Die Freude war nur von kurzer Dauer. Mehrere Jahre war der landschaftlich reizvolle Aachtobel nach größeren Hangrutschungen gesperrt gewesen, ehe der Wanderweg 2019 kurz vor Ostern wieder freigegeben werden konnte. Die Wegeführung war dazu verlegt worden und die drei betroffenen Kommunen Überlingen, Owingen und Frickingen hatten dafür eine neue Fußgängerbrücke erstellt gehabt. Nun machen vor allem die Bäume Sorgen. Aufgrund des Eschentriebsterbens haben viele den Halt verloren und fallen teilweise um wie Mikadostäbchen.

Insbesondere das Eschentriebsterben beeinträchtig die Standfestigkeit der Laubbäume massiv. Borkenkäfer bedrohen die Fichten.
Insbesondere das Eschentriebsterben beeinträchtig die Standfestigkeit der Laubbäume massiv. Borkenkäfer bedrohen die Fichten. | Bild: Hanspeter Walter

„Bäume lagen teilweise kreuz und quer über dem Weg“

„Das ist richtig gefährlich“, sagt Owingens Bürgermeister Henrik Wengert. Auf der Gemarkung seiner Gemeinde liegen rund 75 Prozent des Wanderweges durch den Tobel. Von Revierförster Walter Städele gewarnt, unternahm Wengert mit dem Waldexperten am 26. März die erste Begehung. „Die Bäume lagen teilweise kreuz und quer über dem Weg“, erinnert er sich. „Wir haben keine gesunde Esche gesehen.“ Es folgte ein zweiter Termin am 30. März unmittelbar vor Ostern, an dem neben den anderen beiden Gemeinden auch der Leiter des Kreisforstamts Michael Strütt beteiligt war. Schnell war man sich einig, dass eine Sperrung des Wanderwegs dringend geboten ist.

Das Landschaftserlebnis im Aachtobel gehört zu den wichtigsten Attraktionen Owingens.
Das Landschaftserlebnis im Aachtobel gehört zu den wichtigsten Attraktionen Owingens. | Bild: Hanspeter Walter

Wallfahrts-Andachten sind verlegt in die Pfarrkirche

Die Sperrung ist eine bittere Pille für alle, die vor allem das außergewöhnliche Naturschutzgebiet schätzen, aber auch für jene, die hier eine geistliche Inspirationsquelle finden. So liegt der Wallfahrtsort Maria im Stein, der sich selbst auf einem privaten Grundstück befindet, auf der Gemarkung Überlingen. Betreut wird das christliche Kleinod von den Bewohnern der Steinhöfe, von wo der kürzeste Zugang besteht. Der ist derzeit unmissverständlich gesperrt. Nicht glücklich war darüber insbesondere Überlingens Teilort Lippertsreute, der an dem Wallfahrtsort traditionsgemäß ab 1. Mai regelmäßig Andachten anbietet. Sie mussten in die Kirche von Lippertsreute verlegt werden.

Der Wallfahrtsort Maria im Stein, der durch den Tobel zu erreichen ist. Das Halbrund der Kapelle ist direkt an den Molassefels gebaut, rechts davon die kleine Sakristei. Alle geplanten Andachten sind in die Lippertsreuter Pfarrkirche verlegt.
Der Wallfahrtsort Maria im Stein, der durch den Tobel zu erreichen ist. Das Halbrund der Kapelle ist direkt an den Molassefels gebaut, rechts davon die kleine Sakristei. Alle geplanten Andachten sind in die Lippertsreuter Pfarrkirche verlegt. | Bild: Hanspeter Walter

Lieber heute als morgen würde auch Owingens Bürgermeister den Wanderweg wieder freigeben können. Schließlich zählt das wildromantische Landschaftserlebnis zu den Hauptattraktionen seiner Gemeinde. „Das liegt mir sehr Herzen“, sagt der Schultes: „Wir setzen hier alle Hebel in Bewegung.“

Henrik Wengert
Henrik Wengert | Bild: Hanspeter Walter

Abtransport des Holzes durch den engen Tobel schwierig

Doch so einfach ist es nicht. Neben der Verantwortung der Kommunen für den Wanderweg kommt für Wengert ein weiteres Problem hinzu. Viele Waldflächen im Aachtobel sind im Privatbesitz. Zum einen könne man den Eigentümern den Zutritt nicht ganz verwehren, zum anderen müsse das Fällen der Bäume und die Beseitigung des Holzes abgestimmt werden. Und dann die Frage: Was macht man mit dem Holz? Wie bekommt man die Stämme aus dem engen Tobel?

Das könnte Sie auch interessieren
Der Wanderparkplatz bei den Steinhöfen bietet sonst den schnellsten Zugang. Schon hier informiert ein Warnschild darüber, dass der Tobel gesperrt ist.
Der Wanderparkplatz bei den Steinhöfen bietet sonst den schnellsten Zugang. Schon hier informiert ein Warnschild darüber, dass der Tobel gesperrt ist. | Bild: Hanspeter Walter

Naturschutzgebiet möglicherweise in seiner Substanz gefährdet

Tangiert sind hier die obere Naturschutzbehörde und die Gewässerschutzbehörde. Denn das Problem geht an die Substanz des über 80 Jahre alten Naturschutzgebiets selbst. „Nicht nur sämtliche Eschen sind aufgrund des Pilzes, der Wurzeln und Krone befällt, in Gefahr“, weiß Wengert von den Forstexperten. Die zweite Hauptbaumart im Tobel ist die Fichte, die vom Borkenkäfer malträtiert werde, sagt Wengert. „Wenn die Fichte auch noch verschwindet, ist nicht mehr viel da.“

Neuer Termin mit allen beteiligten Behörden am 20. Mai

Für den 20. Mai steht daher ein großer Behördentermin an. Die zuständigen Vertreter der oberen Naturschutzbehörde beim Regierungspräsidium Tübingen, das Amt für Wasser- und Bodenschutz beim Landratsamt und Repräsentanten der drei Kommunen werden sich mit der kritischen Situation auseinandersetzen und gemeinsam nach Lösungsstrategien suchen. Eine schnelle Entwarnung wird es allerdings kaum geben können. Wann könnte der Aachtobel für Wanderer wieder freigegeben werden? „Ich wage hier im Moment nicht einmal eine Prognose“, ist Owingens Schultes Wengert mehr als vorsichtig.

Das könnte Sie auch interessieren