Um 22.07 Uhr ging auf einmal alles ganz schnell. Bürgermeister-Stellvertreter Siegfried Willibald lief im Rathaus die Treppe zum Bürgersaal hoch. In der Hand der Zettel mit dem Wahlergebnis zur Bürgermeisterwahl. Seinen Weg begleitete der Beifall der versammelten Bürger. Applaus aus Erleichterung, denn die Auszählung dauerte ungewöhnlich lange. Dafür war das Ergebnis eindeutig. Das Volk wählte mit 552 Stimmen die 39-jährige Volljuristin Jacqueline Alberti zu seiner neuen Bürgermeisterin. Ihr Mitkonkurrent Jörg Piller (65) konnte 482 Stimmen auf sich versammeln. Jubel im Saal, der Applaus wurde intensiver, Alberti und ihr Mann Michael Schrettinger fielen sich in die Arme. Das Ende eines langen Wahlkampfes. Beide kamen mit Sohn Julian nach vorne. Willibald übergab einen großen herbstlichen Blumenstrauß in den Farben Daisendorfs. Ohne Mikrofon wird sie gefragt, ob sie die Wahl annimmt, so dass ihre Antwort unterging. Alberti brauchte einige Momente bis sie ihr Stimme wiederfand. Erst ein großes Dankeschön für die Unterstützung. "Jetzt kommt die richtige Arbeit. Ich möchte natürlich gemeinsam mit ihnen in die Zukunft Daisendorfs starten". Erneuter Applaus. Der Musikverein spielte auf. Mit dem Marsch "Washington Post" werden für gewöhnlich die US-Präsidenten begrüßt, wenn sie den Veranstaltungsort betreten. Diesmal galt er einer Bürgermeisterin.

Nach der Bürgermeisterwahl gratulierte Jörg Piller als fairer Verlierer der zukünftigen Bürgermeisterin Jacqueline Alberti.
Nach der Bürgermeisterwahl gratulierte Jörg Piller als fairer Verlierer der zukünftigen Bürgermeisterin Jacqueline Alberti.

Im Vorfeld sahen viele Bürger die Wahl als Entscheidung zwischen Erfahrung und Jugend. So waren nach der Wahl entsprechende Stimmen zu vernehmen. "Es war immer mein Wunsch, dass sie es wird. Sie hat Verwaltungserfahrung, und ich wollte eine junge Person wählen", so der langjährige Narrenvereinspräsident Horst Kraus. Uwe Jandt ging auch auf den Wahlkampf ein. "Sie hat viel Schwung angekündigt. Hoffentlich kann sie das durchhalten. Der Wahlkampf war wohltuend unpolitisch". Und auch Tom Wagener, Vorsitzender des Musikvereins, findet die Wahl gut. "Mit Hinblick auf die Kontinuität in der Gemeinde. Hoffe, dass sie auch die Unterstützung des Gemeinderates erhält. Es ist viel liegen geblieben im Rathaus."

Zu Ehren der neuen Bürgermeisterin Jacqueline Alberti spielte die Musikkapelle Daisendorf/Stetten, die eineinahlb Stunden vor dem Rathaus ausgeharrt hatte, dann wegen des einsetzenden Regens in den Bürgersaal umzog und dort nochmals zweieinalb Stunden auf ihren Einsatz wartete. Bild: Martin Baur
Zu Ehren der neuen Bürgermeisterin Jacqueline Alberti spielte die Musikkapelle Daisendorf/Stetten, die eineinahlb Stunden vor dem Rathaus ausgeharrt hatte, dann wegen des einsetzenden Regens in den Bürgersaal umzog und dort nochmals zweieinalb Stunden auf ihren Einsatz wartete. Bild: Martin Baur

Gekommen waren auch Bürgermeister aus Nachbar- und Kreisgemeinden. Daniel Heß aus Stetten, Robert Scherer aus Meersburg, Volker Frede aus Hagnau, Arman Aigner aus Eriskrich und Daniel Enzensperger aus Kressbronn gratulierten erst ihrer neuen Kollegin und stellten sich dann zum gemeinsamen Gruppenbild mit Dame auf. Albertis Noch-Vorgesetzter Ignaz Wetzel, Sozialdezernent am Landratsamt, stellte sich hinzu. "Ich freue mich sehr, dass wir so tüchtige Leute haben, die eine Bürgermeisterwahl gewinnen. Ich freue mich auf die Zusammenarbeit, wenn auch in neuer Form." Bei der SÜDKURIER-Podiumdiskussion wurde Alberti gefragt, warum die Daisendorfer sie wählen sollten. "Wählen sie mich, dann ist unser Dorf mit der einzigen Bürgermeisterin im Kreis was Besonderes". Damals schmunzelte mancher Zuhörer. Am späten Sonntagabend wurde diese Aussage nun wahr.

