Fahrlässige Tötung: So lautete die Anklage der Staatsanwaltschaft in diesem Fall, der sich bereits im vergangenen Jahr vor dem Rewe-Markt in Daisendorf bei Meersburg ereignet hatte. Da die Staatsanwaltschaft im Prozess die Anklage gegen den Autofahrer nicht, wie vom Richter vorgeschlagen, fallenließ, wurde dieser schuldig gesprochen.

Die Staatsanwaltschaft folgte damit dem über 200 Seiten starken Gutachten des Kraftfahrzeug-Sachverständigen. Dieser kam zu dem abschließenden Urteil, dass der Autofahrer einen Bereich von bis zu 14 Metern vor seinem Fahrzeug hätte einsehen können müssen und in einer sich daraus ergebenden Reaktionszeit von 1,3 Sekunden der Unfall vermeidbar gewesen wäre. Dem Hinweis des Sachverständigen, der dunkel gekleidete Radfahrer habe helle Unterkleidung getragen und einen hellgrauen Rucksack auf dem Rücken gehabt, begegnete Richter Alexander von Kennel mit sichtlichem Befremden.

Der Angeklagte hatte an einem regnerischen Abend im Februar 2017 den Fahrradfahrer, der ohne Licht fuhr, übersehen und überfahren. Das Gericht sprach gegen den Autofahrer eine Verwarnung aus und verurteilte ihn zu einer Geldtrafe von 3150 Euro und zusätzlich einer Einmalzahlung von 2000 Euro zugunsten des Hospiz' in Konstanz. Die einjährige Strafe setzte das Gericht zur Bewährung aus.

"Das Wort fahrlässig weise ich von mir, denn ich habe das Lebenslicht im Auge des Radfahrers verlöschen sehen, so was vergisst man nie. Ich würde sonst was dafür geben, ihn zurückholen zu können", sagte der wegen fahrlässiger Tötung eines Fahrradfahrers Beschuldigte in einem bewegenden Schlusswort.

Der Unfall geschah an einem regnerischen Februarabend mit starken Windböen gegen 18 Uhr, so schilderte der Angeklagte. Die Sicht sei aus diesem Grunde sehr stark eingeschränkt gewesen, auch sei die Unfallstelle ohnehin schlecht beleuchtet, erklärte er vor Gericht. Aus Richtung Meersburg kommend befuhr er mit seinem VW-Bus die Meersburger Straße und wollte nach links auf den Rewe-Parkplatz einbiegen. Aus der Einfahrt zum Lebensmittelmarkt kam ein Fahrzeug, dessen Fahrer auch zu der Verhandlung als Zeuge geladen war. Der Angeklagte stoppte aufgrund des entgegenkommenden Autos, das ebenfalls anhielt. Der Wagen gegenüber stand am Hang, die Lichter blendeten ihn, erläuterte der Angeklagte. Als er seinen VW-Bus anfuhr – "ich habe einen 70-PS-Saugdiesel-Motor, also geschah dies relativ langsam und nicht mit kreischenden Reifen" -, habe er einen Schlag gehört und erst gedacht, es sei ein Ast gewesen. Als er aus seinem Fahrzeug ausstieg, habe jemand gesagt, da liege ein Radfahrer. So schilderte der Beschuldigte, der seit dem Unfall in psychologischer Behandlung ist, den Hergang des Geschehens.

Der Zeuge und Fahrer des entgegenkommenden Autos beschrieb die Sichtverhältnisse ebenfalls als miserabel. "Da kommt doch was von links, dachte ich noch, bestimmt ein Fahrradfahrer – dann fuhr der VW-Bus an und dann krachte es auch schon", schilderte der Zeuge den Unfallhergang, an den er sich auch noch ein Jahr später sehr präzise erinnerte. Der Anwalt des Beklagten hielt sich lange mit der Frage an diesen Zeugen auf, ob er den Radfahrer tatsächlich gesehen oder nur erahnt habe. Der Zeuge sprach von einem kurzen Aufblitzen, das er wahrgenommen habe und erklärte, dass er nicht stehengeblieben wäre, wenn er nicht etwas gesehen hätte. Der Fahrradfahrer, der dem Sachverständigen zufolge etwa 25 bis 35 Stundenkilometer schnell und ohne Helm fuhr, kam durch den Aufprall auf das anfahrende Fahrzeug ums Leben. Auch unbeleuchtet und dunkel bekleidet sei der Radfahrer vorfahrtsberechtigt, betonte dazu der Sachverständige. Er begründete dies mit dem Hinweis, es hätte sich auch um einen Jogger handeln können, der ebenfalls unbeleuchtet gewesen wäre.

Die beiden weiteren Zeugen erklärten gegenüber dem Gericht einhellig die "miserablen Sichtverhältnisse am Unfalltag". Die Zeugin sagte dazu sogar aus: "Ich hätte den vermutlich auch erwischt, denn ich habe trotz des guten Xenon-Lichts an meinem Auto so gut wie gar nichts gesehen."

Aus technischer Sicht jedoch, zu diesem Ergebnis kam der Sachverständige, sei der Unfall vermeidbar gewesen, "alles andere ist jetzt juristisch", fasste er seine Sicht zusammen. Das Urteil traf einen unbescholtenen Bürger, der schwer an den Unfallfolgen zu leiden hat, sagte Richter Alexander von Kennel.