Gemeinsam in einem Boot, damit man auch mal einen schlechteren Tag haben darf. Was wie ein Eheversprechen klingt, ist ein Entschluss für ein gemeinsames Sozialprojekt. Den Entschluss gefasst haben Sarah Leberer aus dem Deggenhausertal und der Frickinger Martin Müller. Die Nutznießer der Idee: Kinder aus Kenia.

Martin Müller ist den SÜDKURIER-Lesern als Europawanderer bestens bekannt. Er ist der Mann, der 2014 unseren Kontinent vom südlichsten bis zum nördlichsten Landzipfel durchquerte. Hat er sich jetzt "leergewandert" oder warum greift er im neuesten Projekt zum Kajak? Die Antwort darauf ist ein Symbol, eine Metapher: Man braucht seine Beine, um durchs Leben zu gehen. Wer das nicht kann, braucht einen Rollstuhl. In Europa ist das kein Problem – wohl aber in Kenia.

Das erlebte Sarah Leberer, als sie 2012 in einem kenianischen Waisenhaus arbeitete: "Körperlich behinderte Kinder werden in Kenia ausgegrenzt und stigmatisiert. Es gilt in diesen Kulturkreisen als Strafe, ein behindertes Kind zu bekommen und es ist keine Seltenheit, dass solche Kinder an der Straße ausgesetzt werden und schließlich in einem Kinderheim landen. Dort bekommen sie zwar ihr tägliches Brot, aber keine individuelle Förderung."

Das Müller'sche Wander-Projekt unterstützte den Kampf gegen die weibliche Genitalverstümmelung, nun ist es das "Rainbow Children Center". Das Ziel: Kinder können trotz körperlicher Beeinträchtigung durch entsprechende Förderung "im Leben stehen". Das Mittel zum Zweck: ein Kajak. "Im Kajak braucht man seine Beine nicht. Wir werden wie diese Kinder auf unsere Arme angewiesen sein", erklärt Martin Müller. Sarah Leberer fügt hinzu: "Damit verzichten wir auf etwas, was unseren Alltag ausmacht und wagen uns auf Neuland. Doppelt sogar, weil wir beide erst das Paddeln erlernen mussten."

Konkret: "Unsere Idee ist es, für jeden auf der Donau gepaddelten Kilometer Geld für die Rainbow-Kinder zu sammeln." Einen Namen hat das Projekt auch schon: "DO IT! – Danube Own Impulse Tour". Danube nennt man in England und Frankreich die Donau. "Brigach und Breg bringen die Donau zu Weg", so haben es die Kinder Sarah und Martin gelernt. Als Erwachsene werden sie für andere Kinder die 2810 Kilometer befahren. "Zudem fasziniert uns der Gedanke, auf Europas ältester Handelsroute vom Ursprung bis zur Mündung unterwegs zu sein."

Lustigerweise beginnt die Fahrt jedoch zu Fuß, weil der Fluss zwischen Donaueschingen und Hausen noch nicht befahrbar ist. Noch schieben Sarah Leberer und Martin Müller ein Papierschiffchen über die Landkarte, doch am 6. August nehmen sie die Paddel in die Hand. Geplant ist eine Tagesstrecke von 50 Kilometern. "Wir werden täglich acht bis zehn Stunden auf dem Wasser sein. In unserem Zeitplan sind vier Puffertage für Wettereinflüsse und ungünstige Pegelstände enthalten. Der tägliche Fortschritt kann, wie bei der Europa-Tour, über GPS live auf der Homepage verfolgt werden."

Für jeden Kilometer, den Sarah Leberer und Martin Müller auf der Donau paddeln, sammeln sie Geld für die Kinder im "Rainbow Children Center" in Kenia.
Für jeden Kilometer, den Sarah Leberer und Martin Müller auf der Donau paddeln, sammeln sie Geld für die Kinder im "Rainbow Children Center" in Kenia. | Bild: Privat

Ihr Zelt wollen sie bei Einheimischen im Garten oder auf einem Campingplatz aufstellen. Das alles ist bereits geklärt. Unklar ist, wann die ersten Blasen an den Händen kommen, wie ihr Körper mit dem Tragen des 30 Kilogramm schweren Bootes und dem ungewohnten Paddeln zurechtkommt. Sarah Leberer hat während ihres Studiums in einem norwegischen Fjord geübt und Martin Müller auf dem Tübinger Neckar. "Aber wir sind beide zäh", sagt sie lachend und er für hinzu: "Und Dickköpfe."

Die beiden lernten sich in Salem bei Martin Müllers Vortrag über seine Wandertour kennen und wurde ein Paar. Sie reden nicht vom sturen Dickkopf, sondern von Durchhaltevermögen und alternativen Lösungswegen, Zielstrebigkeit und Gründlichkeit. Mit dieser Gründlichkeit haben sie sich in den Wintermonaten theoretisches Wissen angelesen. Beispielsweise über Paddelformen oder dass normale Hemden ungeeignet sind, weil deren Nähte durch die extreme Schulterwegeung den Rücken wund reiben können.

Personen und Projekt

  • Sarah Leberer studiert Humanmedizin an der Charité Universitätsmedizin Berlin und in Trondheim/Norwegen. Aktuell arbeitet sie in Berlin als persönliche Assistentin eines tetraplegischen Patienten und bei der Berliner Stadtmission.
  • Martin Müller verbindet die beiden Studiengänge Maschinenbau und Sportwissenschaften. 2013 gründete er UMWA. "Unlimited Motion With Ambition" meint sportliche Leistung, die Unterstützung eines Projektes oder das Erregen von Aufmerksamkeit für eine bestimmte Problematik.
  • Das Rainbow-Children-Center wurde 2017 von Geert Schröder gegründet. In Zusammenarbeit mit dem Verein in Deutschland wird das Team vor Ort aus kenianischen Sozialarbeitern und Pädagogen bestehen. Das Projekt umfasst rollstuhlgerechte Schlafsäle und Sanitäreinrichtungen, Schulgebühren, Kosten für Hilfsmittel, medizinische Betreuung und spezielle Förderung der Kinder. In Kenia gibt es kein Versicherungssystem für derartige Kosten. Im Internet: www.unlimited-motion.de