Gruppenbild mit designierter Bürgermeisterin: Jacqueline Alberti wird die einzige Rathauschefin im Bodenseekreis. Zum Wahlabend kam ihre zukünftigen Bürgermeisterkollegin und auch Albertis Noch-Vorgesetzter Sozialdezernent Ignaz Wetzel (von links): Wetzel, Daniel Enzensperger (Bürgermeister in Kressbronn), Daniel Heß (Stetten), Volker Frede (Hagnau), Alberti, Arman Aigner (Eriskirch) und Robert Scherer (Meersburg). Bilder: Mardiros Tavit
Gruppenbild mit designierter Bürgermeisterin: Jacqueline Alberti wird die einzige Rathauschefin im Bodenseekreis. Zum Wahlabend kam ihre zukünftigen Bürgermeisterkollegin und auch Albertis Noch-Vorgesetzter Sozialdezernent Ignaz Wetzel (von links): Wetzel, Daniel Enzensperger (Bürgermeister in Kressbronn), Daniel Heß (Stetten), Volker Frede (Hagnau), Alberti, Arman Aigner (Eriskirch) und Robert Scherer (Meersburg). Bilder: Mardiros Tavit

"Es fühlt sich wie ein Traum an"

Nach ihrem Wahlsieg sprach die künftige Daisendorfer Bürgermeisterin Jacqueline Alberti über den Wahlkampf, ihren Sieg und die Zukunft.

Wie fühlen sie sich einen Tag nach der Wahl?

Es fühlt sich wie ein Traum an, auch wenn ich weiß, dass viel Arbeit auf mich zu kommt. Einen Vorgeschmack hatte ich heute schon.

Was ist passiert?

Im Moment mache ich anderthalb Jobs. Hier im Sozialdezernat müssen die Geschäfte weitergehen. Gleichzeitig haben wir schon über den Übergang gesprochen. Und zusätzlich habe ich auch schon mit den Daisendorfer Hauptamt wegen der Amtsübernahme gesprochen. Auch mit dem Gemeinderat hatte ich schon ein Gespräch.

Bleibt es bei der Vereidigung am 14. November?

Es wird gerade geklärt, ob die Vereidigung und die Amtsübergabe am 14., 15. oder 16 November sein wird.

Welche Erinnerungen haben sie an den Wahlkampf?

Es war ein einmaliger Sommer, egal wie es ausgegangen wäre. Ich hatte unvergessliche Ergebnisse. Vor allem die Offenheit der Menschen, die auf mich zugekommen sind, und ihre Anliegen mir erzählt haben. Ich habe ganz viel Unterstützung erfahren.

Hatten Sie so viele Bekannte in der Gemeinde?

Nein, eben nicht. Ich bin ja in keinen Verein und hatte auch sonst nicht viel Zeit mich ins Gemeindeleben einzubringen. Viele haben mich nicht gekannt, umso mehr freut es mich, dass mich so offen aufgenommen haben.

Gab es einen Highlight im Wahlkampf?

Der Tag im Schützenverein. Ich durfte das Schießen ausprobieren und hatte eigentlich Angst abzudrücken. Ein besonders aufregender Moment.

Auf den Fotos sieht ihr Sohn Julian ganz stolz an Ihnen hoch.

Er war ja auch überall mit dabei. Bei meinen Hausbesuchen hat er mich immer mit dem Fahrrad begleitet. Und auch sonst ist er immer wieder für mich durch das Dorf gefahren. Mein Zweiter war krank und konnte am Wahlabend nicht dabei sein. Ich hatte noch keine Zeit ihn zu sprechen.

Fragen: Mardiros Tavit