Seit Isolde Pfaff vor zwei Jahren das Küchenzepter an ihren Sohn Roman übergeben hat, hat die 67-Jährige Zeit, ihre zurückgestellten Träume anzugehen. So besuche sie häufig Lesungen und Ausstellungen, erzählt sie. Auch ihrem großen Wunsch, die Geschichte von Gasthof und Familie aufzuschreiben, sei sie ein wenig näher gerückt.

Sie habe an einem kreativen Schreibkurs bei einem jungen Autor im südlichen Italien teilgenommen und wolle die Kursarbeit fortsetzen. Eigentlich habe sie sich vorgenommen, jeden Morgen nach der Zeitungslektüre ein bis zwei Stunden zu schreiben. Doch bislang fehle ihr noch „das Sitzfleisch", wie sie sagt.

Darüber wundere sie sich selbst. Es sei „ein bissel wie vor sich selber davonlaufen“, beschreibt sie ihr Empfinden. Die Historie sei aber auch sehr vielschichtig. Allein bei den Recherchen im Karlsruher Archiv sei so viel zutage gekommen. Zum Beispiel habe sie entdeckt, dass „das Löwenhaus“ einst zum Spital Überlingen gehörte.

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Beim Erzählcafé tauscht sie sich mit anderen Senioren über die Vergangenheit aus

Die Nachmittage beim Erzählcafé-Stammtisch, den sie im vergangenen Jahr mit fünf weiteren Altheimerinnen ins Leben gerufen hat, nutzt sie immer wieder, "um das damalige dörfliche Leben zu beleuchten".

Anekdoten und Bildmaterial bekommt sie auch von dem befreundeten Heimatforscher Albert Mayer. Geschichtliches hat die gelernte Bankkauffrau immer schon interessiert, sagt sie. Dass die Vita ihrer Ahnen wert ist, aufgeschrieben zu werden, davon ist Isolde Pfaff allemal überzeugt.

Begonnen hat sie schon damit, verrät sie. Beispielsweise habe sie schon etwas über die Ankunft ihrer Großmutter und Müllerswitwe mit deren fünf Kindern und zwei Kühen in Altheim aufgeschrieben. Ebenso sei schon eine erste Charakteristik ihrer Mutter entstanden, die 1946 in zweiter Ehe den kriegsversehrten "Löwen"-Wirt Hugo heiratete.

Die 400 Jahre alte Geschichte des Gasthofs fasziniert Isolde Pfaff bis heute, deshalb möchte sie sie für die Nachwelt festhalten.
Die 400 Jahre alte Geschichte des Gasthofs fasziniert Isolde Pfaff bis heute, deshalb möchte sie sie für die Nachwelt festhalten. | Bild: Martina Wolters

"Wilde Zeit zwischen Bank und Gasthofübernahme"

Der Lebensweg von Isolde Pfaff selbst bietet auch jede Menge Schreibstoff: Mit nur zwölfeinhalb Jahren verlor sie ihre Mutter. Nach absolvierter Banklehre und Weiterbildung zur Vermögensberaterin war sie mit gerade einmal 19 Jahren für ihren schwer kranken Vater zuständig.

Nach seinem Tod verpachtete die junge Frau zunächst den "Löwen". „Das war eine wilde Zeit zwischen Bank und Gasthofübernahme“, erinnert sich die heute 67-Jährige. Zeitweise habe sie sich mit dem Gedanken getragen, SOS-Kinderdorf-Mutter zu werden und verbrachte ein halbes Jahr in Südafrika. Sie schaffte sich unter anderem ein Pferd und ein Cabrio an.

Kochen zwischen Hausmannskost und hoher Küche

Als der Pachtvertrag auslief, entschloss sie sich zunächst, die Gaststätte in ein bescheidenes Vesperstüble umzuwandeln. Erst zusammen mit ihrem Ehemann Franz an ihrer Seite habe sie sich getraut, den "Löwen" richtig selbst zu führen. Sie besuchte Kochkurse in Straßburg: „Wir haben Hühner ausgebeint und mit allerhand Köstlichkeiten wieder gefüllt“, erinnert sich Isolde Pfaff.

Ebenso schaute sie der bekannten Spitzenköchin Léa Linster und TV-Koch Stefan Marquardt über die Schulter. So habe sich ihre Art zu kochen zwischen hoher Küche und Hausmannskost entwickelt, erzählt sie.

„Der 'Löwen' ist ja wie mein viertes Kind"

Ganz leicht ist ihr der Abschied vom Herd des "Löwen" nicht gefallen: „Der 'Löwen' ist ja wie mein viertes Kind." Daher habe sie einige Zeit gebraucht, sich auf ihre neue Situation einzustellen. Erst als sie gemerkt habe, dass alles prima laufe, habe sie zurückstecken können.

Heute helfe sie nur noch ab und zu in der Küche aus. Außerdem kümmere sie sich um die Blumen und den Kräutergarten. Und an manchen Tagen, zum Beispiel wenn Schnee liegt, „genieße ich auch mal die Ruhe, das Nichts-Tun-Müssen".