Rat- und fassungslos sitzt der Rentner nach der gut einstündigen Verhandlung im Gerichtssaal und versteht das Ganze immer noch nicht. Eben hat ihn Richter Kovatschevitsch zu einer Geldstrafe von 300 Euro wegen Beleidigung verurteilt. Damit ist der 69-Jährige, der sich noch nie etwas zu Schulden kommen ließ, nun auch noch vorbestraft. „Ich hatte Mitleid mit der Beamtin, und die fällt mir so in den Rücken“, sagt er kopfschüttelnd.

Alles nur ein Missverständnis?

Was war passiert? Zusammen mit seiner Frau war der Rentner am 23. Mai in Friedrichshafen unterwegs, als er zufällig am Buchhornplatz auf eine kleine Demonstration stieß. Im Glauben, so erklärt er vor Gericht, da würden Corona-Leugner oder Querdenker gegen die Beschränkungen protestieren, sei er zu einer Polizistin gegangen und habe ihr ruhig und freundlich jenen Satz gesagt, für den er sich nun verantworten muss: „Wegen dieser Volldeppen müssen Sie jetzt hier stehen!“

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Allerdings war dies keine Demo von Corona-Kritikern, sondern eine vom Häfler „Bündnis für Vielfalt“ angemeldete Veranstaltung zum „Tag des Grundgesetzes“. Was auf den Plakaten stand, habe er kaum wahrgenommen, erklärt der herzkranke Mann, der sich auch in seinen Schreiben an das Gericht vor die Polizisten stellt. Die Beamten müssten den Kopf hinhalten, wenn trotz steigender Infektionszahlen „die Demonstranten wie Kasper durch die Straßen springen“ und aller Gesundheit gefährden.

So sah die Menschenkette für das Grundgesetz in Corona-Zeiten aus. Hier gab es Plakate anstelle von Reden vor Ort.
So sah die Menschenkette für das Grundgesetz in Corona-Zeiten aus. Hier gab es Plakate anstelle von Reden vor Ort. | Bild: Andrea Fritz

Die Polizistin, schilderte der Angeklagte vor dem Richter, habe ihn allerdings „unwirsch“ um seinen Ausweis gebeten und erklärt, dass sie zu den Demonstranten gehen und fragen werde, ob jemand Anzeige erstatten will. So muss es gewesen sein, denn drei Personen stellten einen Strafantrag gegen den Rentner.

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Genau deshalb erhielt er vom Amtsgericht einen Strafbefehl wegen Beleidigung. Doch die Geldstrafe von 450 Euro wollte der Angeklagte nicht auf sich sitzen lassen, weshalb es zu der Verhandlung am Montag kam. „Ich habe doch niemanden direkt beleidigt, sondern nur meine Meinung gesagt“, beteuerte er immer wieder. Außerdem könne das niemand anderes gehört haben als die Polizeibeamtin und ihre Kollegin. Und „Depp“ sei im Schwäbischen doch absolut geläufig.

„Kein Recht, jemanden Volldepp zu nennen“

Das spiele keine Rolle, erklärte Richter Kovatschevitsch. Selbst wenn die Leute das nicht selbst gehört haben, „gibt Ihnen niemand das Recht, jemanden Volldeppen zu nennen“, sagte die Staatsanwältin. Warum sie ihn dann angezeigt haben, konnten sie vor Gericht nicht erklären, weil sie als Zeugen nicht mehr vernommen werden mussten. Denn den Einspruch gegen den Strafbefehl nahm er letztlich zurück – wenn auch nur zähneknirschend. Er sei sich keiner Schuld bewusst. Wegen seiner kleinen Rente und der Herzkrankheiten fiel die Strafe auf Antrag des Rentners geringer aus.