Dass in der Nacht zum Sonntag etwas im Fallenbrunnen passiert sein musste, machte schnell die Runde. Selbst wer nicht dort lebt oder etwa zum Feiern in der ehemaligen Kaserne im Häfler Nord-Westen unterwegs war, kannte möglicherweise noch vor dem Morgengrauen die Schilderung eines Facebook-Nutzers, wonach Feuerwehr und Polizei in der Nacht vor Ort waren. Dass auch ein Hubschrauber im Einsatz war, konnte auch wissen, wer nicht selbst von ihm aus dem Schlaf gerissen worden war.

Auch von einem Leichenwagen war die Rede

Als sich das Polizeipräsidium Konstanz und die Staatsanwaltschaft Ravensburg an die Öffentlichkeit wandten, war die Sonne schon wieder untergegangen. Erst kurz nach „Tatort“-Beginn teilten die Behörden mit, dass wegen eines versuchten Tötungsdelikts gegen einen 21-Jährigen ermittelt wird. Im Netz war längst sogar von einem Leichenwagen die Rede. Was aber war tatsächlich passiert?

16-jähriges Opfer zwischenzeitlich außer Lebensgefahr

Der junge Mann soll nach Auskunft der Ermittlungsbehörden gegen 2 Uhr in jener Nacht mehrfach mit einem Messer auf seine 16-jährige Ex-Freundin eingestochen haben. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen davon aus, dass der Tatverdächtige die Jugendliche zufällig in einer Diskothek im Fallenbrunnen getroffen und um eine Aussprache im Freien gebeten hatte. Auf einem Parkplatz sei diese Aussprache eskaliert. Das lebensgefährlich verletzte Opfer konnte noch selbst Hilfe rufen und einen Hinweis auf den mutmaßlichen Täter geben, teilten die Behörden weiter mit. Wie die Polizei am Montag auf ihrer Facebook-Seite ergänzte, schwebt die Jugendliche zwischenzeitlich nicht mehr in Lebensgefahr. Ihr Ex-Freund, der zunächst entkommen war, hatte sich am Sonntag gegen 16.30 Uhr den ermittelnden Kriminalbeamten gestellt.

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Mutmaßlicher Täter schweigt zu den Vorwürfen

"Davor war es nicht möglich, die Öffentlichkeit zu informieren", sagt Markus Sauter, Sprecher des Polizeipräsidiums Konstanz im Gespräch mit dieser Zeitung. "Wir hätten höchstens verlautbart, das in einem Gewaltdelikt ermittelt wird und auch das nur auf Anfrage." Dazu, wie die viel zitierten "ermittlungstaktischen Gründe" aussehen, die in diesem Fall gegen eine frühzeitigere Informationen der Öffentlichkeit sprachen, äußert sich der Polizeisprecher nur vage: "Das hing mit den noch laufenden Fahndungsmaßnahmen zusammen." Gegen den 21-Jährigen wurde am Montagnachmittag Untersuchungshaft angeordnet. Ermittelt werde wegen versuchten Totschlags, so Staatsanwalt Wolfgang Angster. Geäußert habe sich der Mann weder zuvor, noch gegenüber dem Haftrichter. Die Arbeiten der bei der Kriminalpolizeidirektion in Friedrichshafen eingerichteten Ermittlungsgruppe dauern einer Mitteilung von Polizei und Staatsanwaltschaft zufolge an.

Warum manches Detail erst im Gerichtssaal öffentlich wird – wenn überhaupt

Wann welche Informationen zu Polizeieinsätzen an die Öffentlichkeit gegeben oder bestätigt werden, lässt sich nicht pauschal sagen, erklärt Sauter. "Da spielen sehr viele Dinge eine Rolle." Dazu gehört etwa, ob eine Gefahr für andere Personen besteht und ob öffentlich bekannte Informationen den Erfolg laufender Ermittlungen gefährden könnten. Und auch ganz andere Gründe sprechen mitunter dagegen, Details rasch öffentlich zu machen. Nach Unfällen mit Todesfolge etwa will die Polizei unmittelbar betroffene Angehörige davor bewahren, die furchtbare Nachricht auf anderen Wegen zu erfahren, als von den Beamten selbst.

Verpflichtet, nur gesicherte Informationen weiterzugeben

"Wir sind als Behörde verpflichtet, nur gesicherte Informationen weiterzugeben", ergänzt Sauter. Eine voreilige Fahndung oder Meldung über die Festnahme eines Verdächtigen beispielsweise könnte eine Vorurteilung darstellen. Und selbst gesicherte Details behalten die Ermittlungsbehörden aus verschiedenen Gründen mitunter für sich – etwa, wenn es sich um so genanntes Täterwissen (siehe unten) handelt.

Wolfgang Angster weiß um das öffentliche Interesse, das es zu Straftaten wie jener im Fallenbrunnen gibt, wirbt aber ganz allgemein um Verständnis: "In bestimmten Ermittlungslagen können wir nicht mit sämtlichen Details an die Öffentlichkeit gehen." Ein Zuviel an öffentlicher Information könne die Ermittlungen und den Tatnachweis erschweren, Beweise letztlich weniger beweiskräftig machen – oder vollkommen unabsehbare Folgen haben. "Eine öffentliche Fahndung kann auch den Druck auf Tatverdächtige erhöhen", so der Sprecher der Ravensburger Staatsanwaltschaft. Außerdem gebe es Fälle, in denen Einzelheiten zum Schutz der Opfer nicht genannt werden.

Viele Falschmeldungen und Halbwahrheiten

Das Internet, Smartphones und Netzwerke wie Facebook haben das Drängen nach raschen Informationen erhöht, schildert Wolfgang Angster. Und sie haben auch Einfluss auf den behördlichen Umgang damit. Oft seien es Halb- oder Nichtwahrheiten, die durch die sozialen Netzwerke geistern, gibt Polizeisprecher Markus Sauter zu Bedenken. "Es ist mitunter schwierig, da gegenzusteuern", sagt er. Unter Umständen sehe sich die Polizei sogar gezwungen, an die Öffentlichkeit zu gehen – stets in Abstimmung mit der Staatsanwaltschaft. "Es werden viele Falschmeldungen in Umlauf gebracht", beobachtet auch Wolfgang Angster. "Vor 15 bis 20 Jahren sind wurde nicht so offensiv mit Informationen umgegangen", sagt er.