger These folgt allerdings eine relativierende Aussage. Dass Deutschland die Fluchtursachen bekämpfen wolle, sei eine „unglaubliche Selbstüberschätzung und Illusion“, sagt Jongen, um fünf Sätze später einzuräumen: „Natürlich müssen die Fluchtursachen bekämpft werden. Das ist eine langfristige Aufgabe.“

Das Konzert im Eckener-Saal ist längst zu Ende, da werden die Gäste im Soden-Zimmer zur Fragerunde eingeladen. Während ein Sektkühler als Klingelbeutel im Raum die Runde macht, greift Alice Weidel wieder in die Diskussion ein. Die Überlingerin sitzt im AfD-Bundesvorstand und ist Programmchefin. Anders als Jongen distanziert sie sich klar von ihrem Parteikollegen Björn Höcke, als Mark Schuhmann fragt, wie es die beiden Referenten mit radikalen Mitstreitern in ihren Reihen halten. An Selbstbewusstsein mangelt es Weidel nicht. „Genau zuhören, dann lernen Sie auch noch was“, doziert sie später auf die Einlassung eines Studenten. Ein Besucher fragt allen Ernstes, wie die AfD an die Macht komme.

Nach rund zwei Stunden geht die Veranstaltung friedlich zu Ende. Im Gang draußen werden zwei Männer, die drinnen handgreiflich und von den Studenten angezeigt wurden, von der Polizei befragt. „Wir wollen nicht, dass solche Parteien die Gesellschaft auseinander treiben und mit Vorurteilen Wahlkampf machen“, erklärt der Medienreferent der Jusos Bodenseekreis wenig später, warum sie als Studenten den AfD-Vorderen das Terrain nicht widerspruchslos überlassen wollen. Auf dem entrollten Transparent stand übrigens: „Vorurteile bekämpfen – für eine bunte Gesellschaft.“

Vier weitere Termine

Die AfD bietet vor den Landtagswahlen (13. März) bei vier weiteren Veranstaltungen in Friedrichshafen maßgebliche Protagonisten der Partei auf: darunter die Landesvorsitzenden Alexander Gauland (Brandenburg) und Jörg Meuthen (Baden-Württemberg). Auch die Bundesvorsitzende Frauke Petry wird kurz vor der Wahl in Friedrichshafen erwartet.