Der Unfallfahrer hatte mit seinem Kleintransporter von Meersburg kommend auf den Rewe-Parkplatz einbiegen wollen. Der Radfahrer, der ohne Helm unterwegs war, wurde durch den Zusammenprall über die rechte Vorderseite des Wagens geschleudert. Noch an der Unfallstelle erlag er seinen schweren Kopfverletzungen.

Gegen einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Konstanz legte der 59-jährige Autofahrer seinerzeit Einspruch ein. Im Frühjahr kam es deshalb zur Verhandlung vor dem Überlinger Amtsgericht. Neben mehreren Zeugen war auch ein technischer Sachverständiger zur Klärung der Schuldfrage geladen. Für ihn stand fest, dass der Fahrer den tödlichen Unfall hätte vermeiden können. Ausschlaggebend war die berechnete Geschwindigkeit des Fahrradfahrers bei einer "normalen" Reaktionszeit. In dem 200 Seiten starken Gutachten hieß es damals, dass der Autofahrer einen Bereich von bis zu 14 Metern vor seinem Fahrzeug hätte einsehen können müssen und der Unfall in einer sich daraus ergebenden Reaktionszeit von 1,3 Sekunden vermeidbar gewesen wäre.

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Die Tatsache, dass der Fahrradfahrer unter den schlechten Sicht- und Beleuchtungsverhältnissen zudem dunkel gekleidet, und ohne Licht unterwegs gewesen war, änderte nichts an der Einschätzung des Gutachters. Dieser verwies vielmehr darauf, dass das Unfallopfer helle Unterkleidung getragen habe und einen grauen Rucksack auf dem Rücken gehabt habe. Der Autofahrer erklärte bei der Verhandlung im Frühjahr, dass an dem regnerischen Februarabend gegen 18 Uhr starke Windböen geherrscht hätten, weshalb seine Sicht eingeschränkt gewesen sei. Zudem wies er darauf hin, dass die Unfallstelle ohnehin schlecht beleuchtet sei.

Neue Angaben zu Geschwindigkeit des Radfahrers

Dennoch: Amtsrichter Alexander von Kennel verwarnte den 59-jährigen Autofahrer mit einer Geldstrafe in Höhe von 70 Tagessätzen zu je 45 Euro, die für ein Jahr zur Bewährung ausgesetzt wurde. Als Auflage sollten 2000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung gezahlt werden. Gegen die in Überlingen gefällte Entscheidung ging der Unfallfahrer jetzt vor dem Landgericht Konstanz in Berufung. Sein Verteidiger legte ein Gegengutachten vor. Wie zu erfahren war, kam der von ihm beauftragte Sachverständige nach einem Eigenversuch zu dem Schluss, dass der Fahrradfahrer auf der leicht abschüssigen Strecke deutlich schneller unterwegs gewesen sein musste. Der Gutachter, der vor dem Amtsgericht ausgesagt hatte, war von 25 bis 35 Stundenkilometern ausgegangen. Die Feststellung aus dem Gegengutachten, dass der 54-Jährige doch schneller mit seinem Rad herangefahren sein musste, sei auch durch Zeugenaussagen untermauert worden.

Der Anwalt des 59-Jährigen erklärte, dass sein Mandant unter diesen Umständen keine Chance hatte, den Radfahrer rechtzeitig wahrzunehmen. Dieser Auffassung sei auch die Vertreterin der Staatsanwaltschaft gefolgt. Das Gericht sprach den 59-Jährigen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei. Man habe ihm kein Fehlverhalten nachweisen können, hieß es.

Der Mann leidet nach wie vor unter psychischen Problemen und Schuldgefühlen. Das Auto hat er verkauft, und um jeden Radfahrer macht er seither einen großen Boden. Immer wieder holen ihn die schrecklichen Bilder jenes Februarabends ein. Zunächst hatte er gedacht, dass ein Ast gegen seinen Kleintransporter geprallt war. Als er aus seinem Auto ausgestiegen war, hatte jedoch jemand gesagt, da liege ein Radfahrer. Bereits zu Beginn der Berufungsverhandlung hatte der 59-Jährige versucht, seine Gefühle in Worte zu fassen: "Ich habe den Mann sterben sehen."