Die Henne Angela Merkel glänzt mit Abwesenheit. Derweil erhebt Tarzan lautstark sein Organ nach ihr. Vergebens. Dafür scharen sich reihenweise anderer Hühner um ihn. Und scharren geflissentlich im Kompost. "Vorwerkhühner", verweist Karin Ilg auf diese alte Rasse, räumt aber sofort den Vergleich zur gleichnamigen Staubsaugermarke aus dem Weg. Blonder Körper, schwarzer Kopf und schwarzer Bürzel zeichnen diese Hühner aus. Die rote Gesinnung ist lediglich am Kamm auszumachen. Kammheimlich sozusagen. Angela Merkel dagegen ist anders. Ein Lachshuhn mit roséfarbenem Gefieder, das auf dem Hof der Familie Ilg längst als Solitärhuhn in den Reihen der Vorwerk- und Sussexhühner einen besonderen Status genießt. Und sich eben nicht an jeden dahergelaufenen Hahn ran schmeißt.

Karin Ilg lebt mit ihrer Familie auf dem Höchsten; nicht ganz oben, dafür in Unterlimpach. Mit den Fünfen leben 14 Hühner und ein Hahn, eine ganze Gänseschar, jede Menge Sittiche und Frau Lehmann, die vier Monate alte Berner Sennenhündin inmitten alter Obstbäume und ausgedehnter Wiesen. Lediglich Tarzans Urschrei kann diese Ruhe stören. Und natürlich der Hack, der Fuchs und der Marder. "Für den Habicht sind unsere Hühner eigentlich zu groß", sagt Karin Ilg beim Schlendern über das Gehöft, vorbei am Komposthaufen, auf dem sich ein paar Vorwerkhennen sich lustvoll tummeln. "Wir haben bei der Auswahl großen Wert auf alte Rassen gelegt", fährt sie fort. Und diese Rassen, die seit einigen Jahren den Hof bereichern, sind von einer Größe, die für den Habicht quasi nicht händel- ergo greifbar sind. "Der Fuchs ist eher das Problem", kann sie aus leidvoller Erfahrung berichten.

"Der hatte sogar eine Gans am Schlafittchen und bis zum Zaun gezerrt," die dort jedoch tragischerweise stecken geblieben sei und erst durch ihr Geschrei Aufmerksamkeit erregte. "Leider konnten wir sie nicht mehr retten," beklagt Karin Ilg den tragischen Todesfall.

So ist das Landleben eben. Jeder will einen Teil davon abhaben. Die einen die überlebenswichtige Nahrung für ihre eigene Aufzucht, die anderen die Eier für ihre Spätzle, für den Sonntagszopf, für die beispielhaft dottergelben Kekse zum Nachmittagskaffee – oder für die Feriengäste. "Klar gebe ich die Eier weiter. Oftmals sind es so viele, dass ich sie nicht alle selbst verarbeiten kann", sagt Karin Ilg. Dann werden die Nachbarn versorgt, die allerdings recht weit verstreut liegen; und es werden die eigenen Feriengäste liebevoll zum Frühstück überrascht. "Manchmal friere ich die verquirlten Eier sogar ein", verrät die 48-Jährige.

Auf die Frage, ob jetzt zu Ostern der Wunsch nach legefrischen Eiern besonders groß sei, schmunzelt die Hühnerfachfrau und gleichermaßen charmante Gastgeberin: "Die Hühner halten sich weder an Ostern noch an Weihnachten. Auch das Legegeschäft ist immer saisonabhängig." Es gäbe legestarke Zeiten und legeschwache. Im Winter etwa seien die Hennen in der Mauser, insofern gäbe es auch nicht viele Eier. Da herrsche dann auch mal Saure-Gurken-Zeit. "Es kann sogar passieren, dass ich gelegentlich eine Schachtel Bio-Eier dazu kaufe", gesteht Karin Ilg. Allerdings schmeckten diese Eier niemals so gut, wie ihre eigenen. Von der Farbe des Dotters ganz zu schweigen.

Schweigen ist jetzt nicht angesagt. Tarzan schmettert mit geschwollenem Kamm ein lautstarkes "Kikeriki" in die Ruhe. Als ob er über den lang gezogenen Bergkamm des Höchsten nach Angela, seiner Henne des Herzens, rufen wolle. "Weißt du, wo unser Lachshuhn steckt?", richtet Karin Ilg ihre besorgte Frage an Ehemann Alexander. "Die wird wohl irgendwo bei den Sittichen im Vogelkäfig liegen", mutmaßt der Architekt, der mit seinem Holzbauunternehmen selbst dieses familieneigene und traumschöne Anwesen in Unterlimpach zum "Schöngeister-Feriendomizil" ausgebaut hat. "Diese blöde Henne hat mich beim Züchter siebzig Euro gekostet", lamentiert Alexander Ilg mit unverkennbarem Schmunzeln im Blick. Tarzan, der Sussex-Hahn indes würde für Ilgs Dafürhalten die Zuchtlinie komplett durchkreuzen. "Dann nennen wir die Nachzucht halt Tarzanetten", sagt Karin Ilg lachend. Es bleibt also spannend, was Henne Angela Merkel noch alles ausbrüten wird.

Wissenswertes zu Hühnern

  • Der Eiweißbedarf eines Haushuhns ist durch den Verzehr von 40 bis 50 Regenwürmer am Tag gedeckt.
  • Zu den Mermalen gesunden Verhaltens der Hühner gehört das Gackern, ihr vielfältig einsetzbares Verständigungsmerkmal sowie das Krähen des Hahns, der damit sein Revier markiert. Ebenso zeichnen sich gesunde Hühner durch fleißiges Scharren aus, wodurch sie nach Nahrung suchen.
  • Hühner merken sehr schnell, was um sie herum passiert. Sie haben ein Vibrationsorgan, das ihnen ermöglicht, anhand von Luft- und Bodenvibrationen Feinde sehr schnell wahrzunehmen.
  • Hühner haben einen körpereigenen Vorratsbehälter, den Kropf, in dem die Nahrung erst einmal gesammelt und eigeweicht wird.
  • Hühner schwitzen nicht. Bei Hitze hilft nur Flügel ausstrecken und Schnabel aufmachen.
  • Hühner leben polygam und legen sich nicht auf einen Partner fest. (hst)

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