Der Lehenhof, etwas nördlich von Deggenhausen, etwa auf halber Höhe zu Lichtenegg, idyllisch am Osthang des Höchsten gelegen, war vermutlich schon im 18. Jahrhundert landwirtschaftlich genutzt.

Die Anfänge der Camphill Dorfgemeinschaft Lehenhof im Gründungsjahr 1965. Obgleich die ersten Kühe schon grasten, ließ sich zu dieser Zeit noch nicht absehen, wie dynamisch und erfolgreich sich das Projekt entwickeln sollte und auch künftig weiter entwickeln wird.
Die Anfänge der Camphill Dorfgemeinschaft Lehenhof im Gründungsjahr 1965. Obgleich die ersten Kühe schon grasten, ließ sich zu dieser Zeit noch nicht absehen, wie dynamisch und erfolgreich sich das Projekt entwickeln sollte und auch künftig weiter entwickeln wird. | Bild: Lehenhof

1960 gab es erste Überlegungen zur Gründung einer Camphill-Dorfgemeinschaft in Deutschland. Nach jahrelangem Suchen und vielen Misserfolgen, ein Grundstück für "das erste deutsche Dorf" der Camphill-Bewegung zu erwerben, ergab sich die Gelegenheit, den Lehenhof mit einem mittlerweile heruntergekommenen landwirtschaftlichen Betrieb zu übernehmen. Während die sich mühsam hinziehenden Kaufverhandlungen noch liefen, kamen am 2. August 1964 Cordula und Reinhard Böhm als erste Bewohner am Lehenhof an und bezogen das Hofgebäude.

Archivbild von Cordula und Reinhard Böhm, die als erste auf dem Lehenhof lebten und die Camphill Dorfgemeinschaft mitbegründet haben. Cordula Böhm hat der Veröffentlichung des Fotos zugestimmt, ihr Mann ist vor vielen Jahren verstorben.
Archivbild von Cordula und Reinhard Böhm, die als erste auf dem Lehenhof lebten und die Camphill Dorfgemeinschaft mitbegründet haben. Cordula Böhm hat der Veröffentlichung des Fotos zugestimmt, ihr Mann ist vor vielen Jahren verstorben. | Bild: Lehenhof

Am 1. September wurde das Gut Lehenhof mit der Villa erworben. Schon bald wurden die ersten Tiere angeschafft: Zwei Kühe und somit gab es eigene Milch. Im Laufe des Herbstes zogen die ersten "Dörfler" ein – wie die Menschen mit Assistenzbedarf genannt werden – sowie weitere Mitarbeiter mit ihren Kindern.

Der Lehenhof im Jahre 1965 mit der Villa auf der linken Seite, als die ersten Dörfler einzogen und die Camphill Dorfgemeinschaft offizell eingeweiht wurde.
Der Lehenhof im Jahre 1965 mit der Villa auf der linken Seite, als die ersten Dörfler einzogen und die Camphill Dorfgemeinschaft offizell eingeweiht wurde. | Bild: Lehenhof

Offizielle Eröffnung 1965

Damit war ein wichtiger Schritt in Deutschland zum Zusammenwirken von Menschen mit Assistenzbedarf und nicht behinderten Menschen getan, der heute gern als Inklusion bezeichnet wird. Die offizielle Einweihung des Lehenhofs erfolgte durch Karl König am 25. September 1965, seinem 63. Geburtstag – im März des drauffolgenden Jahres starb der Heilpädagoge, Arzt und Visionär.

1965: Offizielle Eröffnung der ersten Camphill Dorfgemeinschaft auf dem Lehenhof oberhalb von Deggenhausen am 25. September 1965 mit Dr. Karl König (Bildmitte vorne).
1965: Offizielle Eröffnung der ersten Camphill Dorfgemeinschaft auf dem Lehenhof oberhalb von Deggenhausen am 25. September 1965 mit Dr. Karl König (Bildmitte vorne). | Bild: Lehenhof

Die Entwicklung der Camphill Dorfgemeinschaft Lehenhof ging und geht bis heute kontinuierlich weiter. Nach und nach entstanden neue Häuser und Werkstätten und im Jahr 1970 wurde oberhalb des Lehenhofs das Hofgut Lichtenegg, der Lindenhof erworben, der sich zum Zentrum der Landwirtschaft entwickelte.

