„Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Mit dem ersten Grundsatz der deutschen Verfassung beginnt der Brief von Sabine Wuermeling an Oberbürgermeister Andreas Brand. Seit zwei Wochen kümmert sie sich um einen 18-jährigen Gambier, der von der Stadt in die Unterkunft für Obdachlose im Wachirweg 20 eingewiesen wurde. Nachdem die Überlingerin am 3. August mit dem jungen Flüchtling sein neues „Zuhause“ inspiziert hatte, nahm sie ihn kurzerhand wieder mit. „Beim Zustand des Hauses fehlten mir die Worte. Das Zimmer Nr. 7 ist für meine Begriffe zum derzeitigen Stand nicht bewohnbar“, steht in dem Brief, den sie an das Häfler Stadtoberhaupt, Bürgermeister Andreas Köster und Sozialamtsleiter Wilhelm Böhler adressiert hat. Der Allgemeinzustand des Hauses sei "ein Armutszeugnis".

Plastisch beschreibt Sabine Wuermeling, was sie vorfand. „Der Boden stand vor Dreck, ein Überbleibsel Vorhang hing an einem dünnen Faden vor dem Fenster. Der Metallspind stand windschief ohne Türen in der Ecke, eine demolierte Holzkommode daneben, zwei versiffte Matratzen und undefinierbarer Müll ... lagen verteilt auf dem Boden. Die Küche war eine Zumutung ... Den Sanitärbereich hätte ich nicht einmal mit Schuhen betreten, geschweige denn mich dort geduscht oder gar die Toilette benutzt.“ Der Sozialarbeiter, der bei dem Rundgang dabei war, habe ihr erklärt, dass die Bewohner des Hauses ein großes Aggressionspotenzial hätten. „Die Polizei ist oft gesehener Gast...", schreibt sie. Und: „Eine Situation, die für einen 18 Jahre alten Gambier, der durch die Flucht und die damit verbundenen Gräuel zutiefst traumatisiert wurde, nicht tragbar ist.

“ Er habe ohnehin den Boden unter den Füßen verloren, konnte sich nicht normal entwickeln und ausreifen und bedürfe ihrer Ansicht nach dringend einer Therapie, schreibt die Frau. Kurzum: Der Junge brauche Hilfe, die aber von keiner Behörde gewährt werde.

Auf ihren Brief hat Sabine Wuermeling bis dato keine Antwort erhalten. Bakou (Name geändert, die Redaktion) schläft bei der Familie auf der Couch. Er kam als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling (UMA) Anfang des Jahres nach Friedrichshafen und hier bei einer Gastfamilie unter. Im Juli zog er dort aus, weil ein Zusammenleben wegen großer Differenzen beiderseits nicht mehr möglich war. „Das Jugendamt wollte eine Unterkunft für ihn suchen, weshalb ich mich bereit erklärte, ihn drei, vier Tage bei uns aufzunehmen“, erzählt die Frau, die sich als Sprachkoordinatorin ehrenamtlich auch in der Flüchtlingshilfe engagiert. Das Jugendamt forderte allerdings kurz darauf die Stadt Friedrichshafen auf, Bakou unterzubringen. Man sei nicht mehr zuständig, teilte eine Mitarbeiterin der Kreisbehörde der Überlingerin mit, da der 18-Jährige mit dem Auszug bei der Gastfamilie auch keine Jugendhilfe mehr bekomme. Die Stadtverwaltung bot Bakou das Zimmer im Wachirweg an. „Ihn dort hineinzustecken, kommt nicht in Frage“, sagt Sabine Wuermeling. Seither hänge nicht nur Bakou, sondern auch sie in die Luft. „Ich fühle mich benutzt“, klagt sie, „so geht’s einfach nicht mehr."

Die Stadt Friedrichshafen bestätigt den Vorgang, anonymisiert. Ein volljähriger Flüchtling, der seine Pflegefamilie verlassen musste, sei in den Wachirweg eingewiesen worden, aber nicht eingezogen. Derzeit leben dennoch vier Jugendliche unter 21 Jahren – so lange kann das Jugendamt Jugendhilfe gewähren – in der Obdachlosenunterkunft. Darunter auch ein junger Mann, der wie Bakou als UMA in Deutschland einreiste, Jugendhilfe bekam und mittlerweile Aufenthaltsrecht hat. Er wurde als Obdachloser untergebracht.

