Friedrichshafen – Jürgen Schmelzle ist keineswegs ein verbitterter Rentner, der mit sich und der Welt unzufrieden ist. Ganz im Gegenteil. Der 72-Jährige ist weltoffen, naturverbunden, zu Fuß und mit dem Fahrrad sportlich unterwegs und nimmt regen Anteil am Weltgeschehen. Wenn er sich aber wieder einmal von seiner Wohnung in der Kitzenwiese, wo er seit rund 40 Jahren zu Hause ist, auf den Weg in den benachbarten Seewald macht, kocht in ihm regelmäßig Ärger hoch. Der Seewald ist für ihn ein Kleinod, über das er sich seit Jahrzehnten freut. Umso mehr will er nicht verstehen, weshalb nach den regelmäßigen Holzeinschlägen in diesem Wald die von schweren Maschinen demolierten Wege nicht mehr hergerichtet werden.

Die Rede ist nicht von den breiten Hauptwegen, die sich in hervorragendem Zustand befinden und von Wanderern, Radfahrern und sonstigen Trimm-Dich-Sportlern genutzt werden. Es geht um die seitlich abzweigenden Pfade und Schneisen, die von den Waldarbeitern genutzt werden. Über diese Wege werden nach dem Fällen die Holzstämme herausgezogen. Dabei entstehen teilweise tiefe Furchen, die sich mit Wasser füllen und auf denen sich zahlreiche kleine Tümpel ausbreiten. Nicht folgen will er Argumenten von Naturschützern, die er schon vor Jahren auf die Problematik aufmerksam gemacht hat. „Die finden die Wasserstellen toll. Da könnten sich Frösche und anderes Wassergetier ansiedeln. Ich habe dort aber noch keinen einzigen Frosch entdeckt.“

„Ich ärgere mich seit Jahren über diesen unsensiblen Umgang mit der Natur“, sagte Jürgen Schmelzle bei einer Fahrradtour, auf der er zahlreiche Beispiele vorzeigt. „Die Wege bleiben katastrophal zurück.“ Der Rentner, der über 40 Jahre bei Dornier in Immenstaad arbeitete, fragt sich auch, weshalb die Holzstämme nicht mit Seilwinden aus dem Wald heraus gezogen werden können. Das wäre seiner Ansicht nach deutlich schonender für den Waldboden.

Unverständnis zeigt er auch für den Holzeinschlag an sich. Da stehe wohl der Erlös des Holzes an erster Stelle aller Überlegungen. „Ich sehe diesen Wald als schützenswert an. Er ist ja auch ein wunderbares Naherholungsgebiet für uns Bürger“, lobt Schmelzle. Immerhin werden nach den Fällaktionen die freien Flächen wieder aufgeforstet, merkt der Rentner beinahe lobend an.

Auf einige Vorwürfe von Jürgen Schmelzle äußert sich auf Anfrage des SÜDKURIER Michael Strütt, Amtsleiter des Forstamts am Landratsamt Bodenseekreis. Laut Strütt wäre dieser heutige Kulturwald von Natur aus ein Buchenwald, auf den sehr grundwassernahen, feuchten Standorten ein Eschen-Erlen-Wald. Der Seewald hat heute eine hohe Bedeutung für die Naherholung. Daneben nimmt der Seewald Sichtschutz- und Immissionsschutzfunktionen wahr.

„Daneben findet eine forstwirtschaftliche Nutzung statt, auch mit dem Ziel, die Waldentwicklung wieder zurück auf einen naturnahen Buchenwald zu lenken.“ Das bedeutet, dass die Nadelbäume, vor allem Fichte und Kiefer, allmählich immer weniger werden. Das Bild des Seewaldes wird sich damit örtlich mehr oder weniger stark verändern, sagt Strütt voraus. Die Fichten sind im Zuge des Klimawandels sehr stark durch Sturm- und Borkenkäferschäden gefährdet und werden spürbare Anteile verlieren, erläutert der Forstmann.

