Corona war auch bei uns das alles beherrschende Thema“, blickt Daisendorfs Bürgermeisterin Jacqueline Alberti zurück. Eine weitreichende Auswirkung der Pandemie auf die rund 1600 Einwohner zählende Gemeinde war, dass die Bürgerwerkstatt nicht mehr stattfinden konnte. „Die fehlt mir sehr.“ Die Bürgerwerkstatt war eines der Kernpunkte ihres Wahlprogramms 2017 gewesen. Und tatsächlich initiierte die 42-jährige Juristin die Installation der Bürgerwerkstatt kurz nach ihrer Wahl als ein wichtiges Instrument ihrer politischen Arbeit.

Bürgerwerkstatt als mehrteilige Erfolgsgeschichte

Ein Teil des Austausches mit der Bürgerschaft sei ihr dadurch weggebrochen, sagt Alberti. Sie vermisse den Dialog in der Bürgerwerkstatt, das Feedback der Bürger, weil sie das brauche, um zu wissen, dass sie auf dem richtigen Weg sei. Sie zählt die Neugestaltung der Freitzeitanlage am Waldrand, die Einrichtung eines öffentlichen Bücherregals und vor allem den neuen Wochenmarkt als Teile der Erfolgsgeschichte auf, deren Ursprünge mit in der Bürgerwerkstatt liegen.

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Besonders freut es Alberti, dass der Wochenmarkt funktioniert. “Als wir die ersten Bürgerwerkstätten abgehalten haben, hatten wir einen Coach.“ Dieser habe ihr gesagt, dass die Idee zwar gut sei, aber die Gemeinde für einen regelmäßigen Markt schlicht zu klein. Ganz im Gegensatz zu dieser Prophezeiung, haben die Daisendorfer nun seit fast einem Jahr ihren kleinen aber feinen Wochenmarkt mit regionalen Produkten, der auch in Coronazeiten funktioniert.

Der kleine Markt auf Rathausplatz hat sich nach kurzer Zeit etabliert.
Der kleine Markt auf Rathausplatz hat sich nach kurzer Zeit etabliert. | Bild: Mardiros Tavit

Gewinn des „Fußverkehrs-Checks“ bringt 15 000 Euro Förderung

Ein weiteres Projekt, das seinen Anfang gänzlich in der Bürgerwerkstatt genommen hat, kommt Alberti während des SÜDKURIER-Interviews in den Kopf. Baden-württembergische Kommunen konnten sich für ein „Fußverkehrs-Check“ bewerben. “Ich bin stolz, dass wir die ersten Gemeinde im Bodenseekreis sind, die die Ausschreibung gewonnen hat.“ Die Bewerbung sei komplett in der Bürgerwerkstatt vorangetrieben worden. So könne die Gemeinde mit ihrer kleinen Verwaltung auch solche größeren Projekte stemmen, die dann wieder den Bürgern zugute kommen: Schließlich sei für den Fußverkehrs-Check eine Förderung in Höhe von 15 000 Euro in Form von Beraterleistungen verbunden. “Diese Summe hätten wir nicht im Haushalt übrig.“ Außerdem bekäme die Gemeinde den Zugriff auf ein webbasiertes Tool des Fraunhofer-Instituts für die Bürgerbefragung zum Thema, der ihr sonst verschlossen bliebe.

Ehemalige Schuldnerberaterin geht ungewöhnliche Wege, um Geld zu sparen

Mit diesen Beispielen erläutert Alberti ihr politisches Konzept. “Mit wenig Mitteln viel erreichen, das kann nur funktionieren, wenn alle mitmachen.“ So sei die Umgestaltung der Freizeitanlage auch deshalb so günstig geworden, weil viel Hilfe aus der Bevölkerung kam. Sei es, dass Grillplatz und Bänke gestiftet worden sind, oder Bürger Kontakte für den günstigen Einkauf vermittelt haben. Oft werde sie von Kollegen gefragt, wie sie das alles so günstig bekomme. “Bürgerbeteiligung ist eines der Geheimnisse, ein anderes ist das azyklische Einkaufen“, so Alberti, die im Landratsamt sieben Jahre als Schuldnerberaterin arbeitete, bevor sie Bürgermeisterin wurde. Und sie zeigt auf die großen Weihnachtskugeln, die im Christbaum vor ihrem Büro hängen. “Die haben wir Ostern angeschafft. Für fünf statt 15 Euro.“

