Frau Kienle, ich will Ihnen gleich die Frage stellen, die Sie wohl schon so oft beantworten mussten. Wie sind Sie darauf gekommen, den Beruf der Holzbildhauerin zu erlernen?

Nach dem Abitur habe ich zunächst zwei Jahre gearbeitet und dann meinten meine Eltern, ich solle doch einen Beruf erlernen. Ich bin dann alle Berufe durchgegangen, die mich interessieren und da hat mich der Beruf der Holzbildhauerin angesprungen. Ich habe mich bei mehreren Schulen beworben und an der Staatlichen Berufsfachschule für Holzbildhauer in Oberammergau die Aufnahmeprüfung gemacht und auch bestanden.

Sicherlich steckt da durchaus noch etwas mehr dahinter, als nur eine Liste mit Berufen?

Ich bin in Salem geboren und in einem natürlichen Umfeld aufgewachsen und das Künstlerische hat mich schon immer gereizt.

Woher stammt Ihre künstlerische Ader, die wohl Grundlage für Ihre Werke ist?

Mein Vater hat früher viel gemalt und gezeichnet. Meine Oma zeichnet gut. Und meine Schwester ist künstlerisch begabt. So liegt das Interesse für Kunst durchaus etwas in der Familie.

Nun hat die Berufswahl ja durchaus etwas damit zu tun, wovon man sich berufen fühlt. Aber ein Beruf hat ja auch etwas mit Broterwerb zu tun. Wie sehen Sie hier Ihre Möglichkeiten?

Würde ich nicht an meine Kunst glauben, dann würde ich es erst gar nicht versuchen. Die erste Zeit weiß ich, dass es nicht von Null auf Hundert geht. Deshalb arbeite ich noch nebenher.

Holzbildhauerin Marisa Kienle in der Werkstatt in Azenweiler mit einem fertiggestellten Holzkunstwerk, das noch keinen Namen hat.
Holzbildhauerin Marisa Kienle in der Werkstatt in Azenweiler mit einem fertiggestellten Holzkunstwerk, das noch keinen Namen hat. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Sie haben die staatliche Berufsfachschule für Holzbildhauer Oberammergau besucht. Was ist das Besondere an dieser Schule?

Die Schule ist schon etwas Besonderes. Es wird ein sehr familiärer Umgang gepflegt und die Schule ist überhaupt nicht vergleichbar mit den Schulen, auf denen ich bisher war. Mein Lehrer war Wolfgang van Elst, der auch der Leiter der Schule ist. Er ist regional ein sehr bekannter Bildhauer. Es ist auch eine sehr kleine Schule mit vielleicht 45 Schülerinnen und Schülern in drei Jahrgängen. Das bedeutet, dass man auf die Schüler sehr gut eingehen kann. Unsere Klasse hatte 13 Schülerinnen und Schüler. Es hatte mehr weibliche Schülerinnen. In meiner Klasse waren nur zwei Männer.

Woher beziehen Sie das Material für Ihre Arbeiten und wie wird es bearbeitet, gestaltet?

Momentan habe ich noch Material aus meiner Schulzeit. Und es gibt beispielsweise die Möglichkeit, Holz bei Ebay-Kleinanzeigen zu besorgen. So habe ich gerade einen Eichenstamm von etwa 1,50 Meter bei einem Durchmesser von rund 70 Zentimeter erworben. Bei größeren Objekten arbeite ich schon mal mit der Kettensäge und sonst mit Eisen und Klüpfel.

Welche Holzarten verwenden Sie und warum?

Vorwiegend Linde, weil es ein relativ weiches Holz ist. Momentan arbeite ich aber auch mit Kirsche und mit der Eiche.

Ergeben oder entwickeln sich Ihre Motive bei der Arbeit oder planen oder skizzieren Sie die Werke zuvor?

Ich mache keine Skizzen zuvor. Und die allermeisten Werke entstehen rein intuitiv. Es kann aber auch Auftragsarbeiten geben, bei denen ich mich nach einem Modell richte.

Haben Trockenheit, Sturmschäden und Borkenkäfer Auswirkungen auf Ihren Beruf?

Um das beurteilen zu können, bin ich noch nicht lange genug im Geschäft.

In einer weiteren Kunstrichtung schaffen Sie auch Grafiken. Ist es richtig, dass sich die Grafiken an der Holzkunst orientieren?

Nein, eigentlich nicht. Ich setze meine Ideen frei und abstrakt um.

Der dritte Bereich, in dem Sie aktiv sind, ist die Kalligrafie.

Auch hier gibt es keine direkte Verbindung zu meinen anderen Kunstformen. Ich drücke mich hier einfach in einer anderen Form aus.

Wenn Sie in die Zukunft blicken, wie wollen Sie sich künstlerisch weiter entwickeln?

Da habe ich noch keine konkreten Vorstellungen, das lasse ich auf mich zukommen. Zunächst einmal bin ich dabei, meine Werkstatt in Azenweiler fertig einzurichten. Ich bin ja noch ganz am Anfang. Ich betreibe die Werkstatt gemeinsam mit meiner Freundin Eva Zehetbauer aus Regensburg, mit der ich zusammen die Ausbildung gemacht habe. Sie ist auch Holzbildhauerin. Wir machen jedoch keine gemeinsamen Projekte. Zunächst beteilige ich mich an einer Ausstellung „Bamboo Meets Art“ am 24. und 25. Juli in Heiligenberg. Wer mehr über mich und meine Arbeit erfahren möchte, kann sich gerne auf meiner Homepage umsehen unter https://www.marisakienle.de

FRAGEN: WOLF-DIETER GUIP