Judith Bader, die heute in München lebt, hat 1992 in Benistobel angefangen und freut sich, dass so viele Menschen aus den verschiedenen Jahrzehnten zu dem Fest zusammengekommen sind: „Es ist wie ein großes Familientreffen“. Herbert Brugger aus Ravensburg war von 1981 an, neun Jahre Lagerleiter in Benistobel und vieles im Lager ist durch ihn begründet, wie die Integration von Tieren ins Lager, die Mülltrennung, die Ökodusche, die eigene Quelle und die Pflanzenkläranlage. „Für die Kläranlage, die erste Pflanzenkläranlage im Bodenseekreis, mussten wir mit sieben Behörden zusammenarbeiten, bis wir die Genehmigung hatten“, erinnert sich Brugger.

Landwirt Matthäus Sturm, dem die Wiese auf der Lichtung in Benistobel gehört, erinnert sich, als sein Vater Johann Sturm das zuvor landwirtschaftlich genutzte Gelände dem Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) der Diözese Rottenburg-Stuttgart zur Verfügung stellte, war er seinerzeit gerade mal 15 Jahre alt. Bereits zuvor hatten Pfadfindergruppen aus Ravensburg und Friedrichshafen gelegentlich dort ihr Zeltlager aufgebaut. „Für uns Kinder war das Zeltlager ein echtes Erlebnis. Wir waren vom Land und wenn wir ins Lager kamen, gab es Cola oder Spezi für uns, das war etwas ganz Besonderes“, sagt Sturm, der nicht geglaubt hätte, dass sich das Lager 50 Jahre halten würde.

Ehemalige Teilnehmer, Mitbegründer, Leiter und Helfer des Zeltlagers Benistobel im Deggenhausertal kamen zum 50-jährigen Jubiläum zusammen und tauschten Erinnerungen aus. Die Teilnehmer der Veranstaltung mussten geimpft, genesen oder getestet sein.
Ehemalige Teilnehmer, Mitbegründer, Leiter und Helfer des Zeltlagers Benistobel im Deggenhausertal kamen zum 50-jährigen Jubiläum zusammen und tauschten Erinnerungen aus. Die Teilnehmer der Veranstaltung mussten geimpft, genesen oder getestet sein. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Für den Verein Freunde des Zeltlagers Benistobel haben Judith Bader, Patricia Hanisch und viele Helfer Texte für eine Festschrift erarbeitet, die Grundlage für die nachstehende Entwicklung des Lagers ist. Auf Initiative des damaligen Zivildienstleistenden Norbert Zeller und mit Unterstützung des Leiters des BDKJ-Lagers Friedrichshafen Seemoos, Sepp Ströbele, entstand 1971 noch unter sehr einfachen Bedingungen das Zeltlager in Benistobel auf einer idyllisch gelegenen Lichtung am Ufer der Rotach.

Matthäus Sturm
Matthäus Sturm | Bild: Wolf-Dieter Guip

Zunächst wurden zehn Kinderzelte für jeweils zehn Jungen aufgebaut, verschiedene Materialzelte, ein Küchenzelt und ein Zelt für den Leiter auf einem Hügel. Teilnehmer waren zunächst Kinder aus Notunterkünften in Friedrichshafen, denen man ein Ferienerlebnis bieten wollte. In den 1980er Jahren legten Barbara Ströbele und Heribert Brugger die Grundlagen „Ökologie: Achtung vor Natur und Umwelt, Leben in Gemeinschaft mit Tieren“. Es lebten Schafe, Hühner, Hasen, Gänse, Ziegen und Schweine mit auf dem Zeltplatz, die damals, genauso wie heute, von den Lagerteilnehmern unter Anleitung versorgt wurden.

