Die Bilanz von Norbert Schültke, Chef des Häfler Stadtverkehrs, liest sich prächtig. Mit 3,9 Millionen Fahrgästen nahmen 2018 mehr als doppelt so viele Häfler den Stadtbus wie im ersten Betriebsjahr 1999. Auch das Fahrplanangebot hat in den letzten knapp 20 Jahren um fast die Hälfte zugelegt. 2018 haben die 22 „Silberpfeile„ 1,8 Millionen Kilometer zurückgelegt. Und: Knapp 70 Prozent der rund 5000 befragten Häfler Haushalte gaben 2017 an, mit dem öffentlichen Nahverkehr (ÖPNV) in der Stadt insgesamt zufrieden zu sein. 

„Meistens fahre ich mit meinem Fahrrad, selten mit dem Auto. Ich brauche den ÖPNV nicht, deshalb würde ich ihn auch nicht mehr nutzen, wenn die Fahrkarten günstiger wären.“
Sabine Leschhorn, 56, Friedrichshafen

Bei genau dieser Umfrage hätten die Tarife „so gut wie keine Rolle gespielt“, erklärte Norbert Schültke unlängst bei den „Ailinger Gesprächen“, zu denen der SPD-Ortsverein eingeladen hatte. Thema war das 365-Euro-Ticket. Für einen Euro am Tag Bus und Bahn fahren: Kann das auch im Häfler Stadtverkehr funktionieren? Taugt das, um Autofahrer zum Umdenken und Umsteigen zu motivieren?

Braucht es das 365-Euro-Ticket, um die Menschen zum Umstieg auf Bus und Bahn zu bewegen? Bernd Caesar, Georg Sele und Norbert Schültke (von links) diskutierten darüber.
Braucht es das 365-Euro-Ticket, um die Menschen zum Umstieg auf Bus und Bahn zu bewegen? Bernd Caesar, Georg Sele und Norbert Schültke (von links) diskutierten darüber. | Bild: Cuko, Katy

Der ernüchternde Feldversuch im Häfler Stadtverkehr lässt für dessen Chef eher andere Schlüsse zu. Seit Mai dieses Jahres ist im Stadtbus samstags nur der halbe Tarif fällig – für E-Card-Inhaber tatsächlich nur ein Euro pro Fahrt. Der Effekt war bis zum letzten Oktober-Wochenende gleich Null, die Fahrgastzahlen stiegen nicht an. „Entscheidend ist nicht der Tarif, sondern was in der Stadt los ist“, kommentierte Norbert Schültke das Ergebnis. Er meint, dass der Verbund-Tarif von Bodo akzeptiert und nicht das Problem sei.

„Momentan fahre ich selten mit Bus und Bahn, sondern mit dem Rad. Gäbe es das 1-Euro-Ticket, würde ich die öffentlichen Verkehrsmittel öfter nutzen“, sagt Siegfried Pfündl, 81, aus Friedrichshafen.
„Momentan fahre ich selten mit Bus und Bahn, sondern mit dem Rad. Gäbe es das 1-Euro-Ticket, würde ich die öffentlichen Verkehrsmittel öfter nutzen“, sagt Siegfried Pfündl, 81, aus Friedrichshafen. | Bild: Jana Meßmer

Um die Verkehrswende zu schaffen, brauche es zuerst den schrittweisen Ausbau des Angebots. Also mehr Linien und Haltestellen für den Stadtbus und einen flächendeckenden Halbstundentakt mindestens auf den Hauptverkehrsachsen. „Da sind wir schon gut unterwegs, aber noch nicht am Ende in Friedrichshafen„, so Schültke. Das berühmte „Wiener Modell“ – hier wurde der 365-Euro-Tarif eingeführt – habe aber nicht nur den ÖPNV gestärkt, sondern auch Stellplätze für Autos massiv reduziert und verteuert. Es könne doch nicht sein, so Schültke, dass in Friedrichshafen an mancher Straße noch billiger geparkt werden kann als im Parkhaus.