An Ostern billiger. Die großen Christbaumkugeln am Rathausplatz stehen bespielhaft für den Sparsinn, der mit Jacqueline Alberti ins Rathaus eingezogen ist.
An Ostern billiger. Die großen Christbaumkugeln am Rathausplatz stehen bespielhaft für den Sparsinn, der mit Jacqueline Alberti ins Rathaus eingezogen ist. | Bild: Mardiros Tavit

Probleme offen anzusprechen ist ihr Erfolgsrezept bei Bürgern und Mitarbeitern

Und das dritte Geheimnis ihres Haushaltens seien ihre Mitarbeiter. “Ich bin froh, dass alle mitziehen, ohne sie wäre das alles nicht zu stemmen.“ Das gelte nicht nur in der Kernverwaltung im Rathaus. Auch die Bauhhofmitarbeiter würden bei Bestellungen auf den Preis achten und lieber etwas länger nach dem gewünschten Produkt suchen. Ihr „kommunikativer Führungsstil“ habe auch während der coronabedingten Kindergartenschließung geholfen. Entstehende Probleme müssten eben offen ausgesprochen werden. So hätten alle Erzieherinnen andere Aufgaben übernommen. “Sie haben den Kindergarten auf Hochglanz gebracht.“ Auch die Eltern hätten während der Schließungszeit keine Probleme gemacht, weil sie die Notwendigkeit eingesehen hätten.

Die coronabedingte Schließung des Kindergartens und der Kinderkrippe stellte die Gemeinde, die Erzieherinnen und die Eltern vor eine Herausforderung. Alberti setzte die Mitarbeiter anderweitig ein.
Die coronabedingte Schließung des Kindergartens und der Kinderkrippe stellte die Gemeinde, die Erzieherinnen und die Eltern vor eine Herausforderung. Alberti setzte die Mitarbeiter anderweitig ein. | Bild: Mardiros Tavit

Alberti ist auch mit einem Betreiber für Betreutes Wohnen im Gespräch

Auch wenn die Bürgerwerkstatt pandemiebedingt ruht, lief die politische Arbeit auch unter Corona-Schutzmaßnahmen weiter. So steht der Bebauungsplan „Wohrenberg 2018“ vor der zweiten Offenlegung. Der Bebauungsplan wurde mit Einsprüchen angegriffen, hielt aber durch alle Instanzen bis zum höchsten Gericht. „Das hat mich stolz gemacht, denn bei sowas ist viel Glück im Spiel.“ Und die Pläne für das Baugebiet „Brunnenstube“ geht in die nächste Phase. Auf einem zentralen Grundstück sollen die Bestandsgebäude saniert werden. Hier soll betreutes Wohnen eingerichtet werden. Zusätzlich sind zwei Neubauten mit Eigentumswohnungen geplant. Alberti steht eigenem Bekunden nach mit einem Bauinvestor und einem Betreiber für das betreute Wohnen in Gesprächen. Der Gemeinderat sei informiert.

An der Ecke Am Gärtlesberg und Am Fehrenberg sollen zwei Mehrfamilienhäuser mit Eigentumswohnungen gebaut werden. Am anderen Ende des Baugebiets „Brunnenstube“ sollen bestehende Gebäude für Betreutes Wohnen hergerichtet werden.
An der Ecke Am Gärtlesberg und Am Fehrenberg sollen zwei Mehrfamilienhäuser mit Eigentumswohnungen gebaut werden. Am anderen Ende des Baugebiets „Brunnenstube“ sollen bestehende Gebäude für Betreutes Wohnen hergerichtet werden. | Bild: Mardiros Tavit

Im Bereich des Tourismus strebt die Gemeinde den Status eines staatlich geprüften Erholungsortes an, dafür fehlt noch das nötige Luft-Gutachten. Seit dem Austritt aus dem Tourismus-Vermarkter Bodensee-Linzgau-Tourismus geht die Gemeinde ihren eigenen Weg und investiert jährlich 5000 Euro in die qualitative Entwicklung der touristischen Infrastruktur im Ort.