Zur Frage des Holzeinschlags erklärt Michael Strütt grundsätzlich, dass Forstwirtschaft auch nachhaltige Holznutzung bedeutet. Nach seinen Berechnungen dürfte der Holzeinschlag jährlich bei etwa acht bis zehn Kubikmeter je Hektar Waldfläche liegen. Neben dem Holzverkauf diene die Bewirtschaftung aber auch der Steuerung der Waldentwicklung. Die Waldverjüngung gelinge meist von Natur aus. Örtlich müsse jedoch durch Pflanzung von Laubbäumen, insbesondere von Eichen, nachgeholfen werden.

„Insgesamt bedarf es bei der Bewirtschaftung eines besonderen Fingerspitzengefühls, um die Ansprüche aus der Waldbewirtschaftung mit den Ansprüchen aus der Erholungsnutzung möglichst konfliktfrei zu gestalten“, äußert Strütt Verständnis dafür, dass diese Entwicklung aufmerksam verfolgt wird. „Wenn wir den Wald nicht bewirtschaften würden, wäre der Seewald längst wieder ein Urwald und könnte auch der Schutz- und der Erholungsfunktion nicht in ausreichendem Maße gerecht werden.“

Die gesellschaftlichen Ansprüche, Holzproduktion, Naturschutz und Erholungsfunktion stehen örtlich in starker Konkurrenz zueinander, berichtet der Forstamtsleiter. Die Gesellschaft müsse, zumindest im öffentlich Wald, entscheiden, wie der Wald mit welchen Prioritäten genutzt werden soll. Im Seewald Friedrichshafen haben die Erholungsfunktion, Sichtschutz- und Immissionsschutzfunktionen in Bezug auf die B 30 und 31 eine herausragende Bedeutung, hebt Strütt hervor. Dem stünden die Ansprüche der Waldbesitzer gegenüber. Für den privaten Waldbesitz mit knapp 50 Prozent Waldanteil ist der finanzielle Aspekt der Holzproduktion am bedeutsamsten, während für den öffentlichen Wald das Gemeinwohlprinzip vorrangig und die Holzproduktion weniger gewichtig ist, erläutert Strütt und setzt hinzu: „Die Holzproduktion wird von vielen Waldbesuchern zu Unrecht sehr kritisch betrachtet.“

Fakten zum Seewald

  • Lage: Der Seewald östlich von Friedrichshafen zählt zu den größeren geschlossenen Waldflächen im Bodenseekreis. Er liegt auf den Gemarkungen Eriskirch (65 Prozent), Friedrichshafen (30 Prozent) und Meckenbeuren-Kehlen (fünf Prozent). Das Gebiet umfasst rund 470 Hektar Wald. Das sind rund 2,5 Prozent der gesamten Waldfläche im Bodenseekreis.
  • Besitz: Der Seewald ist im Eigentum folgender Waldbesitzer: Hofkammer des Hauses Württemberg (34 Prozent), Stadt Friedrichshafen (23 Prozent), Land Baden-Württemberg (19 Prozent), Gemeinde Eriskirch (neun Prozent) imd Kleinprivatwald verschiedener Waldbesitzer (13 Prozent).
  • Flora: Auch die Waldgesellschaften mit Fragmenten von Sumpfwäldern, Erlen-Eschenwäldern, Rotbuchenwälder, Eichen-Hainbuchenwälder zeigen heute noch wichtige Auwaldfunktionen zwischen der Rotachmündung und Schussenmündung.
  • Fauna: Gelbbauchunken, Ringelnattern, Frösche in den Bombenlöchern sowie Quelljungfern (Libellen) in den Bächen zeigen die ökologische Bedeutung, erläutert Bertrand Schmidt, Kreisökologe bei der Unteren Naturschutzbehörde am Landratsamt Ravensburg. Viele Fledermausarten bevölkern laut Schmidt den Wald. Auch Waldlaubsänger, Spechte und Hohltauben sind hier zu finden. Alte Eichen zeugen vom einstigen königlichen Wald. (gut)

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