Sie haben schon viele Lebensgeschichten gehört und keine gleicht der anderen. Die Mitarbeiterinnen des mobilen Teams des Vereins Arkade beraten und begleiten Menschen in Sexarbeit und Prostitution (Misa). Sie haben dabei festgestellt: „Die Prostituierte gibt es nicht“, sagt Sozialarbeiterin Dörte Christensen. Überwiegend Frauen, aber auch Männer verkaufen sexuelle Handlungen. Sie kommen aus der Region und aus vielen Teilen der Welt, sie werden gezwungen oder schlittern hinein, entscheiden sich freiwillig, aus hoffnungsloser Armut oder brauchen einen Schlafplatz für die Nacht.

Gemeinsam ist ihnen, dass sie ihre Tätigkeit zur Zeit nicht ausüben dürfen. Seit Beginn der Pandemie ist Prostitution verboten, egal ob in Bordellen, Privatwohnungen, als Hausbesuch oder Escortservice. Vor allem für die illegal Tätigen – und das sind nach Schätzungen die meisten – bedeutet das existenzielle Not. Auch den angemeldeten Frauen und Männern bricht ihr Verdienst weg. Das Team von Misa unterstützt die Betroffenen beim Beantragen von staatlichen Hilfen.

Dörte Christensen und ihre Kolleginnen beraten auch online.
Dörte Christensen und ihre Kolleginnen beraten auch online. | Bild: Corinna Raupach

Damit enden die Gemeinsamkeiten, jede Klientin steht vor anderen Fragen oder Schwierigkeiten. Den Beraterinnen von Misa ist wichtig, ihren Gesprächspartnerinnen auf Augenhöhe zu begegnen, mit Wertschätzung und Mitgefühl. Mitarbeiterin Jasmina Brancazio sagt: „Erst versuchen wir herauszufinden: Was steht an, was ist notwendig, und dann bauen wir eine Beziehung auf. Dazu braucht es Fingerspitzengefühl.“

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Die Unterstützung kann etwa aus einer Fahrt zum Arzt, der Suche nach einer Wohnung oder der Begleitung zum Jobcenter bestehen. Christensen ergänzt: „Wir begleiten in dem, was die jeweilige Klientin erreichen will. Das muss nicht unbedingt auf eine Arbeit oder Ausbildung oder den Ausstieg hinauslaufen.“

Nach Prostitutionsverbot in die Privatinsolvenz

In einem Fall verlor eine 40-Jährige mit Migrationshintergrund nach dem Prostitutionsverbot nicht nur ihren Verdienst in einem Häfler Bordell, sondern auch ihre Wohnung. Ein Kollege ließ sie bei sich wohnen und wandte sich an Misa. „Die Frau war verschuldet, wir haben eine Privatinsolvenz eingeleitet und Arbeitslosengeld zwei für sie beantragt“, sagt Christensen. Inzwischen hat sie mit Unterstützung der Misa-Beraterinnen eine Teilzeitstelle als Reinigungskraft gefunden und einen ordentlichen Untermietvertrag. „Hier war es ein klarer Fall, sie wollte aussteigen“, sagt Christensen.

Hilfe bei Anträgen für Corona-Soforthilfe

Eine andere Klientin ist bereits seit über 30 Jahren im Geschäft, ohne dass Ehemann und Kinder etwas davon ahnen. „Bei ihr ergab es sich, immer in dem gleichen Etablissement zu arbeiten und sich ihr Leben finanzieren zu können. Aber sie hat ein Alkoholproblem – so ein Doppelleben ist nicht einfach“, sagt Christensen. Auch das Bordell, in dem hauptsächlich ältere Stammkunden verkehrten, musste schließen. „Wir haben sie bei den Anträgen für die Corona-Soforthilfe unterstützt“, sagt Christensen.

Suche nach langfristigen Lösungen

Seit Jahren begleitet das Team eine 19-Jährige. Ihre Unterbringung durch die Jugendhilfe scheiterte ebenso wie die dauerhafte Vermittlung in eine Ausbildung. „Bis zu fünf Helfer waren beteiligt, vom Berater beim Jobcenter über Bildungsbegleiter bis zu uns. Sie hat nie gelernt, sich selbst zu motivieren“, sagt Christensen. Die junge Frau lebte ein halbes Jahr im Wald und kam dann bei einem Freund unter. Der brachte sie auf die Idee, sich vor der Kamera auszuziehen. „Dann wird Geld angeboten, damit sie auf ein Treffen eingeht und sich privat prostituiert. Da werden 500 oder 1000 Euro versprochen und nachher nicht bezahlt“, sagt Christensen.

