Ob es der prominente Festredner war, der so viele Häfler in diesem Jahr zum Neujahrsempfang lockte? Oder waren es doch die vielen Themen, die im vergangenen Jahr die Zeppelinstadt förmlich in Atem hielten, die für so viel Andrang sorgten? Mehr als 2000 Menschen gaben sich am Sonntagabend im Graf-Zeppelin-Haus ein Stelldichein, darunter auch Vertreter der Wirtschaft, der Politik, der Kultur, der Medien und zahlreiche Bürgermeister aus den Nachbargemeinden.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hielt eine nachdenkliche Rede.
Ministerpräsident Winfried Kretschmann hielt eine nachdenkliche Rede. | Bild: Felix Kaestle

Die Rede von Winfried Kretschmann

Mit Spannung wurde der Auftritt des baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann erwartet, der sich in seiner Rede mit Europa beschäftigte. Nachdenklich wirkte der Ministerpräsident, der gemeinsam mit seiner Frau Gerlinde nach Friedrichshafen gekommen war. "In welchem Europa wollen wir leben?", fragte Winfried Kretschmann und versuchte, darauf angesichts der aktuellen Entwicklungen in der Welt und in Europa eine Antwort zu finden. Grundlage sei für ihn, dass gerade in Zeiten der Globalisierung der Begriff Heimat wichtig sei und auch in einem vereinten Europa eine wichtige Rolle spielen müsse. Für "ein Europa, das Raum lässt für Heimat, aber trotzdem zusammensteht", sprach sich der grüne Ministerpräsident aus. "Europa darf nicht zu weit hineinregieren", warnte Kretschmann. Nationalistische und separatistische Tendenzen gelte es jedoch entschieden entgegenzuwirken. "Europa wurde gerade deshalb gegründet, um den Nationalismus zu überwinden", erinnerte Kretschmann das Publikum. "Es ist eine Illusion zu glauben, dass die Rückkehr zu Nationalstaaten irgendetwas hilft.

Das beste Beispiel ist Großbritannien", führte Kretschmann aus. Denn die Briten verlören mit dem Brexit gleich doppelt: sowohl was ihren Einfluss auf der Weltbühne betreffe als auch national, da der Verlust Schottlands und Irlands drohe. Gegen die neuen Machtzentren USA, Russland, Türkei und Nordafrika müsse sich Europa wappnen, und zwar gemeinsam. "Sonst werden wir förmlich zerquetscht", warnte er. Er plädierte dafür, dass Europa gemeinsame Werte vertrete. "Was gerade in Polen und Ungarn passiert – das geht ans Eingemachte", sagte Kretschmann. Klar sei, dass die Menschen ein sicheres Europa brauchen, das die Außengrenzen sichert und Antworten auf die Migrationsbewegung findet. Zudem müsse Lohndumping entgegengewirkt werden und der Klimawandel bekämpft werden. Zudem verwies Kretschmann darauf, dass das erfolgreiche Modell der sozialen Marktwirtschaft von Europa durchgesetzt werden müsse.

Einen kleinen Seitenhieb gab er in Richtung Berlin und die Sondierungsgespräche zwischen Union und SPD. "Es wundert mich, dass sich offenbar der Wunsch ausgebreitet hat, eher nicht zu regieren, als zu regieren", sagte der baden-württembergische Ministerpräsident. Er forderte von allen Parteien den Mut zu neuen Bündnissen. "Wir werden uns in Zukunft mir wechselnden Mehrheiten abfinden müssen", mahnte er. Schließlich sei auch in Stuttgart ein grün-schwarzes Bündnis entstanden, dass sich "erst finden musste", wie er es ausdrückte und dafür viel Applaus erhielt. Auf Friedrichshafen ging Kretschmann nur knapp ein. Kein Wort verlor er über den Rücktritt des ZF-Chefs Stefan Sommer oder den schwelenden Stiftungsstreit zwischen der Stadt und Graf Brandenstein-Zeppelin.

Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand fand offene Worte.
Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand fand offene Worte. | Bild: Felix Kaestle

Die Rede von Andreas Brand

Klare Worte richtete Friedrichshafens Oberbürgermeister Andreas Brand an das Publikum – besonders in Bezug auf die großen Themen, die 2017 die Zeppelinstadt bewegten. Zu der Auseinandersetzung zwischen dem ZF-Aufsichtsrat und dem ehemaligen ZF-Vorstandsvorsitzenden sagte das Stadtoberhaupt: "Es gab Meinungsverschiedenheiten zwischen einem Mitarbeiter und seinen Arbeitgebern." Die Details dieses Streits hätten, so Brand, nichts in der Öffentlichkeit zu suchen, auch "wenn die Medien Details und Hintergründe lieben." Trotzdem äußerte er sich zu dem Streit um den Kauf des Bremsenherstellers Wabco, den Sommer wollte, der Aufsichtsrat aber ablehnte. Die Risiken dieser Übernahme hätten in einem steilen Anstieg der Verschuldung enden können. "Und diese Risiken haben die Chancen überstiegen. Denn nur durch den Verkauf von Anteilen der ZF und einem Börsengang hätten die Risiken abgesichert werden können", erklärte Brand die ablehnende Haltung. ZF sei ein Stiftungsunternehmen, das seinen Sitz in Friedrichshafen habe und "nicht an der Börse". Brand sicherte zu, dass die ZF auch in Zukunft Unternehmen kaufen könne.

Andreas Brand wehrte sich auch gegen das Bild eines uneinsichtigen, verschlafenen und lokalpolitisch handelnden Ortes am Bodensee, den Friedrichshafen in der bundesweiten Debatte um die ZF aber auch um den neuen Standort der "Landshut" im Dornier-Museum zugedacht wurde. "Wir werden sehen, wie es weiter geht mit dem Konzept und der Zukunft der Landshut", so Brand. Schließlich widmete er sich auch dem aktuellen Streit um die Zeppelin-Stiftung. "Die unzulässige und unbegründete Klage gegen das Land Baden-Württemberg und damit im Grunde gegen die Zeppelin-Stiftung" sei mit allerlei juristische Winkelzügen und medial kräftig unterfütterten Angriffen aus Mittelbiberach garniert. Seit einem Jahr sei die Klage nicht erläutert und begründet worden, so Brand. Er wiederholte seine Überzeugung, dass die Klage zurückgewiesen werde. "Die Zeppelin-Stiftung erfüllt den Stifterwillen", betonte Brand. Deswegen sei das Stiftungsvermögen dauerhaft zu erhalten und auszubauen.

So unterhaltsam war der Abend im Graf-Zeppelin-Haus

Der Jahresempfang ist einer der gesellschaftlichen Höhepunkte in der Zeppelinstadt. Alles, was Rang und Namen hat, lässt sich hier sehen.

  • Die Gäste: Zahlreiche Ehrengäste waren eingeladen, darunter die Chefs der großen Industrieunternehmen ZF, Airbus und MTU, der Bundestagsabgeordnete Lothar Riebsamen, die Landtagsabgeordneten Martin Hahn und Klaus Hoher, Herzog Friedrich von Württemberg, Dornier-Museums-Chef David Dornier, die Präsidentin der Zeppelin-Universität Insa Sjurts oder Flughafen-Geschäftsführer Claus-Dieter Wehr.
  • Die musikalische Umrahmung: Das Stadtorchester spielte unter der Leitung von Pietro Sarno zu Beginn die "English Folk Suite" von Ralph Vaughan Williams. Zwar klatschte das Publikum zwischen den Sätzen, was den musikalischen Genuss jedoch nicht schmälerte. Nach der Rede Winfried Kretschmanns spielten sie das Stück "Carnaval" von Julie Giroux, nach der Rede von Andreas Brand die Filmmusik "Batman" von Danny Elfman. Zum Schluss wurde traditionsgemäß zur die Nationalhymne aufgespielt, das Publikum sang dabei mit.
  • Das Büfett: Das Catering der Gastronomie Zehrer sorgte nach dem offiziellen Teil für viel Lob. Es gab kleine Quiches, Brezeln, belegte Seelen sowie Bier, Wein und antialkoholische Getränke. Genauere Zahlen wurden von der Stadtverwaltung nicht preisgegeben. "Es hat aber für alle 2000 Gäste gereicht", sagte Pressesprecherin Andrea Kreuzer auf Nachfrage.

Wer nicht dabei sein konnte, kann sich den Jahresempfang auf Youtube als Video anschauen. Zu finden ist dies im Internet unter:www.friedrichshafen.de/live

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