Herr Nolte, seit 2017 leben Sie nun hier auf dem Haslachhhof. Warum haben Sie sich gerade für diesen Ort entschieden?

Schon während meines Soziologie-Studiums stellte ich mir die Frage: Wie können Menschen friedlich und kooperativ zusammenleben? Und ich merkte, dass mir das "normale" Leben nicht reichte, mir nicht genug gab. Dabei hatte ich alles: einen guten Job, eine Wohnung, Freundin, genug Geld. Ich sehnte mich nach mehr Menschlichkeit in der Politik, in der Gesellschaft. Stück für Stück lernte ich unterschiedliche Bewegungen und Gemeinschaften in ganz Europa kennen. Mit zwei Freunden haben wir versucht am Bodensee ein Ökodorf mit ökologisch und sozial nachhaltigem Lebensstil aufzubauen. Leider zerbrach unsere Gruppe. Und das Thema "Lebensübergänge" des Haslachhofes trifft einfach meine jetzige Lebenssituation. Daher bin ich hier genau richtig.

In welchem "Lebensübergang" befinden Sie sich?

Seit 2014 bei mir Krebs diagnostiziert wurde befinde ich mich klar zwischen Leben und Tod.

Wie hat sich Ihre Krankheit bisher entwickelt?

Im November 2014 fiel mir erstmals das Schlucken immer schwerer. Zuerst habe ich an eine Erkältung gedacht. Nach einiger Zeit bin ich dann zum HNO-Arzt, der mir Tabletten verschrieb. Mit ging es mir gut, ohne traten die Beschwerden erneut auf. Ein anderer Arzt entdeckte dann das Karzinom an der Zunge.

Wie sind Sie mit dieser Diagnose umgegangen?

Zuerst einmal war es natürlich ein riesiger Schock. Der Arzt sagte mir auch, dass ich nicht mehr lange zu leben habe und es eine unangenehme und schmerzhafte Zeit werden würde. Gleichzeitig waren mir Gedanken an Chemo oder Operation zu viel. Ein Spezialist schlug mir Bestrahlung und die anschließende Entfernung eines Teils der Zunge vor. Als er mir aber sagte, dass ich womöglich nicht mehr sprechen und auch das schlucken weiterhin schwierig sein könnte war für mich klar: das mache ich nicht. Meine Lebensqualität war mir wichtiger als ein paar Jahre mehr. Schließlich war ich auch schon an die 70 und meine Tochter erwachsen.

Wie haben Ihre Mitmenschen reagiert?

Viele haben mir geraten, Chemo und Operation durchzuziehen. Meine Tochter wusste zu diesem Zeitpunkt noch nichts von meiner Krankheit. Und so saß ich im ICE nach Bremen zu ihr, als mich die E-mail eines guten Freundes erreichte. Er berichtete von einer anderen alternativen Krebsbehandlung. Noch im Zug nach Bremen habe ich mich darüber informiert und hatte dann für mich klar: Diesen Weg gehe ich! Meine Tochter hat mich auch darin unterstützt. Eine Freundin in Bremen hat dann tatsächlich ein Fundraising gestartet und sagenhafte 7000 für mich gesammelt. Menschen, die ich gar nicht persönlich kannte, gaben ihr Geld für mich, das war einfach umwerfend. Dank diesem Geld konnte ich nach Brasilien zu einem Heiler fahren.

Und wurden dort geheilt?

Nein. Auf physischer Ebene hat sich nichts verändert. Dafür hat sich psychisch sehr viel getan. Ich wurde ruhig und total klar. Es war eine sehr besondere Atmosphäre dort. An einem Ort zu sein mit Menschen, die alle zwischen Leben und Tod stehen, wo es nicht um banale Dinge ging, sondern wirklich um Sein oder Nichtsein und dennoch eine gewisse Heiterkeit und Leichtigkeit zu spüren, das tat unglaublich gut. Ich würde sagen, in Brasilien habe ich die Angst vor dem Tod verloren. Ich blieb dort drei Wochen und traf die klare Entscheidung, nicht den harten Weg voller Bestrahlungen, Chemo und Operationen zu gehen.

Haben Sie das bis heute durchgezogen?

Nicht ganz. Ein Teil der Zunge wurde mir entfernt und ich ließ auch Bestrahlungen in gewissem Maße zu. Wichtig war mir immer, dass mir noch genügend Lebensqualität blieb. Und ich hatte Glück, dass die Ärzte diesen Weg mit gegangen sind.

Allerdings ging es nicht immer bergauf?

Nein. Der Tumor begann zu bluten und ich ging auf direktem Weg ins Hospiz nach Wangen, damals lebte ich im Allgäu. Ich muss furchtbar ausgesehen haben, alle haben sich sofort gekümmert. Und dank der Leiterin Dr. Annegret Kneer konnte ich auch ganz unbürokratisch aufgenommen werden. Eigentlich ist nur die Belegung in Einzelzimmern vorgesehen, aber alle Zimmer waren belegt. So habe ich mir ein Zimmer geteilt. Von anderen wird sie für ihre humane Haltung kritisiert, für mich war es ein Segen! Auch nachdem ein weiteres Zimmer frei wurde, entschieden mein Bettnachbar und ich, dass wir zusammenbleiben wollten.