Zunächst gab es eine 14-tätige Freizeit mit 50 Kindern, die aufgrund des großen Erfolgs auf zwei 17-tätige Freizeiten mit jeweils 110 Kindern erweitert wurde. Um die Umwelt nicht zu belasten, stellten die Kinder mit den Betreuern biologisch abbaubare Kosmetikartikel, wie Seifen und Duschgel aber auch Putzmittel her. Auch eine Ökodusche wurde installiert und eine eigene Kläranlage konstruiert. In den 80iger Jahren wurde das Lager mit Strom und Wasser versorgt und mit Matthäus Sturm und dem Wasserwirtschaftsamt bei einer Quelle eine Brunnenstube gebaut.

Judith Bader
Judith Bader | Bild: Wolf-Dieter Guip
Heribert Brugger
Heribert Brugger | Bild: Wolf-Dieter Guip

In den 1990er Jahren wurden die zwei Balken über die Rotach durch eine Brücke ersetzt. In dieser Zeit wurde eine einwöchige Schnupperfreizeit für 8 bis 11-jährige eingeführt. Damit gab es in Benistobel erstmalig drei Freizeiten im Sommer: am Anfang der Ferien die beiden 17-tägigen für Kinder von neun bis 13 Jahren und am Ende eine Woche für die Kleineren. Nur wenig später wurden alle Freizeiten auf eine ähnliche Länge gebracht und die Altersstruktur noch einmal verändert: Beni 1 war nun für die Ältesten (13 bis 15 Jahre) ausgeschrieben, Beni 2 für die Mittleren (neun bis 12 Jahre) und Beni 3 für die Jüngsten (acht bis elf Jahre).

Johannes Treß
Johannes Treß | Bild: Wolf-Dieter Guip
Matthias Dubischar
Matthias Dubischar | Bild: Wolf-Dieter Guip
Ralf Bacher
Ralf Bacher | Bild: Wolf-Dieter Guip

In den 2000er Jahren wurde die Küchenpalisade erneuert, ebenso wie die Brücke und das warme Duschen wurde ermöglicht. 2007 wurde der Förderverein der Freunde des Zeltlagers Benistobel gegründet. Zweck des Vereins ist die ideelle und finanzielle Förderung des Zeltlagers. Außerdem ermöglicht er ehemaligen Benistoblern mit der “Stadt im Wald“ verbunden zu bleiben. Die 2010er brachten noch einmal viele Veränderungen ins Zeltlager Benistobel. Der demographische Wandel machte sich nun auch in den Ferienfreizeiten deutlich bemerkbar. So war mittlerweile keine der Freizeiten mehr mit 110 Kindern ausgebucht, was dazu führte, dass die Vollauslastung bei teilweise noch bis zu 80 Kindern lag. Auch in diesem Jahr gibt es vier Freizeiten in Benistobel mit reduzierter Teilnehmerzahl aufgrund der Corona-Pandemie.

Gemeinschaftliche Beni-Tänze beim Elternbesuchstag im Jahr 1984.
Gemeinschaftliche Beni-Tänze beim Elternbesuchstag im Jahr 1984. | Bild: Freunde des Zeltlagers Benistobel

Erinnerungen von Norbert Zeller

Unter dem Titel „Wie alles anfing“ hat Norbert Zeller seine Erinnerungen zur Entstehung des Zeltlagers in Benistobel aufgeschrieben. Hier eine Zusammenfassung einiger seiner Gedanken. Schon früh sozial engagiert war Zeller als Schüler und Abiturient zunächst ehrenamtlich und dann als Zivildienstleistender im BDKJ-Zeltlager Seemoos tätig. Den Zeltplatz in Benistobel kannte er aus seiner Zeit bei den Pfadfindern St. Georg in Friedrichshafen. Der damalige Leiter in Seemoos, Sepp Ströbele, stimmte der Idee Zellers zu, in Benistobel ein Zweitlager einzurichten – und auch Bauer Johann Sturm stellte seine Wiese spontan zur Verfügung. Im Jahre 1971 wurden ausgedientes und altes zeltmaterial, Kochtöpfe, Gasbrenner und vieles mehr als Erstausstattung nach Benistobel gebracht.