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Mit genau diesem Ansatz hätten es Österreich, die Schweiz und Liechtenstein geschafft, einen attraktiven ÖPNV auf Straße und Schiene zu bekommen, berichtete Georg Sele, Präsident des Verkehrsclubs Liechtenstein. Es brauche An- und Abreize, um die bequemen Autofahrer zum Umdenken zu bewegen. Abreize müssten so stark sein, dass sie zur Verhaltensänderung beitragen. „Stau ist das ein nötiges Element“, sagte er – solange Fahrrad und Bus durchkommen. Arbeitgeber könnten außerdem die Wahl des Verkehrsmittels ihrer Mitarbeitern beeinflussen, indem sie beispielsweise ihre Parkplätze bewirtschaften oder eine Prämie zahlen, wenn sie mit Fahrrad oder Bus den täglichen Arbeitsweg nehmen.

„Mit meiner Monatskarte fahre ich viel mit dem Bus. Da ich recht zentral wohne, ist die Anbindung ohnehin gut und ich brauche kein Auto. Günstiger wäre natürlich schön, aber ich bin zufrieden mit dem Angebot“, meint Angela Goerke, 32, aus Friedrichshafen.
„Mit meiner Monatskarte fahre ich viel mit dem Bus. Da ich recht zentral wohne, ist die Anbindung ohnehin gut und ich brauche kein Auto. Günstiger wäre natürlich schön, aber ich bin zufrieden mit dem Angebot“, meint Angela Goerke, 32, aus Friedrichshafen. | Bild: Jana Meßmer

Für Bernd Caesar, SPD-Ortschaftsrat in Kluftern, ist der Autoverkehr in der Stadt wie die Raupe Nimmersatt. 65 Prozent der ZF-Beschäftigten kämen zumeist allein auf vier Rädern zur Arbeit und jammerten darüber, dass sie im Stau stehen, bevor sie auf riesigen Plätzen kostenlos vor dem Werkstor parken. Früher habe es Werksbusse gegeben. „Wir brauchen einen größeren Anteil am Verkehrsraum für ÖPNV und Radfahrer“, so Caesar. Es könne beispielsweise nicht sein, dass die Stadt auf beiden Seiten der Charlottenstraße Parkplätze bewirtschafte, und der Stadtbus komme nicht durch und pünktlich an die nächste Haltestelle.

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Seine Kritik richtete sich aber auch den Stadtverkehr, der seine finanziellen Möglichkeiten nicht ausschöpfe, um schneller attraktiver zu werden. Ein Defizit von maximal 2,5 Millionen Euro pro Jahr sind erlaubt. Ausgeschöpft habe das städtische Unternehmen diesen vom Gemeinderat vor über zehn Jahren abgesteckten Rahmen aber noch nie. Wenn dann der Zuschuss für die Parkhäuser höher sei als für den ÖPNV, „dann ist da was faul“, sagte Bernd Caesar.

„Meine Kinder fahren oft Bus. Ich selbst steige nur selten in den Bus ein. Die Anbindung bei uns ist einfach schlecht. Wären die Angebote besser und günstiger, würde ich öfter fahren.“
Susanne Aigner, 42, Eriskirch

Für SPD-Gemeinderat Heinz Tautkus wird die Verkehrssituation in der Stadt erst dann erträglicher, wenn es gelinge, die Pendler zum Umsteigen zu bewegen, denn 80 Prozent der Autos sind Ziel- und Quellverkehr. Dafür brauche es einen Mobilitätsbeauftragten. Die Stadt müsse zudem „Anforderungen stellen und knallhart durchsetzen“, anders ändere sich nichts. „Wir müssen die Industrie in die Pflicht nehmen“, brachte es Heinz Tautkus auf den Punkt und bekam Beifall.