Im Bürgermeisterwahlkampf vor zwei Jahren berichtete Jacqueline Alberti von der Flucht ihrer Familie aus der Region Dresden in der damaligen DDR. Wir haben bei ihrer Mutter Waltraud nachgefragt, wie die Flucht vor 30 Jahren ablief.

Lange mit der Flucht beschäftigt

„Wir haben uns lange mit dem Thema beschäftigt“, erzählt Waltraud Alberti. Sie und ihr Mann wollten die DDR verlassen. „Aber wir wollten kein Risiko eingehen. Wir haben es niemanden erzählt.“ Sie wollten niemanden in Gefahr bringen, denn damals konnte auch die Mitwisserschaft über eine sogenannte Republikflucht bestraft werden. Niemand erfuhr von ihrem Vorhaben. Nicht ihre Mütter, nicht ihre Geschwister und auch nicht die elfjährige Tochter Jacqueline. „In Ungarn ging die Grenze auf, wir wollten die Gelegenheit nutzen.“ Es waren Schulferien. Deshalb haben sie für ein Kurzurlaub ein Visum für Ungarn beantragt. Jacqueline wusste nur, dass es in den Urlaub ging. Doch sie muss misstrauisch gewesen sein. Als sie fragte, ob sie nach dem Urlaub zurück fahren, verneinten die Eltern dies.

In die Tschechoslowakei und nach Ungarn

Die Familie hatte damals einen Lada. „Wir haben uns am Sonnabend früh ins Auto gesetzt und sind losgefahren.“ Über die Tschechoslowakei ging es nach Ungarn. „An der Grenze wurden wir gefragt, ob wir bleiben oder zurück fahren werden.“ Selbstredend bestätigten sie, dass sie nur urlauben und es anschließend wieder zurück in die DDR geht. Nach einer Übernachtung in Ungarn, fuhren sie direkt weiter Richtung Österreich. „Als der österreichische Grenzer uns fragte, ob wir bleiben wollten, haben wir das bestätigt. Erst hier hat Jacqueline zum ersten Mal gehört, dass es nicht mehr zurückgeht.“ Die Familie wollte weiter nach Westdeutschland. „In einem Bulgarienurlaub hatten wir Bekanntschaft mit Heidelbergern geschlossen.“ Sie riefen von Österreich aus die Bekannten an und teilten ihnen mit, dass sie auf dem Weg sind.

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Ursprünglich war geplant, in Heidelberg zu bleiben. Doch sie mussten zur Registrierung nach Gießen zur Erstaufnahmeeinrichtung des Bundes für Flüchtlinge aus der DDR. Hier würden sie auch die Anerkennung als DDR-Flüchtlinge erhalten. „Wir wurden erkennungsdienstlich behandelt. Der Verfassungsschutz befragte uns.“ Sie wurden weiter nach Karlsruhe, zur dortigen Landeseinrichtung verwiesen. Tochter Jacqueline hatten sie in Heidelberg gelassen. In Karlsruhe blieben sie zwei weitere Nächte. Auch hier äußerten sie, dass sie nach Heidelberg wollten. „Uns wurde gesagt, dass sie Kapazitäten in Heidelberg voll seien.“ Entweder an den Bodensee oder raus aus dem Eingliederungsprogramm, hieß es von Seiten der Behörde.

Mit 40 Flüchtlingen nach Meersburg

Mit der Familie Alberti wurden vierzig DDR-Flüchtlinge nach Meersburg zugewiesen. „Wir kamen zwei Stunden vor den anderen an. Im Gegensatz zu uns kamen die anderen mit dem Bus. Es war reiner Zufall, dass wir in Meersburg gelandet sind.“ Meersburg war vorbereitet. „Wir kamen in ein Riesenraum mit Feldbetten.“ Waltraud Alberti hat noch den SÜDKURIER-Zeitungsausschnitt über ihre Ankunft. Der alte Bauhof am SABA-Knoten war für die DDR-Flüchtlinge hergerichtet. Der Raum war durch einen Vorhang für Männer und Frauen getrennt. Neben den zwei Toiletten gab es vor dem Gebäude einen Toilettenwagen.

