Von Daisendorf und Reutlingen nach Vancouver, Tokio und Paris: Die Daisendorferin Annika Klaas blickt auf ein spannendes und erfolgreiches Jahr zurück: Seit der 25-Jährigen in Berlin der FASH, einer der bedeutendsten Förderpreise für Modestudenten, verliehen wurde, konnte sich die an der Hochschule Reutlingen noch auf Master studierende Modedesignerin über internationale Einladungen freuen und begeistert nicht nur die Modewelt.

Video: Annika Klaas

Über den Preis kam auch die Anfrage der Vancouver Fashion Week, ob sie ihre Entwürfe nicht in Kanada präsentieren wollte. "Ich war total erstaunt und konnte es erst gar nicht glauben." Sofort sagte sie den geplanten Urlaub in Italien ab und stürzte sich in die Produktion, "denn ich hatte erst zwei Outfits für die Semester-Kollektion fertig".

Annika Klaas, Designerin aus Daisendorf, beim Einfädeln der computergesteuerten Strickmaschine.
Annika Klaas, Designerin aus Daisendorf, beim Einfädeln der computergesteuerten Strickmaschine. | Bild: Madeleine Mesam

Vom Telefongespräch bis zum Abflug fertigte sie fünf weitere Outfits innerhalb von fünf Wochen. Das hieß: Probieren, programmieren, produzieren, passende Schuhe aussuchen, eine eigene Website erstellen. Auf den Laufsteg brachte Klaas ihre Kollektion "Jaune", die komplett in Gelb gehalten ist. "Die Basis dieser Idee beruht auf computergesteuerten Strickmaschinen, die von mir am PC programmiert werden", erklärt sie. Der Prozess ähnelt dem klassischen 3D-Druck.

Glücklich über den European Fashion Award: Annika Klaas mit dem Pokal, hier mit Model Vilma Putriute, die einen ihrer Entwürfe trägt, mit denen sie die Jury überzeugen konnte.
Glücklich über den European Fashion Award: Annika Klaas mit dem Pokal, hier mit Model Vilma Putriute, die einen ihrer Entwürfe trägt, mit denen sie die Jury überzeugen konnte. | Bild: Sebastian Reuter/ Getty images

Annika Klaas' neue Kollektion funktioniert über ein Gürtel- und Magnet-System. Und das mit Bedacht: "Die Idee war, eine nachhaltige Produktion für Deutschland zu ermöglichen", sagt die 25-Jährige. Die Strickmaschinen können nach der Programmierung alles automatisch machen. Ohne Nähte, mit eingearbeiteten Verschlüssen und eingestrickten Magneten; man muss nur noch Fäden einziehen. "In Deutschland gibt es keine Fachkräfte mehr. Deswegen werden die Teile in Asien unter schlechten Bedingungen hergestellt. Der einzige Ansatz, dies zu umgehen, funktioniert durch eine hochtechnologisierte Art und Weise und die Strickmaschinen werden hier in Reutlingen produziert", sagt Annika Klaas.

Zwei Models präsentieren Kleidung und Tücher aus der Kollektion "Tink". Hierbei handelt es sich um Aufnahmen aus dem Lookbook, eine Sammlung von Fotografien, die die Kollektion zeigen.
Zwei Models präsentieren Kleidung und Tücher aus der Kollektion "Tink". Hierbei handelt es sich um Aufnahmen aus dem Lookbook, eine Sammlung von Fotografien, die die Kollektion zeigen. | Bild: Annika Klaas

Zudem wollte sie weder Material verschwenden, noch Abfall produzieren, denn 30 Prozent der Produktionen mit teils sehr hochwertigen Materialien würden am Ende geschreddert und als Dämm-Material in der Industrie verwendet, weil niemand weiß, welche Größen und Farben gekauft werden. "Es funktioniert wirklich. Da steckt zwar viel mehr Programmierarbeit drin, aber dafür ist es weitaus nachhaltiger", freut sich die Studentin.

