Rolf Hummel, der mit seiner Frau Sylvia in den 1990er-Jahren die Mühle restauriert und zu einem Museum umfunktioniert hat, erklärte die Maschinen und Räder, die den Raum in der Mühle füllen. Da ist die große Lederwalze, auf der das Leder zu Sohlenleder verdichtet wird. Die Lohmühle, in der die Lohe, also Eichen- und Fichtenrinde, zermahlen wird, um dann als Gerbstoff zu dienen. Das überdimensionale Fass, das mit den Häuten und Tran befüllt und dann wie eine Waschmaschinentrommel in Bewegung gesetzt wird: "So wurde der Tran regelrecht in die Häute hineingeschlagen" erklärt Hummel.

Hummel öffnet das Ventil, das den Wasserstrom zum Wasserrad reguliert, und die Räder aus Holz und Eisen fangen an, sich zu drehen, ineinander zu greifen, zu rattern und zu schnaufen. Plötzlich ist überall Bewegung in dem kleinen Raum: über einem, links und rechts die Zahnräder, und hinter der halboffenen Wand schaufelt das große Wasserrad in gleichmäßigem Rhythmus.

Als das Ventil wieder geschlossen und die klappernde Mühle still wird, erklärt Günter Metzger, Gerbermeister aus Wilhelmsdorf, sein Handwerk, wie er es gelernt hat vor fast 60 Jahren. Sein Beruf stirbt aus, doch die Besucher zeigen Interesse am alten Handwerk, an dem Wissen, das Meister wie er von ihren Vätern und Großvätern geerbt und über Jahrzehnte mit eigener Erfahrung ergänzt haben.

Wenn sich das Räderwerk in Bewegung setzt, ist mächtig was los in dem Häuschen. Bild: Julia Rieß
Wenn sich das Räderwerk in Bewegung setzt, ist mächtig was los in dem Häuschen. Bild: Julia Rieß

Jährlich und seit 25 Jahren veranstaltet die Deutsche Gesellschaft für Mühlenkunde und Mühlenerhaltung (DGM) am Pfingstmontag den Deutschen Mühlentag. Ziel ist, auf die Erhaltung und Pflege historischer Mühlen aufmerksam zu machen. Auch viele Mühlen, die sonst nicht der Öffentlichkeit zugänglich sind, nehmen am Tag der offenen Tür teil. Führungen und Ausstellungen zum Thema werden oft begleitet von einem bunten Rahmenprogramm. Deutschlandweit nehmen über 1100 Mühlen teil, darunter zum zehnten Mal das Gerbermuseum Lohmühle im Frickinger Ortsteil Leustetten. Wie in den Jahren zuvor freuten sich die Organisatoren über viele interessierte Besucher.

Draußen, auf dem Platz vor der Mühle, wo jedes Mal, wenn das Wasserrad anfängt, sich zu drehen, ein paar Wasserspritzer die Besucher erfrischen, hat Markus Klek aus Schramberg einen Tisch aufgebaut. Darauf ausgebreitet liegen Beispiele seiner Arbeit. Er gerbt Tierhäute von Hand nach indianischer Art. Nicht, um vom Lederverkauf reich zu werden, sondern in erster Linie mit pädagogischem Hintergrund: "Ich führe urgeschichtliche Gerbtechniken vor, dabei geht es darum, Natur und Geschichte zu erleben. Das ist vor allem für Museen interessant."

Vor dem eigentlichen Gerben muss die Tierhaut entfleischt und enthaart werden. Bild: Julia Rieß
Vor dem eigentlichen Gerben muss die Tierhaut entfleischt und enthaart werden. Bild: Julia Rieß

Zunächst weicht Markus Klek die unbearbeitete Tierhaut ein, um sie anschließend mit einer Bisonrippe entfleischen und enthaaren zu können. Das Gerben selbst führt er gerne mit Hirnmasse als Gerbmittel vor, so wie es die Indianer taten, um möglichst alle Teile der Jagdbeute verwerten zu können. "Zuhause benutze ich aber meistens ein Gemisch aus Seife, Eigelb und Öl." Die moderne Gerberei sei voller Chemie, sagt Klek, und hoch technisiert. "Es gibt ein paar, die mit Naturmitteln arbeiten, aber man muss genau hinschauen. Meistens sind dann doch Beschleuniger dabei. Man kann an einer Hand abzählen, welche Gerbereien das heute auf ganz natürliche Weise machen."

Er selbst stelle auch keine großen Mengen her, aber es gebe eine kleine Szene, die genau solches Leder haben wolle. "Dieses Leder sieht ja ganz anders aus. So eine natürliche Haut ist an unterschiedlichen Stellen unterschiedlich dick. Die Haut vom Nacken ist viel dünner als zum Beispiel die von Bauch und Flanken." Bei der kommerziellen Ware seien auch die Beine abgeschnitten – wer beispielsweise Indianerkleidung reproduzieren wolle, etwa Museen, muss für ein originalgetreues Aussehen auf das hand- und fettgegerbte Leder zurückgreifen.

