Als erste Kommune im Bodenseekreis und als eine von zwei kleinen Ortschaften unter 2000 Einwohnern wurde Daisendorf für den Fußverkehrs-Check 2020 des baden-württembergischen Verkehrsministeriums ausgewählt. Unter dem Jahresmotto „Mehr Platz zum Gehen“ richtet sich der Blick auf sichere und gut gestaltete Plätze und Wege, welche Lust auf das zu Fuß gehen machen sollen. Nachdem der Auftakt zum Check vergangenen Herbst wegen Corona abgesagt werden musste, ging es nun mit Online-Workshop und zwei Gemeindebegehungen los.

„Nach Rückmeldungen aus der Bürgerschaft und der Bürgerwerkstatt haben wir elf Stationen ausgesucht“, klärte Bürgermeisterin Jacqueline Alberti vor Beginn des Begehung auf. Bereits am Vormittag habe man einen Spaziergang mit Kindergartenkindern gemacht, um die Besonderheiten an neuralgischen Punkten auch aus dem Blickwinkel der Kleinen zu betrachten.

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Kinder fotografieren ihre eigenen Blickwinkel

Johannes Lensch, Raum- und Verkehrsplaner von der Karlsruher Planersocietät berichtete, dass dazu den Kindern auch die Kamera in die Hand gegeben worden sei. „Es ist doch eine andere Perspektive, ob ich über ein Hindernis wie eine Hecke oder parkende Autos drüber schauen kann oder ob ich für eine Sicht auf den Verkehr weit in die Straße vorlaufen muss.“ Vermutlich aufgrund der extrem heißen Temperaturen nahm nur eine Handvoll Bürger an der nachmittäglichen, öffentlichen Begehung teil und so konnte wegen persönlicher Betroffenheit die ursprüngliche geplante Route etwas variiert werden.

Die Begehung startete in der Mühlhofer Straße, am Ortsausgang Richtung Uhldingen-Mühlhofen.
Die Begehung startete in der Mühlhofer Straße, am Ortsausgang Richtung Uhldingen-Mühlhofen. | Bild: Lorna Komm (lko)

Weg zum Friedhof als „sehr holprig“ bemängelt

Gestartet wurde am Ortsausgang Richtung Mühlhofen. Bemängelt wurden, dass in Fahrtrichtung Friedhof der Fuß- und Radweg zusammen verlaufen. Zudem sei der Weg außerhalb der Ortschaft bis zum Friedhof sehr holprig, was Ingeborg Hampel besonders aus der Sicht als Radfahrerin bemängelte. Gemeinderat Heinrich Straub führte dazu auch die mangelnde Breite auf dem kombinierten Weg an. „Hier wäre es das Ziel, schon ab Meersburg den Berg hoch einen Schutzstreifen für Radfahrer auf der Straße anzubringen“, meinte Straub.

Am Eingang zum öffentlichen Kinderspielplatz.
Am Eingang zum öffentlichen Kinderspielplatz. | Bild: Lorna Komm (lko)
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Wunsch nach einem Zebrastreifen

Nur wenige Meter weiter liegt der Eingang zum öffentlichen Kinderspielplatz. Die Kinder, die aus Richtung des gegenüberliegenden Wohngebiets kommen, würden oftmals genau an der Stelle die Straße überqueren, erklärten die Daisendorfer Bürger dem Verkehrsplaner Lensch. Nur wenige würden erst in Richtung Ortsausgang laufen, um die Straße an der etwas sicheren Stelle bei der Verkehrsinsel zu überqueren, um dann auf der anderen Seite die gleiche Strecke zurück bis zum Eingang des Spielplatzes zu laufen. Wünschenswert wäre hier ein Zebrastreifen, da auch an der Verkehrsinsel kein Zebrastreifen den Fußgängern den Vorrang gewährt.