Wie haben Sie die Zeit im Hospiz erlebt?

Ich hatte das große Glück, dass ich nach einigen Wochen wieder nach Hause konnte, was sehr sehr selten vorkommt. Die Krankheit war nicht besiegt, aber die Zeit im Hospiz hat zu meiner zeitweiligen Gesundung beigetragen. Für mich ist Krebs häufig die Folge von zu viel Stress. Im Hospiz kam ich zur Ruhe, die Krankheit konnte sich stabilisieren. Ich habe dort wirklich eine sehr liebevolle Atmosphäre und trotz allen Umständen eine glückliche Zeit erlebt. Die Pflegekräfte haben sich Zeit genommen und mit Frau Dr. Kneer war eine Ärztin direkt vor Ort. Allein schon optisch strahlte das Hospiz eine angenehme Atmosphäre aus. Als ich ankam musste ich zuerst durch die Augenklinik: steril, grau, Linoleumboden. Das Hospiz empfing mich mit warmen Farben, schönen Blumen, Gedichten und Parkettboden. Dazu die Aussicht auf die Berge. Es ist so wichtig, dass du im Alter eine schöne und sichere Umgebung hast. Im Hospiz hatte ich einen Ort gefunden, wo ich in Frieden und von Liebe umgeben hätte sterben können.

Inzwischen ist das Hospiz allerdings geschlossen. Was bedeutet das für Sie?

Anscheinend gab es schon länger Unmut und Uneinigkeit zwischen der Leitung und einigen Mitarbeitern. Ich persönlich kann nur sagen, dass ich dies nie wahrgenommen habe und mich immer sehr gut aufgehoben fühlte. Auch bei meinem zweiten Aufenthalt dort ein Jahr später. Daher waren die vorübergehende Schließung und anschließende Umstrukturierung für mich ein Schock. Besonders auch der respektlose Umgang mit Frau Dr. Kneer und die Kampagne gegen sie in den Medien bis hin zum Gerichtssaal. Es ist für mich immer noch unfassbar, wie das Lebenswerk dieser Frau, die so vielen Menschen in den letzten Stunden beistand, attackiert wurde. Ich werde ihr immer dankbar sein für ihren humanen Einsatz. Da ich möchte, dass andere auch in den "Genuss" eines solchen naturnahen und humanen Hospizes kommen, setze ich mich dafür ein, dass auch auf dem Haslachhof im Zuge der geplanten bereits bewilligten Umbauten ein ähnliches Hospiz entsteht. Es gibt noch kein klares Konzept, aber viele Ideen und Wünsche. Für Unterstützung sind wir immer dankbar. Was die Natur angeht haben wir hier genug Anreize. Hier laufen Enten und Hühner frei umher, die Pferde sind da und der Wald direkt nebenan. Mir hat es im Hospiz viel gegeben, die Schönheit der Natur noch zu erleben. Die ganze Gemeinschaft hat ja die "Lebensübergänge" wie Geburt, Kindheit, Jugend, Erwachsen werden, Alter zum Thema, durch mich wird der Übergang zum Tod nun präsenter.

Wie geht es Ihnen aktuell?

Es ist ein Auf und Ab. Zum Teil habe ich keine Kraft mehr, da könnte ich heulen. Seit einiger Zeit habe ich immer wieder Schmerzwellen, die ich dank der Medikamente noch einigermaßen in den Griff bekomme. Aber auch meine Gedächtnisleistung lässt nach. Analytisch denken geht nicht mehr so gut, dafür verlasse ich mich eher auf meine Intuition und lege mehr Wert auf Musik und Meditation. Verglichen mit anderen, wie ich sie im Hospiz erlebt habe, geht es mir richtig gut. Wenn ich selbst nicht mehr kann habe ich hier meine Unterstützergruppe aus der Gemeinschaft, die für mich einkauft, sauber macht oder mich zum Arzt fährt. Trotz der Einschränkungen bleibe ich positiv. Und ich entdecke neue Interessen und habe noch viele Pläne.

Was gehört zu Ihren Plänen?

Abgesehen vom Aufbau des Natur-Hospizes möchte ich gerne einen utopischen Roman über gemeinschaftliches Leben schreiben, die Bibliothek hier auf dem Haslachhof einrichten, malen und einen Wandelpfad durch die Lebensphasen initiieren. Pläne habe ich noch für viele viele Jahre.

Haben Sie keine Angst vor dem Tod?

Nein. Der Gedanke daran macht mich nicht mehr panisch. Im Gegenteil – ich bin neugierig, was kommt. Ich denke positiv und versuche mich darauf zu freuen. Ich hoffe auf bedingungslose und grenzenlose Liebe und Verstehen und allein die Vorstellung, dass es so sein könnte, macht das Sterben leichter.