An diesem Nachmittag gehört die Werkstatt von Krippenbaumeister Rudi Matt drei Frauen. Monika Marschall kommt als Lippertsreute zu einem der diesjährigen Herbstkurse. Christa Krall fährt regelmäßig aus Wald nach Leustetten, um unter professioneller Anleitung eine alpenländische Weihnachtskrippe zu basteln. Und Lucia Staneker hat es nicht weit, sie wohnt nur einen Steinwurf entfernt vom Ehepaar Matt, den Krippenprofis. Die Frauen hämmern, bohren, schleifen und malen unter der Anleitung von Rudi Matt und gehören damit einem kleinen, fast schon erlauchten Kreis an. Sie haben einen der begehrten Plätze an den Werkbänken im Dachgeschoss des Leustetter Einfamilienhauses ergattert. Die Krippenbaukurse sind ausgebucht. „Wir haben einen Annahmestopp“, sagt Theresia Matt. „Bis 2025 sind wir voll“, ruft ihr Mann durch die Werkstatt, „schon seit zwei Jahre nehmen wir keine Anmeldungen mehr an“.

Der Kurs als Geschenk des Ehemannes

Christa Krall verbrachte ein halbes Leben im Büro, vor fast 30 Jahren gründete sie zusammen mit ihrem Mann in Markdorf die Firma „Küchen Krall„. Aber auch die Arbeit mit Werkzeug ist ihr nicht fremd. Sie bringt die Erfahrung aus zehn Krippen mit, die sie zuhause gebaut habe, wie sie erzählt. Dass sie jetzt ihre elfte Heimatkrippe mit meisterlicher Hilfe herstellen kann, verdankt sie ihrem Mann. „Er hat mich beim Rudi angemeldet.“ Eines Tages überraschte er seine Frau dann mit der Ankündigung, „du, der Herr Matt hat jetzt einen Termin“. An diesem Tag mitten im Kurs zimmert sie gerade ihr Häuschen zusammen, das in Blockbauweise entsteht. Damit sie auch fertig ist zur großen alljährlichen Krippenausstellung, die jetzt am kommenden Wochenende vom 14. und 15. Dezember stattfindet (siehe Infokasten), steht sie in manchen Wochen auch zweimal an der Werkbank. Etwa ein Vierteljahr dürfte es dauern, bis ihr Werk fertig ist. „Mindestens“ ruft Monika Marschall, die gerade ihre aus Holz aufgebauten Felsen weiß grundiert.

Für eine aufwändige Bauart hat sich auch Christa Krall entschieden. Das Gebäude ihrer alpenländischen Krippe entsteht in Blockbauweise.
Für eine aufwändige Bauart hat sich auch Christa Krall entschieden. Das Gebäude ihrer alpenländischen Krippe entsteht in Blockbauweise. | Bild: Martin Baur

Goldschmied fasziniert „weiches Material“

Und wie lange hat Peter Graupner gebraucht, der an diesem Nachmittag vorbeischaut? „Länger“, kommentiert der Goldschmied aus Überlingen-Bambergen sein prächtiges Werk, das gemeinsam mit einem Dutzend weiterer fertiger Krippenkunstwerke im Nebenzimmer steht. „Der Aufwand war auch entsprechend groß“, erläutert Theresia Matt.

Ein Mühlrad ziert die Krippe von Peter Graupner, dessen anspruchsvolle Szenerie in fünf Monaten zwischen Januar und Pfingsten entstand. So wie die Werke der 24 anderen Kursteilnehmer ist sie auf der diesjährigen Krippenausstellung zu sehen.
Ein Mühlrad ziert die Krippe von Peter Graupner, dessen anspruchsvolle Szenerie in fünf Monaten zwischen Januar und Pfingsten entstand. So wie die Werke der 24 anderen Kursteilnehmer ist sie auf der diesjährigen Krippenausstellung zu sehen. | Bild: Martin Baur