In der Straße „Am Silberberg“ gibt es keine Bürgersteige. Sie ist ein neuralgischer Punkt, wie Anwohner Alexander Aschrafi beschreibt.
In der Straße „Am Silberberg“ gibt es keine Bürgersteige. Sie ist ein neuralgischer Punkt, wie Anwohner Alexander Aschrafi beschreibt. | Bild: Lorna Komm

„Am Silberberg“ gibt es keine Bürgersteige

Weiter geht es zur Einmündung der Straße „Am Silberberg“ in den Hauptverkehrsweg Mühlhofer Straße. Diese Einmündung ist ein neuralgischer Punkt, wie Anwohner Alexander Aschrafi berichtet. Am Silberberg gibt es keine Bürgersteige. Die Fußgänger würden vorwiegend rechts den Berg hochlaufen beziehungsweise auch auf der Straßenseite in Richtung Ortsmitte heruntergehen. Autofahrer, welche von Meersburg herkommend rechts abbiegen, würden die Fußgänger dementsprechend spät sehen und auch die Fußgänger können dort nicht ums Eck schauen, ob ein Fahrzeug kommt.

2018 ereignete sich genau dort ein Unfall, bei dem ein vom Silberberg abbiegendes Auto eine auf der Hauptstraße fahrende Rollerfahrerin erfasste. Vielleicht könnten Spiegel die Situation verbessern, meinte Aschrafi.

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Hier können Kinder nicht um die Kurve schauen

Ein großer Knackpunkt ist die Kreuzung der Mühlhofer Straße mit der Ortsstraße. Dies stellte sich insbesondere bei der Begehung mit den Kindergartenkindern heraus, sind sich Verkehrsplaner und Bürgermeisterin einig. Die Kinder können hier nicht um die Kurve schauen und müssen weit auf die Straße, um den Verkehr einzusehen.

Bürgermeisterin Jacqueline Alberti stellte sich auf dem Überweg genau auf den Punkt, ab welchem kleine Kinder die Straße hochschauen können. Aber auch für Erwachsene beginnt die komplette Fahrbahn-Einsicht nicht auf dem Gehweg, sondern erst ein Stück weit auf der Straße (siehe Bild ganz oben).

Bürgermeisterin Alberti an der Einmündung der Schulstraße in die Mühlhofer Straße, auch hier ist die Einsicht erschwert.
Bürgermeisterin Alberti an der Einmündung der Schulstraße in die Mühlhofer Straße, auch hier ist die Einsicht erschwert. | Bild: Lorna Komm

Auch an der Einmündung der Schulstraße in die Mühlhofer Straße ist die Übersichtlichkeit ein Problem. Allerdings erleichtern den Verkehrsteilnehmern hier zwei Spiegel auf der gegenüberliegenden Seite die Situation.

Derzeit sind die Straßen am Kindergarten eine Baustelle. Aber auch sonst ist die Situation hier schwierig, besonders wenn viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zum Kinderhaus bringen.
Derzeit sind die Straßen am Kindergarten eine Baustelle. Aber auch sonst ist die Situation hier schwierig, besonders wenn viele Eltern ihre Kinder mit dem Auto zum Kinderhaus bringen. | Bild: Lorna Komm

Bringt ein „Walking-Bus“ die Lösung für den Kindergarten?

Auch wenn es in den Straßen am Kindergarten keine Baustellen gibt, ist die Situation hier teilweise sehr schwierig. Die Straßen sind relativ schmal, die wenigen Bürgersteige sind zudem sehr schmal und dann noch ein erhöhtes Verkehrsaufkommen, wenn die Eltern ihre Kinder mit dem Auto zum Kinderhaus bringen oder abholen.

Die einfachste Lösung zur Beseitigung der Engpässe läge hier darin, wenn die Eltern ihre Kinder zu Fuß bringen würden. Heinrich Straub schlug einen „Walking-Bus“ vor, also einen „gehenden Bus“ bei dem ein Elternteil mehrere Kinder unterwegs aufsammelt und alle gemeinsam zu Fuß zum Kindergarten gehen. Alberti entwickelte die Idee weiter, sie könne sich auch Großeltern, Leihomas oder ehrenamtlich Senioren vorstellen, welche mit den Kindern laufen könnten.