Ein Model trägt einen der Entwürfe aus Klaas' Kollektion „Jaune“ bei der Fashion Week in Tokio.
Ein Model trägt einen der Entwürfe aus Klaas' Kollektion „Jaune“ bei der Fashion Week in Tokio. | Bild: Arun Nevader/Global Fashion Collective

In Vancouver genoss sie Workshops, den spannenden Austausch mit anderen, die aufregende, wirbelige Show und Presseanfragen. Der koreanischen Vogue und dem Nylon-Magazin hatte ihre Kollektion besonders gefallen. "Das Feedback insgesamt war so gut, dass ich meine Kollektion auch bei der Tokyo Fashion Week in einer eigenen Show präsentieren konnte", erzählt sie.

Zwei Models präsentieren Kleidung und Tücher aus der Kollektion "Tink".
Zwei Models präsentieren Kleidung und Tücher aus der Kollektion "Tink". | Bild: Annika Klaas

Zwei Wochen später dann Japan. Neue Eindrücke. "Anscheinend kam meine gelbe Kollektion gut an. Der Journalist von Vogue Brasilien meinte, die Japaner bräuchten knalligere Farben." Die Röcke und Kleider sind komplett gelb, collageartig zusammengestellt und bestechen durch Abstufungen aller Gelbtöne mit malerischen Elementen durch Überlagerungen verschiedener Strickstrukturen.

Ein Model präsentiert Stücke aus Klaas' Kollektion "Jaune". Die Kleidung ist collagenartig zusammengestellt und wurde bei der Tokyo Fashion Week gezeigt.
Ein Model präsentiert Stücke aus Klaas' Kollektion "Jaune". Die Kleidung ist collagenartig zusammengestellt und wurde bei der Tokyo Fashion Week gezeigt. | Bild: Annika Klaas

Auf neue Ideen kommt Annika Klaas beim Programmieren. "Ich teste Garne, probiere Strukturen und es entsteht immer etwas Anderes. Strick hat ein unerschöpfliches Potenzial", schwärmt sie, wenige Tage nach ihrem Paris-Aufenthalt mit Praktikum. Die Schweizer Couture-Firma Akris hatte sie in die Modemetropole nach der Preisverleihung eingeladen und hier erlebte sie den Riesenaufwand einer Modenschau mit eingeflogenen Models, zahlreichem Personal und extra gebautem Glaspavillon für wenige Minuten Schau. Sie durfte in jeden Bereich schauen, half bei der Organisation der Models und hinter der Bühne mit.

Kleidung und Tücher aus der Kollektion "Tink".
Kleidung und Tücher aus der Kollektion "Tink". | Bild: Annika Klaas

Zurück im eher beschaulichen Reutlingen beschäftigt sie sich mit ihrem neuen Projekt innerhalb des Studiums, der Fertigung von Schals mit gesponserten "unglaublich weichen, glänzenden und leuchtenden" Garnen, die sie über den Webshop www.tinkscarves.com vertreibt. Ein Projekt mit einer Kommilitonin, nach deren Malereien sie die Seidentücher- und Foulards strickt. Weil diese für ihre Zeichnungen sehr viel mit Tinte gearbeitet hat, kam sie auf den Namen: Ink, englisch Tinte, heißt rückwärts knit, stricken. Scarves steht für Schals, Tinkering heißt ausprobieren, experimentieren. Auch hier zeigt sich die Studentin sehr kreativ.

Ein Model präsentiert ein Oberteil aus Klaas' Kollektion "Jaune".
Ein Model präsentiert ein Oberteil aus Klaas' Kollektion "Jaune". | Bild: Annika Klaas

So weich wie ihre Materialien sind, ist auch ihr Herz: Mit dem Erlös der hochwertigen Seiden- und Cashmere-Schals und -tücher bezahlen Annika und eine Schulfreundin die Studiengebühren für das gemeinsame kenianische Patenkind Faith. Mit 17 Jahren hatte sie bereits deren Schulbesuch durch das Stricken und den Verkauf von Mützen innerhalb des Bekanntenkreises und über ein Optikergeschäft in Meersburg finanziert, nun die Uni. "Ein Schal ist ein Monat."

Die Kollektion "Jaune" bei der Fashion Week in Tokio.
Die Kollektion "Jaune" bei der Fashion Week in Tokio. | Bild: Arun Nevader/Global Fashion Collective