Im Blasmusikverband Bodenseekreis gibt es 57 Blasmusikkapellen. Einige Musikvereine klagen über Nachwuchssorgen und es gibt unterschiedliche Aktivitäten und Aktionen, um junge Menschen für die Musik zu begeistern. Ein anderes, ebenso wichtiges Thema, ist die Gewinnung von Dirigenten. Derzeit sucht der Musikverein (MV) Roggenbeuren einen neuen Dirigenten. Milan Nemec war von Frühling 2017 bis Dezember 2018 Dirigent und musste dann aus gesundheitlichen Gründen sein Amt niederlegen.

Die Suche nach Dirigenten sei laut Viola Baumann, stellvertretende Vorsitzende des MV Roggenbeuren, recht schwierig. "Viele machen gerne leidenschaftlich Musik als Hobby, sind beruflich und privat genug ausgelastet. Noch nebenher so einen verantwortungsvollen und zeitintensiven Job, wie den des Dirigenten zu übernehmen, ist nicht einfach", so Baumann. Es gehöre sehr viel Leidenschaft, Interesse und Wissen zur Musik dazu, um einen Dirigentenlehrgang zu absolvieren.

Häufig seien es Berufsmusiker, die neue Kapellen suchen und leiten. Michaela Bodenmüller, Vorsitzende des MV Homberg-Limpach, erklärt: "Es gibt viele Vereine, die Dirigenten suchen und auf der anderen Seite nicht mehr so viele Musiker, die die Dirigentenlehrgänge absolvieren." Somit kämen viel mehr Stellen auf verfügbare Dirigenten. Für die Vereine auf dem Land sei auch die Finanzierung ein Thema.

"Eigengewächs" Thomas Zimmermann dirigiert den MV Homberg-Limpach, hier auf dem Höchsten .
"Eigengewächs" Thomas Zimmermann dirigiert den MV Homberg-Limpach, hier auf dem Höchsten . | Bild: Wolf-Dieter Guip

Rainer Geister und Mikhail Protsenko sind jeweils über zehn Jahre Dirigenten beim MV gewesen. Wolfgang Marquart musste aus gesundheitlichen Gründen aufhören. Mit Thomas Zimmermann hat man nun ein "Eigengewächs". "Wenn man auf eigene Musiker zurückgreifen kann, ist das für einen Verein immer sehr hilfreich. Wobei natürlich 'fremdes Blut' auch immer neue Ideen und Veränderungen mitbringt, was auch von Vorteil sein kann", so Bodenmüller.

Otto Kopp, Vorsitzender des MV Deggenhausen-Lellwangen, hat auch den Eindruck, dass mit den vielen Musikkapellen in der Region, der Bedarf an Dirigenten höher ist, als das Angebot. Auf der einen Seite wachse der qualitative Anspruch an die Dirigenten, auf der anderen Seite nehme die berufliche Belastung zu, sodass weniger Zeit für die Musik bleibe.

"Ich denke, wenn man auf eigene Musiker zurückgreifen kann ist das für eine Verein immer sehr hilfreich."Michaela Bodenmüller, Vorsitzende MV Homberg-Limpach
"Ich denke, wenn man auf eigene Musiker zurückgreifen kann ist das für eine Verein immer sehr hilfreich."Michaela Bodenmüller, Vorsitzende MV Homberg-Limpach | Bild: Wolf-Dieter Guip

Jens Hacker, seit 20 Jahren Dirigent, dirigiert seit mehr als einem Jahr den MV Deggenhausen-Lellwangen. "Es ist schwierig, Dirigenten zu gewinnen, weil sie die 'Eier legende Wollmilchsau' sein sollen", erklärt er. Der Dirigent soll Freund und Motivator sein, er soll streng und nicht zu fordernd sein, er soll ein gutes Beispiel geben und sehen, dass es musikalisch läuft, das Niveau gehalten wird und die Kapelle sich weiterentwickelt, erläutert Hacker. Für einen Dirigenten sei es wichtig, dass der Musikverein gute Jugendarbeit leiste, denn er brauche eine spielbare Besetzung. Gemeinden und Kirchen fordern die Musikkapellen und die sind meist da, wenn sie gebraucht werden – das gilt auch für die Dirigenten. Man müsse berücksichtigen, dass die Vereine im Hobby-Bereich aktiv sind.