Norbert Zeller
Norbert Zeller | Bild: Wolf-Dieter Guip

„Mit einem großen Renault-Traktor und zwei Anhänger, wurde das Material nach Benistobel gefahren. Es war eine heiße Fahrt. Bauer Sturm musste mit seinem Allrad dann die Anhänger durch die Rotach zum Zeltplatz fahren. Zwei Baumstämme mit Brettern oben drauf bildeten die fußläufige, schmale Brücke, fast schon eine Mutprobe sie zu benutzen“, schreibt Zeller. Innerhalb einer Woche waren 10 Gruppenzelte (für je 10 Kinder), Küchen- und Materialzelte sowie ein kleines Versammlungszelt und eines für die Küchenfrauen und Zeller aufgebaut. Vom Hof Sturm wurden Kabelrollen für Strom und Schläuche für Frischwasser verlegt. Alles war sehr natürlich und bescheiden, wie das Plumpsklo als umgedrehte stabile Holzkiste und eine Blechrinne als Pissoir. In zwei Perioden zu jeweils zwei Wochen kamen überwiegend Kinder aus Notunterkünften in Friedrichshafen. Von Anfang an wurden die Kinder an der Gestaltung des Zeltlagerlebens beteiligt. Es gab eine Lagerzeitung und eine Bretterwand mit wichtigen Informationen. Zwei „Küchenfrauen“ waren für das Essen verantwortlich und jeweils ein Zelt war zum Küchendient eingeteilt. Zu dieser Zeit gab es noch keine Handys und die telefonische Verbindung lief über die Familie Sturm, wobei die Söhne Hans-Peter und Matthäus gerne die Boten spielten. Bei besonderen Veranstaltungen wie Filmvorführungen oder Lagerzirkus war die Familie Sturm stets eingeladen. Überhaupt wurde es den Kindern (fast) nie langweilig, da es zahlreiche Betätigungsmöglichkeiten gab. Spiele wie Fußball, Wasserspiele, Geländespiele, Gesellschaftsspiele, durch die Wälder streifen, Natur erkunden, Rotachwanderung mit Gummistiefeln, Wasserspiele, was sehr beliebt war, Lagerzeitung gestalten, Malen, Basteln, Turm bauen, Lagerfeuer vorbereiten, Nachtwanderung, Lagerwache, Bauer Sturm „helfen“, der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Mindestens einmal pro Lagerperiode ging es entweder zum Baden nach Seemoos oder ins Freibad, was der Hygiene dienlich war.

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Für sich selbst zieht Norbert Zeller als Fazit: „Für mich war die Zeit in Benistobel eine sehr prägende Zeit, mit großem Freiraum und noch größeren Erfahrungen. Ich lernte, dass Teamarbeit, Vertrauen, Offenheit und Ehrlichkeit die Voraussetzungen für das Gelingen sind. Ich erlebte, dass es wichtigere Dinge gibt, als materielle Vorteile zu erzielen. Es mag pathetisch klingen: Aber mit dazu beitragen zu können, dass die Welt ein bisschen besser wird, Ungerechtigkeiten bekämpft werden, Gemeinsamkeit zu erleben, Kindern neue Einsichten zu vermitteln, waren und sind starke Motive für Projekte wie das Zeltlager Benistobel.“ Zur Person: Norbert Zeller wurde im August 1950 in Friedrichshafen geboren; er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Nach dem Abitur hat er Sonderpädagogik studiert und war Sonderschullehrer in Friedrichshafen. Seit 1979 ist er im Kreisrat des Bodenseekreises und seit 2004 ist er Vorsitzender der dortigen SPD-Fraktion. Von 1980 bis 1984 war Zeller im Gemeinderat von Friedrichshafen und von 1988 bis 2011 war er gewähltes Mitglied im Landtag von Baden-Württemberg.

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