Während in Brasilien zigtausend Quadratkilometer tropische Regenwälder zerstört werden, in Sibirien riesige Waldflächen abbrennen und in den USA der amerikanische Präsident Naturschutzgebiete für Fracking freigeben will, kämpft sich der SÜDKURIER gemeinsam mit dem BUND-Ortsvorsitzenden Rolf Servos durch ein dschungelartiges Gebiet in Urnau.

Weite Flächen der ehemaligen Kiesgrube sind in mehr als 40 Jahren zugewachsen. Rolf Servos plädiert dafür, die Goldrute auf dem rechten Hügel zu entfernen, um Nistplätze für Echsen zu schaffen.
Weite Flächen der ehemaligen Kiesgrube sind in mehr als 40 Jahren zugewachsen. Rolf Servos plädiert dafür, die Goldrute auf dem rechten Hügel zu entfernen, um Nistplätze für Echsen zu schaffen. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Durch meterhohes Springkraut und Goldruten geht es durchs Unterholz, unter umgestürzten Bäumen hindurch; man stolpert über am Boden liegende Äste und versinkt in nicht sichtbaren Gräben. Einen steilen Abhang hinunter erreicht man einen großen See, der mit grünen Wasserpflanzen, wohl Entengrütze, fast bedeckt ist. „Das ist der tiefste Punkt der ehemaligen Kiesgrube und bis zur Höhe der Baumwipfel, oberhalb des Abhangs gegenüber, ist hier der Kies seinerzeit abgebaut worden“, erklärt Rolf Servos.

Dschungelartig präsentiert sich die ehemalige Kiesgrube bei Urnau heute und bietet Unterschlupf für seltene und bedrohte Tierarten.
Dschungelartig präsentiert sich die ehemalige Kiesgrube bei Urnau heute und bietet Unterschlupf für seltene und bedrohte Tierarten. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Seit mehreren Jahren schon sind Servos und der BUND aktiv: „Nachdem die Kiesgrube seit den 1970er Jahren nicht mehr betrieben und für eine Umgehungsstraße nicht mehr vorgesehen ist, wäre diese als besondere Naturschutzfläche besonders geeignet.“ Mehrere namhafte Biologen seien von den Besonderheiten und der Artenvielfalt dort begeistert.

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Jetzt wurde bekannt, dass das Regierungspräsidium (RP) Tübingen, unter der Voraussetzung der Genehmigung durch die Forstverwaltung, bei den dem Land Baden-Württemberg gehörenden Flächen – rund 3,6 Hektar – eine sogenannte Waldumwandlung vornehmen möchte.

Wiederherstellung von Offenlandbiotopen

Das Ziel ist es, die ehemaligen großflächigen Offenlandbiotope wiederherzustellen. Rolf Servos begrüßt diese Initiative, allerdings sei es das Bestreben des BUND, die gesamte Fläche der ehemaligen Kiesgrube und kleine angrenzende Flächen zu einem Naturschutzgebiet zusammenzufassen, was eine Größe von etwa zehn Hektar umfassen würde.

Dschungelartig präsentiert sich die ehemalige Kiesgrube bei Urnau heute und bietet Unterschlupf für seltene und bedrohte Tierarten.
Dschungelartig präsentiert sich die ehemalige Kiesgrube bei Urnau heute und bietet Unterschlupf für seltene und bedrohte Tierarten. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Problem sei, dass es neben dem Gelände, das dem Land gehört, noch rund vier Hektar einer Erbengemeinschaft, zwei kleinere Parzellen dem BUND und eine Randfläche einer Frau gehören – nutzbar seien all diese Flächen für die Eigentümer nicht.

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Servos würde sich wünschen – er hat diese Idee auch schon Bürgermeister Fabian Menschenmoser vorgetragen –, dass die Gemeinde alle Flächen kauft und so ein großes Naturschutzgebiet entstehen könnte, wie es in der Region nur wenige gibt. Vielleicht seien somit auch wertvolle Ökopunkte für die Gemeinde zu generieren, die beispielsweise bei der Ausweisung von Baugebieten benötigt würden.

Dieser Hügel ist mit Goldrute überwuchert. Wenn das Gestrüpp entfernt wird, können sich hier Eidechsen sonnen.
Dieser Hügel ist mit Goldrute überwuchert. Wenn das Gestrüpp entfernt wird, können sich hier Eidechsen sonnen. | Bild: Wolf-Dieter Guip

„Das Gebiet könnte dann in Zusammenarbeit mit der unteren Naturschutzbehörde, Gemeinde und unseres BUND-Ortsverbands betreut und gepflegt werden. Langfristig wäre auch ein Holzsteg – wie am Federsee zu sehen – mit Info-Tafeln durch das Gelände denkbar. Naturfreunde, Schulkinder und interessierte Touristen könnten dann dort ein Stück besonderer Natur genießen“, schließt Servos.