Im Wohngebiet „Sanatoriumstraße“ und „Ofenküche“ gibt es uneinsehbare Einmündungen.
Im Wohngebiet „Sanatoriumstraße“ und „Ofenküche“ gibt es uneinsehbare Einmündungen. | Bild: Lorna Komm

Im Wohngebiet bei der „Sanatoriumstraße“ und der „Ofenküche“ gebe es viel Kinder, die auf der Straße spielen würden, erzählte Alberti. Auch hier gibt es uneinsehbare Einmündungen und vielfach würden Autofahrer mit nicht angepassten Geschwindigkeiten fahren.

Auch in der Baitenhauser Straße wird zu schnell gefahren.
Auch in der Baitenhauser Straße wird zu schnell gefahren. | Bild: Lorna Komm

Die Raser sind ein Problem, das sich durch die Begehung durchzieht. Auch die schnurgerade Baitenhauser Straße verführe viele Fahrzeuglenker dazu, schneller als erlaubt zu fahren, hieß es während der Begehung, dazu kommen auch hier schmale oder fehlende Gehwege.

Am Gärtlesberg ist der Gehweg in einem schlechten Zustand.
Am Gärtlesberg ist der Gehweg in einem schlechten Zustand. | Bild: Lorna Komm

Gehweg am Gärtlesberg Gefahr für ältere Menschen

Eine Gefahrenquelle für ältere Mitbürger ist der Gehweg am Gärtlesberg, der in einem schlechten Zustand ist. Darauf machte Anwohnerin Ingeborg Hampel aufmerksam. Auch weiter oben beim Wohnkomplex sei der Zustand teils desolat. Auch fehle es dort an Gehwegen vor den Parkplätzen oder vor den Wegen zu den Häusern. Da die Straße ebenfalls gerade sei, werde auch hier teils zu schnell gefahren. Zudem würden wild parkende Autos von Besuchern des Aussichtspunkts die Situation erschweren.

Von einer vorgeschlagenen Einbahnregelung für den Gärtlesberg riet der Fachplaner ab. „Wenn die Autofahrer wissen, dass ihnen keiner entgegenkommt, dann wird das schnell zur Autobahn“, meinte Lensch. Blumenkübel seien da effektiver.

Ins Protokoll aufgenommen wurden neben engen Gehwegen oder gefährlichen Straßeneinmündungen auch andere Situationen für Fußgänger. Die neue Solarlampe auf Probe beleuchtet zwar das vorherige dunkle Loch an der Treppe, andererseits scheint sie auch störend in Wohnungen einiger Anwohner, wie Alberti berichtet.
Ins Protokoll aufgenommen wurden neben engen Gehwegen oder gefährlichen Straßeneinmündungen auch andere Situationen für Fußgänger. Die neue Solarlampe auf Probe beleuchtet zwar das vorherige dunkle Loch an der Treppe, andererseits scheint sie auch störend in Wohnungen einiger Anwohner, wie Alberti berichtet. | Bild: Lorna Komm

Protokolliert wurden aber auch Wege, die im Winter bei Schnee und Glatteis gefährlich sind oder im Herbst durch nasse Blätter zur Rutschgefahr werden.

Abgesehen vom Wildwuchs, bieten hohe Bordsteinkanten an Straßenübergängen oder Ein- und Ausfahrten ein Hindernis für Kinderwagen, Rollatoren, Rollstühlen oder Fußgängern mit Einschränkungen.
Abgesehen vom Wildwuchs, bieten hohe Bordsteinkanten an Straßenübergängen oder Ein- und Ausfahrten ein Hindernis für Kinderwagen, Rollatoren, Rollstühlen oder Fußgängern mit Einschränkungen. | Bild: Lorna Komm

Die beanstandeten Stellen von Verkehrsplaner Johannes Lensch aufgenommen und von seiner Mitarbeiterin Franziska Ornau fotografiert und protokolliert. Als nächster Schritt erfolgt die Erarbeitung von Lösungsvorschlägen seitens der Planersocietät. Er hoffe, diesen der Öffentlichkeit noch vor der Sommerpause bei einer öffentlichen Informationsveranstaltung vorstellen zu können, so Lensch.