Graupner hatte im Frühjahrskurs Mitte Januar begonnen und war am Pfingsten fertig. Fast fünf Monate also. „Und ich war manchmal sogar dreimal die Woche da“, erinnert er sich. Weshalb er gleich bei seiner ersten Krippe so intensiv einstieg? „Ich wollte nicht nur Gebäude, sondern auch die Landschaft drumrum, wo die Hirten sein können. Landschaft gestalten.“ Und als Goldschmied sei das ein besonderes Erlebnis gewesen. „Das war angenehm, mit Holz zu arbeieten, mit einem weichen Material.“

Die Landschaft, die Peter Graupner aus Überlingen-Bambergen für seine Krippe gebaut hat, wurde durch mehrere Ebenen aufwändig. Der Stall für die eigentliche Geburtsszene ist an eine in anspruchsvoller Technik ausgeführten Mühle angebaut, mit detailliertem Mühlrad. Die Heiligen Drei Könige können auf ihrem Weg zum Jesuskind sogar an einem Feldkreuz vorbei ziehen, das rechts auf der Grundplatte zu sehen ist.
Die Landschaft, die Peter Graupner aus Überlingen-Bambergen für seine Krippe gebaut hat, wurde durch mehrere Ebenen aufwändig. Der Stall für die eigentliche Geburtsszene ist an eine in anspruchsvoller Technik ausgeführten Mühle angebaut, mit detailliertem Mühlrad. Die Heiligen Drei Könige können auf ihrem Weg zum Jesuskind sogar an einem Feldkreuz vorbei ziehen, das rechts auf der Grundplatte zu sehen ist. | Bild: Baur, Martin

Zwei Schwestern treffen sich im Kurs

Lucia Staneker ist Wiederholungstäterin. „Bei mir ist es die zweite Krippe, die erste war orientalisch.“ Eine Kulisse also, die bauliche und landschaftliche Motive aus dem Heiligen Land aufgreift, meist in der Form von Ruinen. Ein solches Diorama baute sie 2013. „Damals habe ich mich gleich wieder für den nächsten Kurs angemeldet“, lacht die gelernte Verwaltungsfachkraft, die in diesem Krippenbaukurs mit ihrer Schwester Monika nicht nur den Arbeitstisch teilt, sondern auch die Erinnerungen. Monika Marschall betreibt mit ihrer Familie das Hofgut Schellenberg in Lippertsreute. Aufgewachsen sind die beiden Schwestern in Frickingen.

Nachdem Lucia Matt 2013 bei Rudi Matt eine orientalische Krippe gebaut hat, sollte es dieses Mal eine Heimatkrippe sein, eine alpenländische.
Nachdem Lucia Matt 2013 bei Rudi Matt eine orientalische Krippe gebaut hat, sollte es dieses Mal eine Heimatkrippe sein, eine alpenländische. | Bild: Martin Baur

Monika Marschall hat einen ganz besonderen Grund, weshalb sie hier ist. „Mein mittlerer Sohn hat gerade gebaut und er soll auch eine Krippe im neuen Haus haben.“ Er meine zwar, das sei jetzt doch nicht so wichtig. „Aber ich glaube, wenn er sie sieht, dann findet er sie auch schön.“ Aber eine von der Mama selbst gemachte Krippe ist doch etwas ganz Besonderes. „Das ist doch ein ganz großes Geschenk“, meint ihre Schwester Lucia. Dann überlegt Monika Marschall kurz. „Obwohl es mir jetzt dann auch schwer fällt.“ Sie herzugeben? „Ja, schon.“ Beide Schwestern lachen. „Aber das soll so sein.“

Monika Marschall baut eine Krippe, die sie ihrem Sohn zum Einzug ins neue Haus schenken will.
Monika Marschall baut eine Krippe, die sie ihrem Sohn zum Einzug ins neue Haus schenken will. | Bild: Baur, Martin

Krippen bestimmen sogar den Urlaub

Seit 2004 bieten Rudi und Theresia Matt in ihrem Haus in Leustetten Krippenbaukurse an, von Anfang an waren rund die Hälfte der Teilnehmer Frauen. Der inzwischen pensionierte Maler, hatte in Vorarlberg einen Kursus besucht und in Innsbruck die Prüfung zum Krippenbaumeister abgelegt. Für das Ehepaar wurde der Krippenbau zu einer großen Leidenschaft, sogar die Urlaube richten sie danach aus – in Österreichs Bergen finden sie das Material, mit dem auch ihre Schüler arbeiten.