Mit der Einweihung eines neuen, modernen Kuhstalls 2014 bei 130 Hektar landwirtschaftlicher Fläche, davon mehr als 80 Hektar Grünland, bilden Milcherzeugung- und Verarbeitung einen Schwerpunkt. Über die Jahre entwickelten sich auch die Lehenhof-Dependenzen in Deggenhausen und Obersiggingen.

Nachdem Cordula und Reinhard Böhm bereits 1964 auf dem Lehenhof eingezogen waren und den Hof unter schwierigsten Bedingungen zum Anlauf gebracht hatten, eröffnete Karl König (Bild) am 25. September 1965 die Camphill Dorfgemeinschaft Lehenhof als erstes Projekt der Camphill-Bewegung in Deutschland.
Nachdem Cordula und Reinhard Böhm bereits 1964 auf dem Lehenhof eingezogen waren und den Hof unter schwierigsten Bedingungen zum Anlauf gebracht hatten, eröffnete Karl König (Bild) am 25. September 1965 die Camphill Dorfgemeinschaft Lehenhof als erstes Projekt der Camphill-Bewegung in Deutschland. | Bild: Lehenhof

Die neue Landesheimbauverordnung Baden-Württemberg bedeutete für die Camphill Dorfgemeinschaft erhebliche Investitionen. So mussten 19 durchaus passable Doppelzimmer in bestehenden Häusern wegen der Einzelzimmerpflicht aufgelöst werden. Auch mussten in mehreren Häusern Wände neu eingezogen und Sanitärräume für jedes Zimmer geschaffen werden.

"Ersatzbau" mit 22 Zimmern

Außerdem entstand ein "Ersatzbau" mit 22 Zimmern, um den Bestimmungen zu entsprechen – die Fertigstellung erfolgte Mitte des Jahres 2016. Einen weiteren Entwicklungsschritt in die Mitte vom Deggenhausertal realisierte der Lehenhof durch den Kauf des alten Rathauses in Wittenhofen. Dort entstanden acht Appartements zwischen 32 und 40 Quadratmeter jeweils mit Küchenzeile und Bad für die Wohnform "Ambulant betreutes Wohnen".

Der Lehenhof heute: Jede Menge Gebäude sind über die Jahre errichtet worden und in der Bildmitte die großzügigen Gewächshäuser für Bio-Gemüse. Ganz vorne rechts ist der neue "Erstatzbau" erkennbar, der aufgrund der Heimbauverordnung erforderlich geworden ist.
Der Lehenhof heute: Jede Menge Gebäude sind über die Jahre errichtet worden und in der Bildmitte die großzügigen Gewächshäuser für Bio-Gemüse. Ganz vorne rechts ist der neue "Erstatzbau" erkennbar, der aufgrund der Heimbauverordnung erforderlich geworden ist. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Ganz aktuell hat die Camphill Dorfgemeinschaft Lehenhof ein weiteres ehrgeiziges Projekt in Angriff genommen. Der seit rund 16 Jahren in Obersiggingen bestehende Naturkostladen des Lehenhofs mit einer Fläche von rund 120 Quadratmetern läuft gut. "Allerdings ist die Lage weit abseits von Hauptverkehrsachsen weit hinten im Tal", beschreibt der Geschäftsführer der Camphill Werkstätten, Hannes Harms, einen Nachteil des bestehenden Geschäfts. Deshalb hätte die Geschäftsleitung ein Projekt für einen neuen Standort aufgesetzt.

