Eigentlich wollte sich Carolin Castner beim Fahrradgebrauchtmarkt des Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Clubs (ADFC) in Friedrichshafen nach einem E-Bike umsehen, aber die waren rar. Dann hat sich die Markdorferin spontan in ein kanariengelbes Damenrad mit sonnenblumenverziertem Fahrradkorb verliebt.

Carolin Castner verliebt sich in ein "Mädelrad"

Der Preis: 200 Euro. "Das ist ein richtiges Mädelrad", schwärmt Carolin Castner nach einer kleinen Probefahrt auf dem Parkplatz hinter der alten Festhalle. "Es ist nagelneu", sagt die Dame neben ihr. Irmgard Standke hat das Rad bei einem Preisausschreiben gewonnen, hat aber keine Verwendung dafür, weil sie selbst ein Pedelec fährt.

E-Bike-Fahrer bieten ihre normalen Räder zum Kauf an

Wie neu sehen auch die Räder von Richard und Waltraud Pfleghaar aus Meckenbeuren aus. Sie sind vor zwei Jahren auf Pedelecs umgestiegen und geben ihre ausgedienten Räder für schlappe 40 und 50 Euro her. Solche Schnäppchen finden natürlich auf der Stelle einen Käufer. Da genügt ein Blick aufs Preisschild und weg sind sie. "Wir haben erst gedacht, wir behalten sie noch eine Weile, aber wenn man erst einmal E-Bike gefahren ist...", sagt Waltraud Pfleghaar und lächelt vielsagend, ehe sie ihr ausgedientes lila Damenrad einem Helfer überlässt.

258 Fahrräder sind im Angebot

Ansturm auf den ADFC-Fahrradgebrauchtmarkt: Schon deutlich vor Einlass um 10 Uhr warten die Interessenten darauf, in die Turn- und Festhalle eingelassen zu werden. Am Ende werden 74 Prozent der Erwachsenenräder und 81 Prozent der Kinderräder ihren Besitzer gewechselt haben.
Ansturm auf den ADFC-Fahrradgebrauchtmarkt: Schon deutlich vor Einlass um 10 Uhr warten die Interessenten darauf, in die Turn- und Festhalle eingelassen zu werden. Am Ende werden 74 Prozent der Erwachsenenräder und 81 Prozent der Kinderräder ihren Besitzer gewechselt haben. | Bild: Andrea Fritz

Er stellt es zu den anderen 258 Fahrrädern dazu. Schon in wenigen Minuten wird es die neue Besitzerin, die bereits in der Menschenmenge hinter der Absperrung auf Einlass wartet, wieder aus der Halle schieben.

Unter den ersten Besuchern ist auch Nermin Ramic, der eigentlich nur ein Rad für seinen Sohn kaufen wollte, denn dem Junior war der fahrbare Untersatz vergangene Woche geklaut worden. Der Sohn hat sich schnell für ein Rad entschieden und auch der Vater findet etwas: ein Pedelec für 590 Euro. Sein Kollege, der sich auskennt, sagt, das sei ein gutes Angebot. Seine Frau sagt, ein bisschen Sport könne ihm nicht schaden. Und

Nermin Ramic kauft sich spontan ein Pedelec

ADFC-Kreisvorsitzender Bernhard Glatthaar beantwortet die Fragen, die Nermin Ramic zu seinem ersten Pedelec hat.
ADFC-Kreisvorsitzender Bernhard Glatthaar beantwortet die Fragen, die Nermin Ramic zu seinem ersten Pedelec hat. | Bild: Andrea Fritz

Nermin Ramic selbst sagt, ihm gefalle die Aussicht, künftig bequem mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren – also greift er zu. Ob er sein Rad vor Ort für 12,50 Euro codieren lässt, überlegt er sich noch.

Für Oliver Fuchs stellt sich diese Frage nicht. Der Lindauer lässt jedes neue Rad beim ADFC codieren und tatsächlich ist ihm auch noch nie ein Rad abhandengekommen. "Wehret den Anfängen", lacht er. Als Mitglied im ADFC bezahlt er nur 5 Euro für den Service.

Vor allem Pedelec-Besitzer lassen ihre Räder codieren

Oliver Fuchs (links) kam extra mit seinem neuen Rad aus Lindau, um es von Roland Merz codieren zu lassen.
Oliver Fuchs (links) kam extra mit seinem neuen Rad aus Lindau, um es von Roland Merz codieren zu lassen. | Bild: Andrea Fritz

"50 Prozent der Räder, die codiert werden, sind mittlerweile Pedelecs", sagt Bernhard Glatthaar, Kreisvorsitzender des ADFC. Der Zweirad-Industrie-Verband prognostiziert, dass in diesem Jahr 860 000 neue E-Bikes und Pedelecs in Deutschland verkauft werden. Das sind 18 Prozent mehr als 2017. "Der Boom hat den Gebrauchtradmarkt aber noch nicht erreicht", sagt Glatthaar. Am Samstag waren nur zehn Pedelecs im Angebot. Das liegt daran, dass die meisten Exemplare jünger als fünf Jahre sind und ihre Besitzer sich noch nicht trennen wollen. Einen Effekt spürt Organisator Ulrich Baum aber doch: "Die Qualität der Räder, die bei uns angeboten werden, steigt von Jahr zu Jahr." Natürlich trägt auch die Annahmegebühr von 8 Euro dazu bei, dass keine "alten Göppel" mehr verkauft werden.

Der nächste Häfler ADFC-Fahrradgebrauchtmarkt in der Alten Turn- und Festhalle ist am Samstag, 13. April 2019.

"Gebraucht ist es
die Katze im Sack"

  • Das E-Bike: "Die meisten Leute, die E-Bike sagen, meinen eigentlich ein Pedelec", sagt Bernhard Glatthaar, der Vorsitzende des Kreisverbands im Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC). Ein "echtes" E-Bike fahre nämlich wie ein Mofa, nur eben mit einem Elektroantrieb. Wie beim Mofa brauche man für ein E-Bike eine Fahrerlaubnis und ein Nummernschild. Man dürfe damit nicht auf dem Fahrradweg fahren und ein normaler Fahrradhelm erfülle auch nicht die Helmpflicht.
  • Das Pedelec: Pedelec ist die Abkürzung für Pedal Electric Cycle. Schon der Name sagt, dass man in die Pedale treten muss, damit die elektrische Unterstützung funktioniert. Die Geschwindigkeit ist beim Pedelec auf 25 Stundenkilometer begrenzt. Damit dürfen diese Räder auf dem Radweg gefahren werden. Dies gilt jedoch nicht für die S-Pedelecs, die schneller sind; sie gehören ebenfalls auf die Straße. In der rechtlichen Grauzone fahren Roller mit Elektroantrieb, mit denen man eigentlich derzeit sogar noch durch Fußgängerzonen düsen darf – sogar Kinder.
  • Der Gebrauchtkauf: Wer ein Pedelec oder E-Bike gebraucht kauft, kauft immer die Katze im Sack, sagt Bernhard Glatthaar. Knackpunkt ist der teure Akku. So kann ein Akku, der drei Jahre lang täglich benutzt wurde und keiner Kälte ausgesetzt war, wie neu sein. Stand das Rad hingegen drei Jahre lang nur unbenutzt im Keller oder gar im kalten Schuppen, taugt der Akku vermutlich nicht mehr viel. Da Pedelecs und E-Bikes schwerer sind als normale Fahrräder, lohnt sich bei Gebrauchträdern auch ein Blick auf den Zustand des Zahnrads, sagt Bernhard Glatthaar.