“Wir sind zur richtigen Zeit gestartet“, erzählt Theresia Schmitt und fügt hinzu: “Wir kennen nur Quarantäne.“ Schmitt kommt aus Frickingen und lebt seit Dezember mit ihrer Familie in Peking. Der Grund für den Umzug: Schmitts Mann wechselte seine Arbeit in eine Auslandsstelle eines deutschen Automobilkonzerns.

Theresia Schmitt ist Psychologin, aber gerade in Elternzeit. Ihr Sohn ist sieben Monate alt. Das Interview mit ihr führte der SÜDKURIER per Videotelefonat.

Videotelefnat mit Theresia Schmitt aus Peking.
Videotelefnat mit Theresia Schmitt aus Peking. | Bild: Mardiros Tavit

Im Dezember wurde auch der erste Patient mit einer Lungenerkrankung in ein Krankenhaus der Millionenstadt Wuhan eingeliefert. Die Krankheit erhielt zwei Monate später den Namen Covid-19.

Eine Ausgangssperre gab es nicht

„Eine Ausgangssperre gab es in Peking nie“, erzählt Theresia Schmitt. Aber Verhaltensvorschriften. So seien Unternehmen während der Neujahrsferien geschlossen gewesen. Im Anschluss wurden die nationalen Feiertage verlängert. „Zwei Tage stand alles still.“ Unsicherheit habe sich bei Familie Schmitt eingeschlichen. „Es war sehr beängstigend, weil wir nichts Genaues wussten. Es lagen noch keine wissenschaftlichen Ergebnisse vor.“

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Die Sicherheitsmaßnahmen seien nach und nach immer restriktiver geworden. Unternehmen blieben für weitere zwei Wochen geschlossen. Wer konnte, sollte im Homeoffice arbeiten. Pekings Straßen blieben leer. „Es gab keine Staus in der Stadt, das ist hier untypisch“, erzählt Schmitt.

Temperaturkontrollen vielerorts

An zahlreichen Stellen wurden Temperaturkontrollen eingeführt. Wer zurück in sein Wohnkomplex wollte, musste seine Temperatur messen. Und wer unterwegs einen Kaffee gekauft hat, musste neben seiner Temperatur auch seine Kontaktdaten hinterlegen. So sollte eine Nachverfolgung sichergestellt sein, sagt Schmitt.

Kontrollen an Wohnkomplexen

„Bis vor kurzem war es noch erlaubt, Besuch zu bekommen“, erinnert sich Theresia Schmitt. In ihrem Wohnkomplex seien die Eingangskontrollen stets eingehalten worden, aber in anderen Wohnkomplexen wurde die Kontrolle eigenständig verschärft. „Es gab Komplexe, die haben gleich entschieden, dass kein Besuch rein darf.“

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Der Wohnkomplex, in dem Familie Schmitt wohnt, ist ein Hochhaus mit 64 Stockwerken und 16 Wohneinheiten auf jeder Etage. „Es gibt auch Komplexe mit acht bis zehn solcher Hochhäuser“, sagt Schmitt.

Austausch mit Freunden und Familie wichtig

Die Schmitts informierten sich über Medien fast stündlich über die Lage. Mit Familie und Freunden hatten sie über das Internet Kontakt. „Das war sehr hilfreich, denn so konnten sie uns sehen und sprechen und wissen, dass es uns gut geht.“ Aber nicht nur der Austausch mit der Heimat sei für die Familie wichtig gewesen.

Da die Schmitts wegen der Ansteckungsgefahr so selten wie möglich vor die Tür gingen, verlagerte sich ihr Leben auf die Onlinemedien. „In Muttergruppen wurden Spielideen für Kinder ausgetauscht“, nennt Schmitt ein Beispiel.

Spazieren und Einkäufe erledigen

Damit der Familie die Decke nicht auf den Kopf fiel, seien sie oft spazieren gegangen – Mundschutz hatten sie stets dabei. Zudem habe sie Einkäufe erledigen müssen. „Wir haben dann gleich für eine Woche eingekauft.“ Die Versorgungslage in den Supermärkten sei von Anfang an gut gewesen. Bei der Rückkehr in die Wohnung wurden Schuhe geputzt, Hände gewaschen, Tüten und Verpackungen desinfiziert.

Theresia Schmitt mit ihrem Mann und ihrem Baby bei einem Spaziergang durch Peking in Corona-Zeiten.
Theresia Schmitt mit ihrem Mann und ihrem Baby bei einem Spaziergang durch Peking in Corona-Zeiten. | Bild: privat

Nach und nach habe sich das Leben wieder normalisiert. Unternehmen wurden wieder geöffnet. Anfangs arbeitete nur die Hälfte der Mitarbeiter im Unternehmen, die anderen im Homeoffice. Schmitt erzählt: „Im Betrieb wurde mit Mundschutz und unter Einhaltung der Abstandsregel gearbeitet.“ Auch der Verkehr habe sich wieder normalisiert.

Kontakte zu anderen verringern

Als die Sicherheitsmaßnahmen beachtet werden mussten, habe sich nicht nur das eigene Verhalten verändert. Auch psychisch stellte Theresia Schmitt Änderungen fest: „Vieles war so selbstverständlich, dass ich mir nie Gedanken darüber gemacht habe.“ Etwa ein funktionierendes Gesundheitssystem und Kontakt zu Familie und Freunden.

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Auch Schmitts Umgang mit bestimmte Situationen habe sich geändert. „Wenn jemand schon im Aufzug war, bin ich nicht eingestiegen.“ Jeglicher Kontakt und somit eine Ansteckungsgefahr habe sie versucht, zu verringern.

Zurück nach Deutschland?

Die Familie habe oft darüber nachgedacht, ob sie in Peking bleiben oder zurück nach Deutschland fliegen soll. Viele Familien in ihrem Umfeld seien in dieser Zeit nach Hause geflogen. “Wir haben uns eigentlich immer relativ sicher hier gefühlt, obwohl es nicht ganz komfortabel war“, sagt Schmitt. Deswegen habe sie sich mit ihrem Mann entschieden, zu bleiben. Das Ansteckungsrisiko und die Gefahr der Verbreitung am Flughafen oder im Flugzeug schätzen die Schmitts höher ein.

Im Nachhinein sei diese Entscheidung genau richtig gewesen, ist Theresia Schmitt überzeugt. “Ich glaube einige aus unserem Umfeld, die jetzt in Deutschland sind, wären inzwischen froh, sie wären hier geblieben, weil die Familien teilweise sehr lange Zeit getrennt sind.“

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