Bei viel Wasser verbinden diese Gräben verschiedene Tümpel und Seen in der ehemaligen Kiesgrube und ein Biotopverbund entsteht.
Bei viel Wasser verbinden diese Gräben verschiedene Tümpel und Seen in der ehemaligen Kiesgrube und ein Biotopverbund entsteht. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Bürgermeister Meschenmoser zeigt sich eher zurückhaltend: „Es wurde schon früher über eine Gesamtlösung für dieses Gebiet nachgedacht, jedoch sind die Eigentumsverhältnisse recht schwierig. Selbstverständlich ist die Gemeinde daran interessiert, dass sich eine nachhaltige Lösung findet.“

Eine Luftaufnahme der ehemaligen Kiesgrube in Urnau im Deggenhausertal. Die verschiedenen Geländeflächen unterschiedlicher Eigentümer sind mit Linien gekennzeichnet.
Eine Luftaufnahme der ehemaligen Kiesgrube in Urnau im Deggenhausertal. Die verschiedenen Geländeflächen unterschiedlicher Eigentümer sind mit Linien gekennzeichnet. | Bild: Geodaten LGL

Das sagt das Regierungspräsidium

  1. Warum ist diese Umwandlung notwendig? Die Kiesgrube bildet nach Angaben des Regierungspräsidiums ein eigenes Teilgebiet des FFH-Gebiets „Rotachtal-Bodensee“ und ist teilweise als geschütztes Biotop kartiert. Die Kiesgrube ist im Managementplan zum FFH-Gebiet als Entwicklungsfläche zur Förderung der dort genannten Lebensräume und Arten ausgewiesen. Hierzu sind aktiv Maßnahmen zu deren Erhalt und deren Entwicklung erforderlich, um die Kiesgrube mit ihren besonderen, für den mittleren Bodenseeraum durchaus seltenen Strukturen für den Natur- und Artenschutz dauerhaft zu sichern.
  2. Welche konkreten Maßnahmen sind geplant? Nach Ende des Kiesabbaus haben sich auf den Flächen Pioniergehölze angesiedelt. Diese sollen weitgehend wieder in offene Kiesrohbodenflächen überführt werden. Zur Förderung von Mager- und Pionierrasenkomplexen, Hochstaudenfluren und Rohbodenstellen, welche auf lichte und besonnte Flächen angewiesen sind, soll der vorhandene Gehölzbestand stark aufgelichtet und in großen Teilen auch vollständig beseitigt werden. Für Amphibien sollen die bestehenden Kleingewässer wieder geöffnet werden und eventuell um weitere flache Tümpel ergänzt werden.
  3. Wie lange werden die Maßnahmen dauern? Die Maßnahmen können erst nach erfolgter Genehmigung zur Waldumwandlung erfolgen. Die Gehölzmaßnahmen werden außerhalb der Vegetationszeit in den Wintermonaten stattfinden. Da die Gehölze in der Regel mehrere Jahre lang erneut Wurzelaustriebe bilden, werden Nachpflegearbeiten zur Beseitigung der Neuaustriebe immer wieder notwendig.
  4. Sollen die Maßnahmen einmal mehr die vor langer Zeit beabsichtigte Ortsumfahrung auf Dauer verhindern? Die Ortsumgehung Urnau war vor langer Zeit ein Thema. Sie ist jedoch im Generalverkehrswegeplan 2013 des Landes nicht mehr enthalten. Es gibt also keine Planungen für eine Ortsumgehung und deshalb steht die Maßnahme an der Kiesgrube nach Angaben des Regierungspräsidiums in keinem Zusammenhang damit.
  5. Ist das Gebiet unter naturschutzrechtlichen Aspekten tatsächlich so wertvoll, dass die Urnauer Bürger deshalb auf Dauer auf eine Ortsumfahrung verzichten und dafür unerträgliches Verkehrsaufkommen in Kauf nehmen müssen? Bei der Urnauer Kiesgrube handelt es sich um ein naturschutzfachlich sehr hochwertiges Gebiet. Vergleichbare trocken-warme Standorte sind in Oberschwaben recht selten. Im Gebiet finden sich noch Reste von Magerrasen und kiesig-sandigen Bereichen, die naturschutzfachlich wertvoll sind. Es kommen außerdem verschiedene, zum Teil sehr seltene Tier- und Pflanzenarten vor, darunter mehrere Orchideenarten.
  6. Welcheschützenswerten Tierarten sind hier nachgewiesen? In der Urnauer Kiesgrube kommen verschiedene, zum Teil sehr seltene Insektenarten vor, etwa Wildbienen, Laufkäfer, Heuschrecken, Schmetterlinge, Libellen. Es konnten außerdem acht verschiedene Amphibien- und Reptilienarten nachgewiesen werden, darunter auch die europarechtlich geschützten Arten Gelbbauchunke und Zauneidechse. Außerdem dient die Kiesgrube als Brut- und Nahrungsgebiet für verschiedene, zum Teil streng geschützte Vogelarten.
  7. Was geschieht mit den Bereichen der ehemaligen Kiesgrube, die nicht im Eigentum des Landes sind? Die angrenzenden privaten Grundstücke sind von den geplanten Maßnahmen nicht betroffen.