Das Bürgerforum Friedrichshafen-Ost (BFNO) hatte am Dienstagabend Peter Neisecke, Leiter des Umweltschutzamts des Bodenseekreises, zu seiner Mitgliederversammlung in die Bruderhaus Diakonie eingeladen. Die Teilnehmer wollten sich über den Stand in Sachen Gestank informieren lassen. Neu war die Nachricht, dass es neben der Backstube Weber am Flughafen, die aus Sicht des Umweltamtes Hauptverursacher für den Gestank ist, aufgrund des bisher vorläufigen Ergebnisses des Ausbreitungsgutachtens drei weitere mögliche Verursacher geben könnte.

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Neisecke nannte keine Namen, begrenzte den Raum aber auf die drei Gebiete um die Adelheidstraße, südlich der Bundesstraße 30 um die Gallusstraße und das Gebiet zwischen ZF-Werk 1 und Hüni.

Vorwürfe: Behörden haben zu spät und zu langsam gehandelt

Die Diskussion in dem vollen Saal der Bruderhaus-Diakonie war teilweise hitzig. Es gab Vorwürfe gegen die Stadtverwaltung, das Umweltschutzamt des Bodenseekreises und auch persönliche Angriffe auf Neisecke. Tim Glaser, Vorsitzender des BNFO, merkte an: „Ich finde es toll, dass Herr Neisecke sich hierher gestellt hat.“ Mehrere Zuhörer beschwerten sich, dass die Behörden zu spät und zu langsam gehandelt hätten. Die Geruchsbelästigung gebe es seit 2015. Die Behörden hätten auf die Hinweise und Einladungen vor Ort nicht oder nur teilweise reagiert. Weiterhin wurde kritisiert, dass es keine Luftuntersuchung zu möglichen Gesundheitsgefahren durch den Geruch gebe.

Erst Fragebogenaktion im Internet bringt Amt auf eine Spur

Neisecke wies darauf hin, das sein Amt es mit rund 70 verschiedenen Meldungen im Jahr aus dem ganzen Bodenseekreis zu tun habe. „Wir haben am Anfang kein Muster erkannt“, stellte er fest. Erst mit der Fragebogenaktion im Internet mit 250 bis 300 Beschwerden zu dem Gestank in Friedrichshafen Ost sei klar geworden, wer der Hauptverursacher sei: die Backstube Weber. Klar sei auch, dass die Geruchsbelästigung nur nachts und bei Nord-Ost-Wind auftrete. Aber, wiederholte Neisecke frühere Aussagen deutlich, bei dem Holzofen der Backstube Weber handele es sich um eine genehmigte Anlage. Bei der Befeuerung habe man sich an alle Vorschriften gehalten und nichts falsch gemacht. Seine Behörde müsse alle Beteiligten und die Vorschriften im Blick haben, nicht nur die Anwohner, sondern auch Weber.

Bäckermeister Weber stellt Befeuerung des Holzofens freiwillig um

In der Backstube habe man die Befeuerung des Holzofens inzwischen freiwillig umgestellt. So würden beim Anzünden kleinere Holzstücke verwendet und die rund 70 Kilo Holz in drei Chargen abgebrannt, um den Stein zu erhitzen. „Unserem Eindruck nach hat das sehr viel gebracht“, sagte Neisecke. Ein Experte habe die Anlage begutachtet und es werde an weiteren Optimierungen gearbeitet. Die könnten im kommenden Jahr umgesetzt werden und würden rund 15 000 Euro kosten. Er könne aber nicht versprechen, dass damit jede Geruchsbelästigung beseitigt sei.

"Keine Gefährdung für den Durchschnitt der Bevölkerung"

Zu möglichen Gesundheitsgefahren sagte Neisecke: „Ich glaube nicht, dass es eine Gefährdung für den Durchschnitt der Bevölkerung gibt.“ Richtig sei aber, dass Menschen unterschiedlich auf Rauch reagieren. Der Brandgeruch wurde im Ausbreitungsgutachten in zehn Richtungen eingeteilt, darunter Gummi/Kunststoff, Öl und Lösungsmittel. Die unterschiedliche Wahrnehmung erklärte Neisecke so: „Ich glaube, das kommt aus einem Ofen, der zu wenig Luft hat.“ Der Geruch entstehe durch Reaktionen, wenn Abgase mit rund 300 Grad auf Luft mit rund 15 Grad nachts im Sommer treffen.