Wegen Corona muss sie gegen ein Wahlversprechen handeln

So erfolgreich das vergangene Jahr unter den Corona-Bedingungen war, so sehr hat Alberti „etwas Bauchweh“, wenn sie auf das laufende Jahr schaut, und hier besonders auf den kommunalen Haushaltsplan. Zwar seien „Investitionen von einer Million Euro“ für die kleine Gemeinde „eine Hausnummer“, doch hat sie sich vom Gemeinderat zur Sicherheit einen Kreditrahmen von 900 000 Euro genehmigen lassen. Ihr Wahlversprechen war, dass sie bei einer Kreditaufnahme erst die Bürgerschaft fragt. Unter Corona-Bedingungen sei das hinfällig geworden. Das sei der Lerneffekt für sie als Bürgermeisterin, „die Ideale seit der Kandidatur können nicht immer umgesetzt werden“. Das hätte sie sich anders gewünscht, merkt sie an.

Grundstückshandel bringt kein Geld mehr in die Gemeindekasse

Auch die Finanzierung der Gemeinde für die Zukunft sei schwierig, sagt Alberti. „Früher kaufte die Gemeinde günstig Land, erschloss dieses als Bauland, und verkaufte es mit Gewinn weiter.“ Dieses System funktioniere nicht mehr. Es mangele an entsprechenden Flächen und die Erschließungskosten seien so teuer, dass am Ende kein Gewinn übrig bliebe. Zumindest nicht in ihrer Gemeinde, wo die Verkäufer für die Gemeinde kaum bezahlbare Preise aufböten. Neue Einkommensquellen müssten her, weswegen Daisendorf ein Gewerbegebiet benötige. Doch die Gemeinde sei umkreist von Natur- und Landschaftsschutzgebieten, eine Expansion deswegen kaum möglich.

Das Jahr 2020 in Daisendorf

  • Januar: Die neue Zweitwohnungssteuer-Satzung tritt in Kraft. Das Stadtwerk am See übernimmt das Daisendorfer Stromnetz.
Das Jahr 2020 begann in Daisendorf mit der symbolischen Netzübergabe an das Stadtwerk am See (von links): Daisendorfs Bürgermeisterin Jacqueline Alberti, Stadtwerk-Geschäftsführer Alexander-Florian Bürkle, Leiter Geschäftsbereich Netze Mark Kreuschner.
Das Jahr 2020 begann in Daisendorf mit der symbolischen Netzübergabe an das Stadtwerk am See (von links): Daisendorfs Bürgermeisterin Jacqueline Alberti, Stadtwerk-Geschäftsführer Alexander-Florian Bürkle, Leiter Geschäftsbereich Netze Mark Kreuschner. | Bild: Mardiros Tavit
  • Februar: Der Gemeinderat beschließt die Einrichtung eines Wochenmarktes auf Rathausplatz. Am Schmotzigen Dunschtig stürmten die Narren als Piraten das Rathaus.
  • März: Die Sanierungen der Straßen Schulstraße und Am Wohrenberg werden beauftragt. Neue Verwaltungsgebühren werden eingeführt.
  • Mai: Die Bebauungspläne „Am Worhenberg 2018“ und „Brunnenstube“ werden öffentlich ausgelegt.
Das Daisendorf Wohngebiete Wohrenberg, das weiter wachsen soll.
Das Daisendorf Wohngebiete Wohrenberg, das weiter wachsen soll. | Bild: Mardiros Tavit
  • Juni: Der Gemeinderat nimmt den neuen qualifizierten Mietspiegel an. Die Gemeinde beteiligt sich an der Aktion „Stadtradeln“.
  • Juli: Die Gemeinde Daisendorf schließt sich der „Resolution B 31neu Meersburg-Immenstaad“ an.
  • August: Die Schimmelbühler Musikanten gaben auf dem Rathauspodium ein corona-gerechtes Platzkonzert.
  • September: Die Gemeinde Daisendorf schließt sich dem Gutachterausschuss „Überlinger See„ an. Der 25. Jahrestag der Orgelweihe in der Sankt Martins-Kapelle könnte gefeiert werden.
  • Oktober: Die Gemeinde Daisendorf wurde für die Teilnahme an den Fußverkehrs-Check des Landes Baden-Württemberg ausgewählt. Ein neues Alarm- und Einsatzplanes für Großschadensereignisse wurde erstellt.
  • November: Der neue Mannschaftstransportwagen wird an die Freiwillige Feuerwehr Daisendorf übergeben.
  • Dezember: Das sehr populäre Weihnachtsständchen des Musikvereins Daisendorf/Stetten auf dem Rathausplatz musste coronobedingt abgesagt werden.