Neues Projekt entsteht

Durch gute Kontakte in der Bevölkerung wurde das Gelände der Familie Drittenpreis in Untersiggingen gefunden und gemeinsam ein kombiniertes Projekt Naturkostladen/Wohnen entwickelt. Die Partnerschaft gipfelt in dem Anliegen: Sinnvolle Arbeitsplätze für Menschen mit Assistenzbedarf zu schaffen, den Bio-/Naturkost-Einzelhandel und die Camphill-Einrichtung Lehenhof zu stärken, guten Wohnraum zu schaffen und zur Belebung des Ortsteils Untersiggingen beizutragen.

Die Planung sieht so aus, dass im Sommer dieses Jahres mit dem Bau begonnen wurde und – je nach Bauverlauf – mit einem Eröffnungstermin im Winter 2018/2019 zu rechnen ist.

 

Zeitzeugin Cordula Böhm erinnert sich

Es gibt wohl niemanden, der authentischer Auskunft über die Anfänge und Entwicklung der Camphill Dorfgemeinschaft Lehenhof geben kann, als Cordula Böhm. In Stuttgart geboren und in Ost-Afrika aufgewachsen kam sie gemeinsam mit ihrem Mann Reinhard Böhm – nach knapp zwei Jahren in einem Dorf der Camphill-Bewegung in Schottland – zurück nach Deutschland. Mit dem Lehenhof oberhalb der Gemeinde Deggenhausen war ein Objekt gefunden worden, um die erste Camphill Dorfgemeinschaft in Deutschland zu begründen.

Lange Kälteperiode des Vorjahres

"1963 gab es die Seegfrörne, bei der der Bodensee zugefroren war und als wir 1964 auf dem Lehenhof ankamen, waren aufgrund der langen Kälteperiode des Vorjahres sämtliche Wasserrohre im Haus geplatzt – es gab kein Wasser", erinnert sich Cordula Böhm. Der Lehenhof war gut zwei Jahre nicht bewohnt gewesen und es sei schlichtweg nichts dagewesen, nur Schrott. Es hätte weder Hammer noch Nagel gegeben und glücklicherweise hatten die Böhms ein Bett und einen Tisch mitgebracht und fanden auf einem benachbarten Feld Johannisbeeren.

Vom Camphill-Verein im Rheinland erhielten sie Möbel aus Haushaltsauflösungen. Schon bald waren die ersten Dörfler und Mitarbeiter auf dem Hof. Darunter ein Schreiner, der Einrichtungsgegenstände zimmerte, die noch lange genutzt wurden. Zwei Kühe bekam die sich entwickelnde Dorfgemeinschaft geschenkt – aber es gab keine Eimer für die Milch. In einem alten Volkswagen, in dem Gras wuchs, fuhr Böhm nach Deggenhausen, um notwendige Gegenstände zu kaufen. Als der Lehenhof im September 1965 offiziell eröffnet wurde, lebten dort schon 30 Personen; Beschäftige und Dörfler.

Froh über ein eigenes Bad

Jede Hausgemeinschaft war seinerzeit froh, ein Bad zu haben, während heute Einzelzimmer mit je einer Nasszelle vorgeschrieben sind. Lange Zeit galt das Ideal, sich nicht von öffentlichen Mitteln abhängig zu machen und sich das nötige Geld zum Leben durch den Verkauf von landwirtschaftlichen Erzeugnissen und Werkstattprodukten zu erwirtschaften.

In den 1970er Jahren galt der Lehenhof als Modell-Einrichtung und erhielt Bundesmittel, doch erst in den 1990er Jahren erreichten die öffentlichen Pflegesätze das übliche, auskömmliche Niveau. "Während andere Leute bereits im Wohlstand lebten, hat uns das Wirtschaftswunder nicht gestreift", zieht Cordula Böhm als Fazit.

Aber es sei eine tolle Zeit gewesen, so Böhm. Beobachten zu können, wie dynamisch sich die Camphill Dorfgemeinschaft bis zum heutigen Tag entwickelt hat und wie doch das Zusammenleben von Behinderten und nicht Behinderten Bestand hat, sei großartig.