Veronika Kellers erklärtes Erfolgsgeheimnis lautet, das Leben und die Menschen so zu nehmen, wie sie sind. Allerdings bedeutet das für sie nicht, alles zu schlucken und sich ihrem Schicksal zu ergeben. Sie sagt von sich, sie sei "vom Typ her eine Kämpferin".

Als sie beispielsweise nach 17-jähriger Tätigkeit im Meersburger Bürgerbüro und vier Jahren im Personalrat Probleme bekommt, zieht sie Ende 2007 die Reißleine und kündigt. Mit einer gerichtlich erwirkten Abfindung in der Tasche zieht es die gelernte Verwaltungsangestellte unter anderem ein paar Straßen weiter auf die Meersburg. An der Arbeit an der Kasse sowie an Verkauf und Einkauf für den Burgbetrieb findet sie schnell Gefallen. Ihr Interesse für das mittelalterliche Leben auf der Burg wird geweckt.

Literatur rund um das Mittelalter

Als Keller nach einem Meniskusriss nicht mehr weiter arbeiten kann und "für zwei Jahre außer Gefecht" gesetzt wird, besorgt sie sich Literatur rund um das Mittelalter. An Krücken besucht sie einen Lehrgang der Industrie- und Handelskammer (IHK) zur Gästeführerin. Den landwirtschaftlichen Besitz in Stetten, den die gelernte Landwirtin im Alter von 25 Jahren von ihren Eltern übernommen hat, will sie zusammen mit ihrer Tochter in ein Hofcafé plus Bed and Breakfast umwandeln. Kochen nach Mittelaltermanier inklusive. Aufgrund von nachbarschaftlichen Einwänden sowie "unglaublich hohen Umbaukosten" lässt Keller das Vorhaben schließlich fallen.

Der Wunsch nach Selbständigkeit bleibt. "Ich habe überlegt: Wie könnte ich meine Immobilie sonst noch nutzen?" Animiert von dem absolvierten Gästeführerlehrgang bietet sie zunächst auf ihrem Hof Mittelalterliches an. Mit von der Partie sind zwei Kaltblut-Fohlen, ein Kindheitstraum, den sie sich erfüllt. Zur gleichen Zeit liest sie die Stellenausschreibung für den Hagnauer Bürgermeisterposten und beschließt, sich zu bewerben. "Es war mir eigentlich klar, dass es aussichtslos war", sagt Keller mit Blick auf ihre Niederlage. Doch Hagnau sei für sie immer eine "Vorbildgemeinde" gewesen. Mit ihrer Verwaltungs- und Lebenserfahrung, so dachte sie, würde sie das Amt meistern können. Auch habe sie die ehrenamtliche Bürgermeistertätigkeit ihres Vaters Franz Horn geprägt, der Stetten von 1973 bis 1981 vorstand.

Erneuter Rückschlag Ende 2016

Als sie dem amtierenden Bürgermeister Volker Frede unterliegt, lässt sie den Kopf nicht hängen. Sie beschließt bei Mittelalter, Pferden und Führungen zu bleiben. Ein erneuter Rückschlag folgt in Form eines Unfalls Ende 2016, bei dem sie sich einen schweren Armbruch zuzieht. Da sei ihr ihre Abhängigkeit als Alleinstehende auf dem Stettener Hof richtig bewusst geworden, erklärt Keller rückblickend.

Wieder zieht sie die Konsequenzen. Begeistert von der Idee des genossenschaftlich organisierten Frickinger Seniorenzentrums, verlässt sie ihr Heimatdorf Stetten und siedelt nach Frickingen um, wo auch ihre Tochter mit Familie lebt. Hier fühlt sie sich am rechten Platz, ist mittlerweile Mitglied des Genossenschaftsvorstands im Seniorenhaus und bietet in der neuen Heimatgemeinde mittelalterliche Gästeführungen an. Seit 2017 hat sie Märchenlesungen plus Verköstigung in ihr Repertoire aufgenommen. Besonders freut sie sich, dass die sommerlichen Lesungen in der Tenne des Obstmuseums stattfinden, weil sie als Landwirtin selbst Obst angebaut habe. Am liebsten sind ihr Pferdemärchen, aber auch keltisches Märchengut liest sie vor. Märchen enthalten für sie viel Lebensweisheit. "Es wiederholt sich so vieles", sagt die Märchenerzählerin.