Hält die Stadt Friedrichshafen die Unterbringung von jugendlichen Flüchtlingen oder Asylbewerbern in einer Obdachlosenunterkunft für sachgerecht und tauglich? „Wir sind uns der Problematik durchaus bewusst. Allerdings stehen uns für die Unterbringung obdachloser Personen, als die wir diesen Personenkreis betrachten müssen, nur begrenzte räumliche Kapazitäten zur Verfügung“, nimmt Monika Blank, Sprecherin der Stadtverwaltung, dazu Stellung. Es gebe Vorgaben eben der Aufsichtsbehörden. „Gerade vor diesem Hintergrund haben wir das Jugendamt mehrfach darauf hingewiesen, dass uns nur eine Obdachlosenunterkunft zur Verfügung steht, um die Person unterzubringen“, so Blank.

Sabine Wuermeling hilft das alles nicht weiter. Sie erwartet Hilfe, während sich die Ämter darüber streiten, welche Behörde zuständig ist und ihrem Schützling helfen kann. „Bakou ist nicht in der Lage, selbstverantwortlich und eigenständig zu leben“, schätzt sie ein. Ein derart labiler, instabiler und unreifer Mensch brauche Hilfe. Eine helfende Unterkunft könne ihre Familie ihm nicht bieten. Mittlerweile hat sich das Jugendamt erneut gemeldet. Ein Gespräch mit ihr und Bakou sei anberaumt. Der junge Gambier könnte wieder Jugendhilfe erhalten und würde damit in die Obhut der Behörde zurückkehren, wenn er sich kooperativ zeige.

Wie Hilfe geplant und gewährt wird

Das Jugendamt entscheidet, ob ein UMA mit dem 18. Geburtstag weiter Jugendhilfe bekommt. Die Rechtslage ist klar, der Gestaltungsspielraum der Behörde groß.

  • Der Anspruch auf Jugendhilfe endet nicht automatisch mit dem 18. Geburtstag, so ein Sprecher des Sozialministeriums. "Im Regelfall" soll Jugendhilfe bei UMA auch über die Volljährigkeit hinaus gewährt werden. Denkbar wären sozialpädagogisch begleitete Wohnformen während der schulischen oder beruflichen Ausbildung oder bei der beruflichen Eingliederung.
  • Im Bodenseekreis wird für jeden UMA vor dem 18. Geburtstag der weitere Jugendhilfebedarf ermittelt und etwa drei Monate vorher mit ihm erörtert. Der junge Mensch habe "bei der Auswahl und Gestaltung der Hilfe ein Wunsch- und Wahlrecht zwischen verschiedenen Einrichtungen und Trägern, Gastfamilien", so das Landratsamt. Seine Wünsche seien zu berücksichtigen. "Dieses Recht findet allerdings seine Grenze, wenn die gewünschte Hilfe dem bestehenden Bedarf nicht entspricht oder unverhältnismäßige Mehrkosten verursacht", so das Landratsamt. Was bedarfsgerecht ist, entscheidet also das Jugendamt.
  • Lehnt der junge Mensch die bedarfsgerechte Hilfe ab, werden ihm "die weitreichenden Folgen seiner Entscheidung intensiv erläutert".
  • Die Interessen jedes UMA werden im Bodenseekreis nach Auskunft des Landratsamtes durch Mitarbeiter des Landratsamtes vertreten, die als Vormund bestellt werden (Amtsmündel). Private Einzelvormünder gebe es nicht. Zwei Interessenten würden derzeit überprüft. Zwar hätten sich viele interessierte und engagierte Bürger beim Jugendamt gemeldet, doch die Anforderungen seien hoch und die justizielle Vergütung für Einzelvormünder gering, teilte das Landratsamt auf Anfrage mit. (kck)