Den Hirschheidrich, eine Bergazaleenart, finden Theresia und Rudi Matt im Urlaub in Vorarlberg, Tirol oder Südtirol. Der natürliche Grundstoff für Bäume oder Büsche wächst nur über 1600 Höhenmetern.
Den Hirschheidrich, eine Bergazaleenart, finden Theresia und Rudi Matt im Urlaub in Vorarlberg, Tirol oder Südtirol. Der natürliche Grundstoff für Bäume oder Büsche wächst nur über 1600 Höhenmetern. | Bild: Martin Baur

Indes: Ohne die Schnitzleidenschaft wäre Rudi Matt auch nie Krippenbaumeister geworden. Denn über einen „Schnitzerkollege“ kam er erstmals in die Kreise der Krippenbauer. Und irgendwann haben sie dann mit einer Nachbarin deren Bruder in Salzburg besucht, zu einem Adventssingen. „Der hat die Verbandszeitschrift „Der Krippenfreund“ auf dem Tisch liegen gehabt.“ Rudi Matt war wie elektrisiert. „Wo hast du das her?“ Um die zu bekommen, müsse er in den Verein eintreten, dann bekomme er das Heft. Eine Antwort mit Folgen. Der Salzburger Krippenfreund habe ihren Mann dann auch im österreichischen Krippenverein angemeldet. In Innsbruck. Und nach der Landesausstellung nahe Innsbruck sollte es auch die dortige Krippenbauschule sein. Doch in Innsbruck sei alles ausgebucht gewesen, beschreibt Theresia Matt weiter. „Aber damals hat gerade die Krippenbauschule in Vorarlberg eröffnet und das war ja auch viel näher – da ist der Rudi dann über vier Jahre hingefahren.“ Nur zur Prüfung, die ihn zum Krippenbaumeister machte, musste er dann wieder nach Innsbruck.“

Das beste Material kommt aus Österreich

Österreich ist nicht nur die erste Adresse, wenn es um Krippenbau, Krippenbauer und Ausstellungen geht. Auch die Materialien, die Rudi Matt für seine Kunstwerke und die seiner Schüler braucht, finden er und seine Frau hier im Urlaub, den sie deshalb in Vorarlberg oder in Südtirol verbringen. „Bei jedem Spaziergang finden wir was“, sagt Theresia Matt. Etwa den „Hirschheiderich“, eine Bergazaleenart, die erst ab 1600 Höhenmetern wächst. „Die brauchen wir für Bäume und Büsche“, erklärt Theresia Matt. „Am schönsten ist er, wenn er über Steine wächst – da finden wir einfach viele Sachen, die es bei uns nicht gibt, auch verschiedene Moose.“

„In Südtirol findet man einfach die schönsten Wurzeln, die Qualität ist viel besser als bei uns“, meint die Frau des Krippenbauers und er erklärt: „Bei uns ist einfach viel nässer.“ In der Pension, in der sie seit Jahren in Südtirol wohnen, kennt man sie. „Die wissen schon, im Laufe der Woche kommt immer mehr dazu, da habe ich meinen Langerplatz hinter dem Haus.“

Eine von den Krippenbauern begehrte Rinde ist die der Urlärche. Für sie fahren die Matts nach Südtirol.
Eine von den Krippenbauern begehrte Rinde ist die der Urlärche. Für sie fahren die Matts nach Südtirol. | Bild: Martin Baur

Die Flucht nach Ägypten, jene Szene aus der Kindheit Jesu, kann ebenfalls Thema eines Dioramas sein, das zum Kanon der Krippen gehört.
Die Flucht nach Ägypten, jene Szene aus der Kindheit Jesu, kann ebenfalls Thema eines Dioramas sein, das zum Kanon der Krippen gehört. | Bild: Martin Baur