Der SÜDKURIER berichtete von der Ankunft der Familie Alberti Ende Oktober 1989 in Meersburg am Bodensee.
Der SÜDKURIER berichtete von der Ankunft der Familie Alberti Ende Oktober 1989 in Meersburg am Bodensee. | Bild: Mardiros Tavit

Angekommen in Meersburg, hätte sie sich gleich um Arbeitsmöglichkeiten gekümmert. Vater Renato fand eine Anstellung in seinem Beruf als Zahnarzt. „Besonders glücklich war er nicht. Er war das selbstständige Arbeiten gewöhnt“, erinnert sich Waltraud Alberti. Nach einem Halben Jahr in Westdeutschland wurde sein Studium anerkannt, er bekam eine Kassenzulassung und holte seinen Doktortitel nach.

Sprung in die Selbstständigkeit

In Meersburg stand eine Zahnarztpraxis leer. Das Ehepaar entschied, das Risiko einzugehen. „Die Verhandlungen mit der Volksbank verliefen sehr gut. Sie hätte auch voreingenommen und verschlossen sein können.“ Die Verhandlungen führte die Diplom-Ökonomin. Noch heute sei sie dankbar für das entgegen gebrachte Vertrauen. Ohne Patientenstamm fing Renato Alberti bei Null an. Kommendes Jahr kann er das 30-jährige Bestehen seiner Zahnarztpraxis feiern.

Schule eine große Umstellung

Tochter Jacqueline ging zunächst auf die Schule nach Überlingen, wechselte zur achten Klasse dann auf das Gymnasium nach Meersburg. „Sie hatte es nicht einfach“, sagt die Mutter heute. Jacqueline habe alle ihre Freunde verloren, kam in ein neues Schulsystem und musste plötzlich Englisch lernen. Nach der zehnten Klasse ging sie von der Schule ab und machte eine Ausbildung als Erzieherin. Doch merkte sie bald, dass sie etwas anderes machen wollte.

Viel von der Tochter verlangt

Die Mutter verlangte viel von ihrer Tochter. „Ich habe immer darauf geachtet, dass Jacqueline ihr eigenes Geld verdient.“ Die Tochter arbeitete an der Supermarktkasse, ging auf die Abendschule und holte ihr Abitur nach. Jura studierte sie an der Universität Konstanz in der Regelstudienzeit. Nach dem Referendariat fand sie eine Anstellung bei der Schuldnerberatung im Landratsamt. 2017 wurde sie im ersten Anlauf Bürgermeisterin ihre Wahlheimat Daisendorf. Als Frau eine Ausnahme in der baden-württembergischen Kommunalpolitik. „Sie hatte es nicht einfach, aber sie hat es geschafft und wie nebenbei eine Familie gegründet.“

Druck der Partei war groß

„Eigentlich hat sie mein Leben wiederholt“, fällt der Mutter im Gespräch auf. Denn auch sie habe in der DDR auf dem zweiten Bildungsweg ihr Abitur nachgeholt und Ökonomie auf Diplom studiert. Das westdeutsche Pendant zu BWL. Sie wurde mit Leitungsfunktionen betraut, war im Vorstand eines Gastro-Managements und im Handel, war Betriebsleiterin von 100 Leuten. „Ich habe nur Tätigkeiten gemacht, woran ich Spaß hatte, machte mich nicht von der Partei abhängig.“ Aber der Druck in die Partei einzutreten, sei groß gewesen. Sie verweigerte sich konsequent. In Westdeutschland wirkte sie im Hintergrund, in der Familie, wie auch im Berufsleben. Zunächst wohnte die Familie in Uhldingen. Bald bauten sie in Daisendorf ein Eigenheim. Das nächste Risiko. Im Rückblick findet sie die Flucht mutig. Auf dem Weg in die Bundesrepublik hätte alles passieren können. „Die Mauer stand ja noch. Die Grenze hätte geschlossen werden, und wir nicht mehr raus kommen können.“

Zwiespältig zum Ost-West-Verhältnis

Ihre Bilanz für das Ost-West-Verhältnis fällt zwiespältig aus. „Es ist wohl eine Persönlichkeitsfrage, ob jemand was verändern will oder nicht, ob jemand zufrieden sein möchte oder nicht.“ Sie verstehe die Haltung der Leute im Osten oft nicht. „Die Älteren sind im alten System aufgewachsen“, bei denen könne sie es nachvollzeihen. „Aber die Jungen? Sie haben alle Möglichkeiten.“ Vor 30 Jahren hätte sie gedacht, dass die Ost-West-Annäherung eine Generation benötigt, heute denke sie mindestens zwei. Für ihre Familie fällt die Bilanz positiv aus, obwohl der Weg schwierig war. „Wir haben es geschafft“, bringt sie es auf einen Nenner. “Wer nach Deutschland kommt, anpackt und macht, kann alles erreichen.“ Stolz setzt sie hinzu: „Meine Tochter ist der beste Beispiel, dass es geht“.

