Corona war der allerletzte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte“, sagt Sina Hecker. „Seit Jahren droht die Situation in Moria zu eskalieren.“ Die junge Frau berichtet am Telefon von den Zuständen auf Lesbos, nachdem das Flüchtlingscamp Moria abgebrannt ist. Die 25-Jährige, die aus Owingen stammt, ist seit sechs Wochen als freiwillige Helferin einer nichtstaatlichen Organisation vor Ort. Den Namen der Organisation, für die sie aktuell auf Lesbos ist, möchte sie aus Sicherheitsgründen nicht nennen, da es immer mehr Anfeindungen gebe.

Sina Hecker stammt aus Owingen und hat Kunsttherapie studiert sowie eine Weiterbildung im Fach Humanity Management gemacht. Sie hat schon mehrere Einsätze als freiwillige Helferin absolviert, war 2018 sechs Monate in Athen und 2019 auf Samos, wo es ebenfalls ein großes Flüchtlingscamp gibt. „Wenn man das einmal gemacht hat, lässt einen das nicht mehr los“, sagt sie.

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Mittel und medizinisch geschultes Personal fehlen

Vor dem Feuer hätten sie versucht, eine Art Quarantäne-Station für die offiziell 35 positiv auf Corona getesteten Flüchtlinge und ihre Angehörigen zu organisieren, berichtet Sina Hecker. Das sei schnell aus dem Ruder gelaufen, da Mittel und medizinisch geschultes Personal fehlten. Dazu hätten die Menschen zum Teil nicht verstanden, worum es geht und die Maßnahme als weitere Schikane gesehen. Kurz vor dem Brand seien sie als Helfer längst an ihre Grenzen gekommen. „Wir sind nur eine kleine Organisation und können dafür eigentlich keine Verantwortung übernehmen. Das muss die EU machen!“ sagt sie. „Wir tun unser Möglichstes, aber können nichts ausrichten. Das ist unheimlich frustrierend.“

Nach dem Brand und der Zerstörung des Flüchtlingscamps Moria leben die Menschen zum Teil am Straßenrand.
Nach dem Brand und der Zerstörung des Flüchtlingscamps Moria leben die Menschen zum Teil am Straßenrand. | Bild: Kirsty Evans

Sina Hecker berichtet, dass, im Camp alle Aktivitäten der Helfer zum Beispiel für Kinder oder Sportangebote für junge Männer gekappt wurden, seitdem die Pandemie Griechenland erreichte. „Die Menschen fühlen sich unterdrückt, sie sind zum Teil seit Jahren eingesperrt. Corona hat alles noch schlimmer gemacht.“ Auch für sie und ihre Kollegen sei das ein Moment des Innehaltens gewesen. „Wir hatten ein langes Meeting und haben überlegt, wie wir damit umgehen. Schließlich haben wir viele Kontakte mit den Menschen und kaum Schutz.“ Sina Hecker hat sich dafür entschieden zu bleiben und weiterzumachen.

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„Für uns wird es immer schwerer, an die Leute zu kommen“

Dann kam der Brand. Die Flüchtlinge, mit ihnen die infizierten Corona-Patienten, suchten Schutz in der Umgebung und leben zum Teil am Straßenrand oder in den Wäldern. „Für uns wird es immer schwerer, an die Leute zu kommen“, erläutert die Owingerin. Zurzeit packen die Helfer täglich Lebensmittelpakete und stehen stundenlang in der Sonne, um sie mit anderen Hilfsgütern an die Menschen zu verteilen. „Aber viele nehmen die Hilfe nicht mehr an. Sie wollen endlich eine richtige Lösung!“

Bild: Kirsty Evans

Sina Hecker berichtet von Menschen, die in den Hungerstreik getreten sind oder Demonstrationen, die ausufern und vom griechischen Militär mit Tränengas bekämpft würden. Sie habe Frauen gesehen, die Schilder trugen, auf denen stand, dass sie lieber sterben als ihre Freiheit opfern würden. „Die Frustration wird immer größer. Sie wollen endlich wie Menschen behandelt werden.“

Ein Bild aus einer anderen Welt: Bevor Sina Hecker (links) nach Griechenland aufbrach, arbeitete sie zusammen mit ihrer Mutter Caendy Hecker in deren Café in Bambergen.
Ein Bild aus einer anderen Welt: Bevor Sina Hecker (links) nach Griechenland aufbrach, arbeitete sie zusammen mit ihrer Mutter Caendy Hecker in deren Café in Bambergen. | Bild: Caendy Hecker

„Hier sind alle mit ihrer Geduld am Ende“

Während im Rest Europas diskutiert wird, ob und wie viele Flüchtlinge man aufnehmen will, wird die Situation auf Lesbos auch für die freiwilligen Helfer immer schwieriger. Sina Hecker spricht von Rechtsextremen, die zusammen mit Inselbewohnern die Straßen blockieren. Vor einigen Tagen seien sie mit Hubschraubern des griechischen Militärs zum Einsatz geflogen worden, weil die Wege versperrt waren. „Hier sind alle mit ihrer Geduld am Ende“, sagt sie.

Ein Lager auf der Straße – mit dürftigsten Mitteln gebaut.
Ein Lager auf der Straße – mit dürftigsten Mitteln gebaut. | Bild: Kirsty Evans

Die Hilfsorganisationen fühlten sich zunehmend bedroht und versuchten in der Öffentlichkeit möglichst nicht als Gruppe in Erscheinung zu treten. Diese Angst, so die 25-Jährige, verdränge sie genauso erfolgreich wie die vor Corona. Die Helfer tragen beim Verteilen der Hilfsgüter zwar Masken, aber eigentlich könne nichts mehr getan werden, um die Verbreitung des Virus einzudämmen. „Die Leute leben auf der Straße, überall liegt Müll und es gibt keine Hygiene oder Waschgelegenheiten.“

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Die Helfer stehen vor einem großen Dilemma

Die junge Frau berichtet, dass zwar vermehrt Flüchtlinge vom Militär in das neue Zeltlager transportiert werden. Aber viele lehnten es ab, sich wieder einsperren zu lassen. Die Helfer stünden vor einem großen Dilemma: Auf der einen Seite gebe es Kinder mit Brandwunden, Alte und Kranke, die noch nicht versorgt wurden, andererseits würden sie mit ihrem Tun vielleicht helfen, den Status vor dem Brand wieder zu etablieren. „Es ist eine Gewissensfrage, was man überhaupt tun kann, um die Gesamtsituation zu verändern“, sagt Sina Hecker und wird am Telefon nachdenklich. „Wir sind eigentlich am Ende. Wir können nichts mehr machen, nur noch kleine Pflaster auf eine viel zu große Wunde kleben.“

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