"Eigentlich ist die Idee, online eine Tiersitter-Gruppe zu eröffnen, aus der Not geboren", erinnert sich Lilly Heuer. 19 Jahre lang hatte sie in Überlingen das Haus des Gastes inklusive eines selbst eingerichteten Cafés geführt und dort gelebt. Weil ihr 2013 ganz plötzlich die Räumlichkeiten gekündigt wurden, musste sie Insolvenz anmelden. Da sie Tiere sehr liebt und sich nicht an den Gedanken gewöhnen wollte, kein Geld mehr für Urlaube zur Verfügung zu haben, kam ihr die Idee: Sie machte vor fünf Jahren im Forum Platinnetz eine neue Gruppe auf, die ähnlich wie das Modell Haustausch funktioniert.

Gastgeber füllt meist Kühlschrank auf

Wenn jemand in den Urlaub aufbrechen möchte und seine geliebten tierischen Mitbewohner versorgt wissen will, kann er sich an Lilly Heuer wenden. Sie kümmert sich dann darum, dass eine private Betreuungsperson aus dem Mitgliederpool die Haustiere vor Ort kostenlos betreut. Dafür wohnt die Person so lange bei dem oder den Tieren und macht auf diese Art auch ein bisschen Urlaub. Das alles ist privat organisiert und unentgeltlich. Zumeist füllten die Gastgeber vorab den Kühlschrank, weiß Heuer. Sie selbst tut das auch, wenn ein Hütegast in ihrer Senioren-Wohngemeinschaft im Elfengrund übernacht. "Meine Idee dahinter war, dass die Leute sich anfreunden und später direkt kontaktieren können, wenn sie jemanden zum Hüten brauchen", erklärt sie.

Schon viele Freundschaften entstanden

Eine Mitgliedschaft sei dafür nicht erforderlich. Hundert Mitglieder, zumeist Frauen, hat die Online-Gruppe mittlerweile; viele gute Kontakte und sogar Freundschaften seien bereits entstanden, sagt Heuer. Zwei Hamburgerinnen hätten sich beispielsweise über die Plattform kennengelernt und seien heute gute Freundinnen. Viele Begegnungen wiederholen sich. "Gunni aus Goslar hütet Kater Max aus Überlingen regelmäßig seit drei Jahren", nennt Heuer ein Beispiel aus der Gruppe.

Heuer war schon auf Zypern und im Piemont

Auch sie selbst hat sich schon häufiger um anderer Menschen Katzen, Hunde oder Vögel gekümmert. Ihre weiteste Hütereise führte sie nach Zypern, ihre längste ins italienische Piemont, wo sie über acht Wochen drei Katzen und eine Pension zu versorgen hatte. Sogar Frühstück für einen einzelnen Gast habe sie zubereitet. Außerdem habe sie die Zeit genutzt und ein Buch geschrieben, nicht über Italien, sondern über die Insel Mainau.

Kräuter-Smoothie für brütendes Huhn

Als "heißestes Hüten" bezeichnet Heuer einen Einsatz im nahen Deggenhausertal, wo unter anderem zehn Schildkröten, vier Chinchillas und neun Hühner auf ihre Fürsorge warteten. "Eine Henne hat gebrütet, der hab' ich jeden Morgen einen Kräuter-Smoothie gemacht", erzählt sie lachend. Zu ihrem Entsetzen habe sich ein Habicht ein Huhn geholt. Außerdem seien die drei Katzen so alt gewesen, dass sie jeden Abend gebetet habe, sie mögen am nächsten Morgen noch leben. Bis auf das vom Habicht geschlagene Huhn hätten alle überlebt. "Es war eine tolle Herausforderung", befindet die 68-Jährige rückblickend.

Haustiere können in gewohnter Umgebung bleiben

Überhaupt findet sie es schön, dass über das Gruppenangebot im Netz Menschen und Tiere miteinander vernetzt werden und beiden geholfen werden kann. "Keiner braucht sich mehr Sorgen machen um seine vierbeinigen Mitbewohner und sie können sogar in ihrer gewohnten Umgebung bleiben." Viele nette Bekanntschaften habe sie über das Netzwerk schon gemacht. Beispielsweise habe sie auf diese Art die Hesse-Enkelin Eva Hesse kennengelernt und Kontakte zum Linzgau-Literatur-Verein geknüpft.

Tierlose Mitglieder freuen sich über Tierkontakt auf Zeit

Am liebsten sind Heuer die Betreuer, die selbst keine Tiere haben, aber liebend gerne welche hätten. Die könnten ebenfalls kostenlos in Urlaub gehen und auch noch vorübergehend ein Haustier haben.

Auch für sie selbst hat sich das Hütemodell bewährt. "Es ist ein Erfolgsrezept", resümiert die Gruppengründerin, trotz der Erfahrung der Insolvenz. "Denn ohne die hätte ich heute wahrscheinlich keine Hütegruppe und würde viele nette Menschen nicht kennen."