Wie sich Bürgermeisterin Jacqueline Alberti an die Flucht erinnert

Jacqueline Alberti ist 30 Jahre nach der Flucht mit ihren Eltern aus der DDR Bürgermeisterin von Daisendorf.
Jacqueline Alberti ist 30 Jahre nach der Flucht mit ihren Eltern aus der DDR Bürgermeisterin von Daisendorf. | Bild: Mardiros Tavit

Welche Erinnerungen haben sie noch an die Fahrt von Dresden an den Bodensee?

Damals war ich noch sehr jung. Daher habe ich an die Fahrt nur wenige Erinnerungen. Als wir zu Hause losfuhren, dachte ich, wir verbringen die Herbstferien in Ungarn in Budapest. Abends teilten mir meine Eltern dann mit, dass wir am nächsten Tag weiter nach ‚Westdeutschland‚, nach Heidelberg fahren würden und nicht mehr ‚nach Hause‘ zurückkommen. Wir waren mit unserem blauen Lada mit dem Kennzeichen RPC 4-09 unterwegs. Es ist schon verrückt, was man sich als Kind so alles merkt. Der Lada hatte weiße Fellbezüge über den Sitzpolstern. Ich weiß noch, dass ich traurig war, als der Lada irgendwann gegen ein anderes Auto ausgetauscht wurde. Als wir von Ungarn über die Grenze nach Österreich gefahren sind, war das ganz unspektakulär. Mein Vater hat dann in Österreich auf der Autobahn mal etwas mehr Gas gegeben. In der DDR waren ja nur 100 Stundenkilometer erlaubt. Allerdings war unser Lada auf eine höhere Geschwindigkeit nicht ausgelegt. Denn die Seitenspiegel hielten dem Luftwiderstand nicht Stand und klappten gegen die Außenkarosserie. Auf einem Rastplatz richtete mein Vater die Seitenspiegel wieder, allerdings legten die Seitenspiegel sich bei der nächsten Beschleunigung erneut an. Zum Zeitpunkt der Ausreise war noch nicht absehbar, dass die DDR zusammenbricht. Wir haben erst an der österreichischen Grenze gewusst, dass wir nicht mehr zurückkehren werden.

Was ging Ihnen damals durch den Kopf? Wie haben sie sich gefühlt?

Als ich erfahren habe, dass wir „in den Westen abhauen“ hab ich mir das ein bisschen wie Weihnachten vorgestellt. In der ehemaligen DDR gab es ja nicht alles. Deswegen hab ich mir erst einmal vorgestellt, dass ich endlich ein BMX-Fahrrad und einen Computer bekomme. Dass ich meine bisherigen Freunde möglicherweise nicht Wiedersehen werde, habe ich zu dem Zeitpunkt noch nicht erfasst.

Haben sie damals die Entscheidung Ihrer Eltern verstehen können?

Darüber habe ich mir keine Gedanken gemacht. Für mich war es erst einmal der Aufbruch in ein „Abenteuer“.

Sie mussten in Westdeutschland gleich in die Schule. Worin bestanden für sie die großen Schwierigkeiten und Unterschiede zum DDR-Schulsystem?

In der DDR war ich in der sechsten Klasse. Hier bin ich dann in die fünfte Klasse zurückgestuft worden. Die Begründung war, dass ich von Anfang an Englisch lernen soll. Davon war ich nicht begeistert, denn ich war ja nicht ‚dumm‘. Meine alte Schule war ziemlich klein, dass Schulzentrum in Überlingen dagegen riesig. Dann kam noch mein damaliger Dialekt dazu, der den Einen oder Anderen dazu verleitete, sich über mich lustig zu machen. Deswegen habe ich den Dialekt sehr schnell abgelegt. Ein Vergleich der Schulsysteme möchte ich mir nicht anmaßen. Insbesondere da ich das System der ehemaligen DDR noch spielerisch kennengelernt habe. Der Drill und die Konsequenzen für Fehlverhalten waren mir noch nicht bewusst.

Fragen: Mardiros Tavit