Die junge Frau begebe sich so in Gefahrensituationen, die sie nicht einschätzen könne. Außerdem hat sie keine Krankenversicherung, hat Schulden und konsumiert Drogen. „Wir sind für sie da, wir unterstützen sie in ihren Zielen und regen sie an, ihre Situation zu hinterfragen. Wir wollen eine langfristige Lösung für sie“, beschreibt Brancazio.

Geschäft mit dem Sex verlagert sich ins Verbotene

Vielfältige Problemlagen, die Vernetzung unterschiedlicher Hilfsangebote und langjährige Begleitung sind der Normalfall bei Misa. Für die Beraterinnen ist unter Pandemiebedingungen vieles anders. Sie können nicht wie sonst Besuche in Bordellen, Clubs oder Studios abstatten, sondern müssen auf die veränderten Rahmenbedingungen reagieren: Das Verbot der Prostitution führt dazu, dass sich das Geschäft mit dem Sex zur Gänze ins Verbotene verlagert, in Privatwohnungen oder ins Netz.

Manche Klientin ist verschwunden – weitergezogen in eine andere Stadt oder zurück in ihr Heimatland. Die digitalen Welten schaffen nicht nur einen Ersatzraum, sondern locken gerade junge Mädchen mit der Aussicht auf das schnelle Geld. Aufgrund der Lockerungsperspektiven beobachten die Beraterinnen bereits einen Zuzug von Frauen, die sie noch nicht kennen.

Jasmina Brancazio packt Geschenkmäppchen für Besuche bei Klientinnen.
Jasmina Brancazio packt Geschenkmäppchen für Besuche bei Klientinnen. | Bild: Corinna Raupach

Das Team hat eine neue Homepage gestaltet und den Auftritt in den sozialen Netzwerken verstärkt. „Wir bieten jetzt zweimal in der Woche eine Online-Beratung an, die ist sehr niederschwellig. Mit einem Klick sind die Klientinnen schon bei uns im Wartezimmer“, sagt Brancazio. Das mobile Team trifft Hilfesuchende im ganzen Landkreis zu Hause oder an neutralen Orten. Für die nächsten Monate packen die Beraterinnen schon Päckchen, die sie zur Begrüßung verschenken. Neben Körperlotion, Feuerzeug und Kondom ist immer ein Flyer dabei mit den Kontaktdaten.

Hilfsangebote

  • Das mobile Team der Arkade Misa berät und begleitet online, telefonisch, aufsuchend oder in den eigenen Räumen. Das Angebot reicht von psychosozialer, rechtlicher und gesundheitlicher Beratung über Begleitung zu Behörden und Hilfe bei Schwangerschaft oder Ausstiegswunsch bis zur Vermittlung weiterer Hilfen. Die Beratung ist anonym, vertraulich und kostenfrei. Erreichbar sind die Berater per E-Mail, Telefon oder über die sozialen Netzwerke wie Whatsapp, Instagram oder Facebook. E-Mail: misa@arkade-ev.de, Telefon: 01 60/94 43 71 20 und 01 60/95 05 77 38, Homepage: www.misa-arkade-ev.de
  • Die Arkade arbeitet zusammen mit dem Fraueninformationszentrum Stuttgart, das Betroffene von Menschenhandel, sexueller und Arbeitsausbeutung berät. Das mobile Team am Bodensee ist wie folgt zu erreichen: Claudia Robbe, E-Mail: robbe@vij-wuerttemberg.de, Tel. 07 11/239 41 28; Muriel Gahl, E-Mail: gahl@vij-wuerttemberg.de, Tel. 07 11/239 41 26.
  • Die Fachberatungsstelle Morgenrot ist Anlauf- und Kontaktstelle für Kinder und Jugendliche, die von sexuellem Missbrauch betroffen sind und für deren Vertrauenspersonen. Die Beratungsstelle befindet sich in der Katharinenstraße 16 in Friedrichshafen und ist unter Tel. 0 75 41/377 64 00 und 0 75 41/377 64 01 zu erreichen. www.beratungsstelle-morgenrot.de