"Es ist schwierig Dirigenten zu gewinnen, weil sie die 'Eier legende Wollmilchsau' sein sollen."Jens Hacker, Dirigent MV Deggenhausen-Lellwangen
"Es ist schwierig Dirigenten zu gewinnen, weil sie die 'Eier legende Wollmilchsau' sein sollen."Jens Hacker, Dirigent MV Deggenhausen-Lellwangen | Bild: Jan Manuel Heß

Der MV Ittendorf hat sich im vergangenen Jahr nach kurzer Zeit von seinem Dirigenten Gerhard Thiel getrennt. "Aus unseren eigenen Reihen hatte sich dann Alexander Keller vorerst als Übergangsdirigent angeboten. Die Motivation der gesamten aktiven Mitglieder des Vereines stieg von dort an mit jeder Probe und auch mit jedem Auftritt", berichtet Markus Steiner vom Vorstandsteam. Aus der Übergangslösung wurde eine längere Lösung, Keller hat das Amt des musikalischen Leiters fest übernommen.

Konstanz beim Dirigentenamt kann die Stadtkapelle Markdorf vorweisen. Der derzeitige musikalische Leiter der Kapelle, Reiner Hobe, ist seit 2007 Dirigent. "Wir sind sehr zufrieden", so Vorsitzende Brigitte Waldenmaier. Auch schon länger beim MV Ahausen im Amt ist Martin Schmid, der seit 2009 Dirigent dort Dirigent ist – und auch die gemeinsame Jugendkapelle leitet. Maurice Parent hat eine Ursache für die schwierige Suche ausgemacht: "Man hat sich meines Erachtens zu lange auf die 'alten' Dirigenten verlassen. Dadurch hat man verschlafen, junge Musiker an diese Aufgabe ran zu führen", so der Vorsitzende des MV Ahausen. Außerdem sei es schwierig, so viele Menschen und Charaktere in einer Kapelle bei Laune zu halten, weiter zu bringen und zu entwickeln."

"Das Zusammenspiel von Musikern und Dirigent braucht seine Zeit"

Viola Baumann, stellvertretende Vorsitzende des MV Roggenbeuren, über die Dirigentensuche und -auswahl.

Viola Baumann, stellvertretende Vorsitzende MV Roggenbeuren
Viola Baumann, stellvertretende Vorsitzende MV Roggenbeuren | Bild: Wolf-Dieter Guip

Ist es heute einfacher Musikantennachwuchs zu gewinnen, als Dirigenten?

Persönlich würde ich sagen, es wird sicher immer schwieriger neue Dirigenten zu finden, die das richtige Gesamtpaket und die nötigen Fähigkeiten mitbringen. Obwohl der Blasmusikverband sehr viele Lehrgänge anbietet, lassen sich bei uns leider wenig oder gar keine Musiker dazu motivieren.

Ist es für einen Musikverein langfristig besser, Dirigenten aus den eigenen Reihen zu gewinnen?

Wenn es mehr Nachwuchs aus den eigenen Reihen geben würde, wäre die Dirigentensuche leichter.

Was ist das Schwierige bei einem externen Dirigenten?

Ein Neuanfang ist immer schwer, ähnlich wie bei einem Jobwechsel müssen sich alle 50 Musiker erst einmal eingewöhnen und neu orientieren. Jeder Dirigent hat seine eigene Art und Weise zu dirigieren und das Zusammenspiel von Musikern und Dirigent braucht seine Zeit. Erst dann kann effektiv zusammen gearbeitet werden und eine Entwicklung stattfinden. Bei den unterschiedlichen Dirigenten gibt es verschiedene Einstellungen, Stilrichtungen, Gehaltsvorstellungen, Wissenstand, Erfahrungen und Vorstellungen. Ein Musikverein hat eine gewisse Richtung, mit der er seinen Zuhörern und Musikern gewissermaßen treu bleiben will. Diese beiden Interessen miteinander zu vereinbaren, Kompromisse zu finden und sich einig zu werden, ist eine Herausforderung.

Wie läuft beim MV Roggenbeuren die Dirigentensuche?

Wenn ich eine Bewerbung erhalte, werden in erster Linie Fragen gestellt und geklärt – von beiden Seiten. Dies passiert meist schriftlich oder telefonisch. Danach lade ich den Interessenten zu einem persönlichen Treffen mit dem Vorstand ein. Es findet eine offene Gesprächsrunde statt. Wenn wir uns im Vorstand mehrheitlich einig sind, laden wir die Person zu einem Probedirigat ein. Bei uns entscheidet in Form eines Abstimmungsverfahrens jeder einzelne Musiker mit, ob die Person geeignet wäre oder nicht.

Fragen: Wolf-Dieter Guip