Neisecke wies auch auf die unterschiedlichen Zuständigkeiten der Behörden für die Anlagen hin: Regierungspräsidium Tübingen, Landratsamt Bodenseekreis und Stadt Friedrichshafen. Bisher habe hier das Kreisumweltschutzamt die Ursachenforschung übernommen. Wenn die Gutachten vorliegen, werde die Stadt den Hut aufhaben.

Chronologie: Was bisher geschah

  • 2015: Erste Beschwerden wegen Gestanks, vor allem in der Nacht, gehen beim Landratsamt ein.
  • Sommer 2017: Nächtlicher Einsatz von Feuerwehr, Polizei und Technischem Hilfswerk in der Kitzenwiese aufgrund von möglichem Gasgeruch. Seit einem halben Jahr beschweren sich Anwohner bei Eberhard Utz, stellvertretender Vorsitzender des Bürgerforums FN-Ost. „Ich werde von Leuten aus der Kitzenwiese, St. Georgen und Schreinesch angesprochen. Alle bemerken diesen eigenartigen Gestank“, sagt Utz. „Die meisten meinen, es riecht nach Kunststoffverarbeitung oder -verbrennung.“
  • Sommer 2017: Nach Aussage von Robert Schwarz, Sprecher der Kreisverwaltung, wurden im Spätsommer mehrere Anlagen der Firma ZF geprüft. Das Landratsamt habe vom Regierungspräsidium Tübingen die Rückmeldung bekommen, dass es nach einem ersten Prüfdurchgang in den Industriebetrieben keine Anhaltspunkte gab, die zu den geschilderten Belästigungen gepasst hätten. Es sollen weitere Betriebe vertieft geprüft werden.
  • Ende Juli 2018: Ausgeschlossen werden vom Landratsamt das Klärwerk, eine alte Deponie und Probleme in der Kanalisation. Ebenfalls vom Tisch sei die Spekulation über nächtliche Bremstests von Güterzügen, die im Bahnhof umgespannt werden.
  • Mitte August 2018: „Wir können mittlerweile nahezu sicher davon ausgehen, dass der Holzofen der Backstube Weber eine wesentliche Quelle der nächtlichen Geruchsbelästigung im Wohngebiet Friedrichshafen Ost ist“, sagt Robert Schwarz, Pressesprecher des Landratsamts. Bäckermeister Hannes Weber bezweifelt das. Zwei bis drei weitere Unternehmen seien noch nicht abschließend als Verursacher ausgeschlossen.
  • Mitte August 2018: Hannes Weber fürchtet um sein Image. Ihm bleibe nichts anderes übrig, als seinen Betrieb als Quelle des Ärgers und für solche Verdächtigungen auszuschließen. Er will den Holzofen auf eine Befeuerung mit Holzpellets umrüsten, die rauchtechnisch rückstandsfrei verbrennen. Er bittet das Landratsamt, bis Ende Oktober davon Abstand zu nehmen, seinen Holzofen befristet außer Betrieb zu setzen, wie es die Behörde quasi angedroht hat. Ob das juristisch überhaupt möglich ist, bezweifelt der Unternehmer.
  • Ende August 2018: Aussprache zwischen Vertretern des Umweltamts im Landratsamt und von Webers Backstube. Es soll zunächst zwei Gutachten geben: ein Ausbreitungsgutachten zu den (Kalt-)Luftströmen im Bereich Flughafen/FN-Ost und eines von einem Fachmann für Holzfeuerungen.
  • Mitte Oktober 2018: Die Geruchsbelästigung hat abgenommen, ist aber nicht verschwunden. Die Stilllegung des Holzofens steht nach Auskunft des Umweltschutzamts nicht mehr im Raum. Es gibt Vermutungen zu mindestens einem weiteren Verursacher.