Im Vergleich zur vegetabilen Gerbung mit Rinden, wo die Häute teilweise über Monate in Gruben oder Bottichen eingelegt werden, geht die Hirngerbung sehr schnell: "Für eine Hirschhaut brauche ich insgesamt sechs bis acht Stunden, sagt Klek. Die Indianer und Nomaden hatten nicht viel Zeit, und die Mengen an Rinde konnten sie auch nicht besorgen, darum haben sie hauptsächlich mit Fetten gegerbt."

Das Grubengerben, wie es Günter Metzger den Besuchern in der Mühle zeigt, ergibt zudem ein ganz anderes Leder: Ein festes, aus dem Schuhe und Gürtel gemacht werden. Das hirngegerbte Leder hingegen ist viel feiner und weicher und für die Herstellung von Kleidung und Zeltstoffen geeignet.

Markus Klek zeigte nicht nur live das Gerben, sondern hatte als Anschauungsobjekte auch ein paar seiner Werke mitgebracht. Bild: Julia Rieß
Markus Klek zeigte nicht nur live das Gerben, sondern hatte als Anschauungsobjekte auch ein paar seiner Werke mitgebracht. Bild: Julia Rieß

Der Leustetter Dorfbach ist nicht mehr rauschend, sondern verdohlt und die Mühle läuft nur noch an Sonn- und Feiertagen. Und doch erfüllt die Lohmühle dank dem Engagement von Rolf und Sylvia Hummel und ihren Mitstreitern noch immer eine wichtige Aufgabe: Die alte Handwerkskunst nicht in Vergessenheit geraten, sondern hochleben zu lassen und Jahrhunderte altes Wissen zu bewahren.

Besucherin Ulrike Pannier aus Uhldingen ließ sich von der Möglichkeit begeistern, selbst aktiv zu sein. "Ich habe eben selbst ausprobiert, eine Haut abzuschaben. Das ging ganz einfach, das war überhaupt nicht kompliziert, Und es riecht so toll. Das riecht so nach diesem getrockneten Material, nach diesem Eiweiß von dem Fleisch. Dass ich hier das Gerben kennen lernen konnte, war Zufall: Wir gehen jedes Jahr zum Mühlentag, dieses Mal ist es halt die Lohmühle."

Klaus Specka aus Hannover lobt die Museumsmacher: "Ich hätte nicht vermutet, dass sich Bürger in diesem Umfang für so etwas engagieren. Ich war in einem Verein, in dem wir Wasserräder gebaut und von einer Quelle antreiben lassen haben. Von daher interessiert mich jede Wassermühle. Wenn irgendwo eine Wassermühle ist, bin ich dort und schaue mir das an."

Irina Kiefer aus Deggenhausertal hat großes Interesse am Handwerk: "Die alten Handwerksberufe sterben aus, das ist sehr schade. Die Leute, die diese Kenntnisse und diese Museen erhalten, verdienen es, unterstützt zu werden. Ich denke, es werden immer weniger Leute, die dieses Wissen weitertragen. Und dann ist dieses Ambiente hier toll. Früher dachte ich immer: Ach was ist das schon für eine Kunst, Mehl zu machen? Inzwischen habe ich viele Mühlen besucht und weiß, das ist eine Kunst, egal, was in der Mühle gemahlen wird, das erfordert so viele Kenntnisse."

 

Gerbermuseum Frickingen

Die Frickinger Lohmühle – die einzige Lohmühle der Region Oberschwaben-Bodensee – wurde von Rolf und Sylvia Hummel auf Initiative des örtlichen Heimatvereins in den 1990er Jahren zu einem Gerbermuseum ausgestaltet. Die Lohmühle, ein Fachwerkbau aus dem Jahre 1835, gehörte zu der seit dem 18. Jahrhundert in Leustetten ansässigen Gerberei Mantz. Sie wurde durch Wasserkraft des einst offen durch Leustetten fließenden Dorfbachs betrieben. In ihr wurden die für die Lohgerberei notwendigen pflanzlichen Gerbmittel aus Eichen- und Tannenrinde zur Lohe zermahlen. Diese ist sehr gerbsäurehaltig und geeignet, um Tierhäute zu bearbeiten und haltbar zu machen. Mit der Stilllegung der Gerberei in den 1960er Jahren wurde auch der Betrieb der Mühle aufgegeben. Im heutigen Museum kann man die die typischen Gerätschaften zur Lederherstellung besichtigen: Walkfass, Lederwalze, Schleifstein, Scherbaum, Stoßtisch und Rindenmühle, die vom großen Mühlrad der Lohmühle angetrieben werden. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter setzen für die Besucher auch die Maschinen in Gang und erläutern die einzelnen Arbeitsschritte.

Vom 1. Mai bis 31. Oktober ist das Gerbermuseum an Sonn- und Feiertagen von 10.30 bis 12.00 Uhr geöffnet. Gruppenführungen können unter Telefon 0 75 54 / 98 30 30 vereinbart werden. Adresse: Gerbermuseum zur Lohmühle, Dorfstraße 14, 88699 Frickingen-Leustetten.