Ein Aktivist hielt die Kreisstraße für die Bundesstraße. Ein älterer Mann vor Ort schien den jungen Menschen Anweisungen zu geben. Bei der Kundgebung beziehungsweise Pressekonferenz, zu der die Waldbesetzer eingeladen hatten – und zu deren Zeitpunkt das Camp im Weingartenwald schon wieder aufgegeben worden war – blieben Fragen offen. Warum fehlt den jungen Leuten in so einer Situation das Hintergrundwissen? Werden ihre Aktionen von anderen orchestriert?

Der 18-jährige Samuel Bosch erklärt, dass es Unterstützung von außen gegeben habe, also Aktivisten, die zur Unterstützung wegen der Räumungssituation in den Weingartenwald dazukamen: „Deswegen waren die natürlich noch nicht so informiert, weil die einfach spontan gekommen sind.“ Generell halte er es aber auch gar nicht für so wichtig, dass alle umfassend informiert seien, da sie sich in diesem Fall an einer Bürgerinitiative orientiert hätten. „Wenn die quasi sagt, dass eine Aktion in irgendeiner Form sinnvoll ist, dann müssen wir das natürlich nicht inhaltlich nachprüfen, weil die sich damit einfach schon viel länger beschäftigen und da viel besser Bescheid wissen.“

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Ingo Blechschmidt betont: „Die allermeisten von uns sind ja auch Schüler, die teilweise 14, 15 Jahre alt sind. Samuel Bosch ist vor Kurzem 18 geworden.“ Er selbst sei der eine 32-Jährige, der auch irgendwie da mitmische, so Blechschmidt. „Was wir bieten können, sind Sachen, die wir uns beigebracht und angeeignet haben im Laufe der Zeit: Baumhäuser bauen, Öffentlichkeit schaffen, indem wir Banner aufhängen. So war das bisher bei allen Besetzungen, die wir mitbekommen haben.“ Das sei eigentlich immer eine Kooperation aus einer aktivistischen Bewegung und Bürgerinitiativen, die es schon lange Zeit gegeben habe.

Da war der Weingartenwald geräumt: An der Kreisstraße hielten die Klimaaktivisten ihre Kundgebung und Pressekonferenz ab. Dorthin waren sie in Absprache mit der Versammlungsbehörde des Landratsamtes verlegt worden. Die Vorstandsmitglieder der BUND-Ortsgruppe Immenstaad, Peter Hecking und Klaus Lindemann (Mitte, stehend von links) sprachen über die B-31-neu-Planung. (Archivbild)
Da war der Weingartenwald geräumt: An der Kreisstraße hielten die Klimaaktivisten ihre Kundgebung und Pressekonferenz ab. Dorthin waren sie in Absprache mit der Versammlungsbehörde des Landratsamtes verlegt worden. Die Vorstandsmitglieder der BUND-Ortsgruppe Immenstaad, Peter Hecking und Klaus Lindemann (Mitte, stehend von links) sprachen über die B-31-neu-Planung. (Archivbild) | Bild: Jenna Santini

„Sind keine hochorganisierte Gruppe“

Dabei bestehe auch ein großes Vertrauen in die alteingesessenen Initiativen und deren Hintergrundwissen. Er erklärt: „Es ist nicht so, dass wir irgendwie eine hochorganisierte Gruppe wären von lauter Leuten, die ausgebildet wären in den Sachen, die sie tun: Es ist nicht so, dass wir eine irgendwie ausgebildete Presseperson haben, die irgendwas in die Richtung studiert hat. Es ist nicht so, dass wir ausgebildete Politikwissenschaftlerinnen oder Soziologen oder so haben, die wissen, wie gesellschaftliche Veränderung funktioniert und sich damit ausführlich beschäftigt haben.“ Ebenso wenig gebe es einen Dachverband oder etwas, das sie irgendwie anleiten würde.

„Es ist halt wirklich eine Bewegung von unten heraus.“
Ingo Blechschmidt

Allerdings sei die Überlegung im Fall der Bundesstraße eine einfache gewesen: „Da müssen wir nicht wissen, welche Vogelart genau dadurch bedroht wird.“ Um das Pariser Klimaabkommen einzuhalten, müssten viele andere Verträge gebrochen werden. Und in manchen Fällen sei das sehr diffizil, dass man sich fragen müsse, welche der alten Überlegungen sollte ich jetzt über Bord werfen und welche haben immer noch Bestand?

„Aber wenn es darum geht, dass eine Bundesstraße durch einen Wald geschlagen werden soll, dann ist das aus unserer Sicht ein Beispiel für etwas, wo nicht lange überlegt werden muss, sondern es ist völlig klar“, so Blechschmidt. „Wir werden nicht unsere wertvollen CO2-Speicher-Wälder ruinieren, indem wir Bundesstraßen durch bauen, die wir in zehn Jahren sowieso nicht mehr brauchen werden, weil ja der Verkehr im Sinne einer sozialen Mobilitätswende immer weiter abnehmen wird.“

Die Klimaaktivisten stammen nach eigenen Angaben aus der Region und wollen auf Fotos ihre Gesichter nicht zeigen. (Archivbild)
Die Klimaaktivisten stammen nach eigenen Angaben aus der Region und wollen auf Fotos ihre Gesichter nicht zeigen. (Archivbild) | Bild: Jenna Santini

Werden die jungen Aktivisten instrumentalisiert?

Zu der Beobachtung, dass ein älterer Mann vom Boden aus und vor dem Pressegespräch beziehungsweise der Kundgebung Anweisungen gegeben habe, sagt er: „Ich war selbst nicht vor Ort, aber kann versichern, dass die Aktivisten auf der Plattform oben unabhängig sind. Generell sind wir unabhängig von allen möglichen Formen: Wir versuchen ja, eine möglichst hierarchiearme Bewegung zu sein und wir haben keine Vorgesetzten oder sowas und erst recht keine Leute am Boden, die irgendetwas koordinieren.“

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Bosch, der vor Ort war, hat zumindest eine Theorie, wie der aus seiner Sicht falsche Eindruck entstanden sein könnte: „Es kamen ja Unterstützerinnen dazu, die geholfen haben, als wir die Plattformen heruntergelassen haben, also so manövriert haben.“ Da seien auch ältere Leute dabei gewesen, die von unten unterstützt hätten. Allerdings habe es sich dabei keinesfalls um generelle Anweisungen gehandelt: „Die haben da eben so mitgemacht wie wir auch.“ Was Kommentare in den sozialen Netzwerken angehe, in denen sie als Terroristen bezeichnet würden, so möchte Bosch gegen diese nicht vorgehen: „Dann würde das Thema Klimagerechtigkeit viel weniger in die Medien kommen. Es soll ja um die Sache gehen und nicht irgendeinen Konflikt.“

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„Möchten den klimazerstörerischen Regionalplanentwurf als Ganzes kippen“

Für die Zukunft überlegten sie derzeit, welche Aktionen am meisten Sinn ergäben, genau stünden diese noch nicht fest. In einem ersten Schritt sei der Klimaprotest nun nach Salem ausgeweitet worden, per Bannerbotschaft.

Bosch begründet laut einer Pressemitteilung: „Es wäre eigennützig von uns, nur den Alti beschützen zu wollen. Stattdessen möchten wir den klimazerstörerischen Regionalplanentwurf als Ganzes kippen.“ Außerdem soll am 6. Juni eine Fahrraddemonstration des Aktionsbündnisses für einen zukunftsfähigen Regionalplan stattfinden, dem das Ravensburger Klimacamp angehört.

Die Fahrraddemo beginnt und endet am Ravensburger Bahnhof. Sie beginnt um 12 Uhr und endet mit einer Kundgebung um 15 Uhr. Die Route ist 16 Kilometer lang, verläuft teilweise über die B 30, und ist laut den Organisatoren familienfreundlich.

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