Weimarer Republik, Drittes Reich, Zweiter Weltkrieg, der erste Mann auf dem Mond, die Wiedervereinigung. Es gibt Menschen, die das alles erlebt haben – die 100-Jährigen unter uns. In Deutschland leben laut den Vereinten Nationen derzeit knapp 19.000 Menschen, die 100 oder älter sind. Weltweit sind es aktuell etwa 540.000.

Seit der Jahrtausendwende steigt ihre Zahl deutlich. Waren es im Jahr 2000 noch etwa 150.000 Menschen weltweit gewesen, die 100 oder älter waren, und damit 25 pro Million, so stieg ihr Anteil auf aktuell 69 pro Million. Forscher des Max-Planck-Instituts für demografische Forschung schätzen, dass jedes dritte heute geborenes Mädchen zukünftig seinen 100. Geburtstag feiern wird. Bei den Jungen soll es jeder zehnte sein.

Lydia Kircher bewahrte sich in einem entbehrungsreichen Leben immer ihren Humor

Ihr vielleicht schönstens Geburtstagsgeschenk war bereits ein Jahr alt, als Lydia Kircher Anfang Oktober 2020 in Salem-Mimmenhausen ihren 100. Geburtstag feierte. Ihr Ur-Ur-Enkel Dimitrio. Ob sie denn erwartet habe, so alt zu werden? Die Antwort kommt ganz energisch: “Hätt i nie, nie denkt.“ Aber sie sei immer gesund gewesen. Schon während ihrer Schulzeit hat sie viel Sport getrieben, wollte Leichtathletin werden. Doch der Zweite Weltkrieg machte ihr einen Strich durch die Rechnung.

Lydia Kircher (Jahrgang 1920): „Wir sind arme Leute gewesen.“
Lydia Kircher (Jahrgang 1920): „Wir sind arme Leute gewesen.“ | Bild: Mardiros Tavit

Geboren im badischen Mimmenhausen, lebte sie mit ihrem schwäbischen Mann Richard in Friedrichshafen, bis die Familie ausgebombt wurde. Daraufhin ging es zurück nach Mimmenhausen. „Wir hatten eine arme Zeit, wir sind arme Leute gewesen“, erzählt sie. Dennoch lacht sie viel, wenn sie auf ihr entbehrungsreiches Leben zurückblickt. Erzählt, wie sie, zurück im Heimatdorf, ihrer Mutter im Haushalt und in der Landwirtschaft half. Und auch Waldarbeit gehörte zum harten Tagwerk.

Humor scheint bei vielen Menschen, die alt geworden sind, eine der wichtigsten Zutaten zu sein, wie bei Lydia Kircher, die sich ihre Lebensfreude bewahrt hat, trotz so mancher Tiefe im Leben.

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Aktuelle Forschungen zeigen, dass ein gesichertes soziales Umfeld eine wichtige Rolle beim Erreichen eines biblischen Alters spielt. Das Beisammensein und der Umgang mit seinen Nächsten, seien es Familienmitglieder oder Freunde, gibt Lebensfreude. Auch die Fähigkeit, persönliche Krisen und Schicksalsschläge gut zu bewältigen, ist erwiesenermaßen ein wichtiger Faktor.

Gert Hennighausen: Acht Jahre sowjetische Kriegsgefangenschaft und schwere Schicksalsschläge

Wie man schwere Schicksalsschläge überwindet, das kann man aus dem Leben von Gert Hennighausen lernen. Geboren am 5. November 1919 in Lindau, feierte er vor wenigen Wochen seinen 101. Geburtstag. Nach dem Abitur 1938 in Potsdam begann er eine Bankenlehre. Mit dem Kriegsausbruch 1939 wurde Hennighausen eingezogen. Als Soldat in Frankreich verlor er 1940 ein Augenlicht. Beim folgenden Einsatz an der Ostfront kam er 1941 in Kriegsgefangenschaft. Im Lager lernte er Russisch. Die Heimat sah Hennighausen erst 1949 wieder. Der eine Bruder blieb im Krieg, der andere Bruder starb bei einem Reitunfall.

Ein Leben lang Sport getrieben: Gert Hennighausen (Jahrgang 1919) verlor im Krieg ein Augenlicht und kam erst 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück.
Ein Leben lang Sport getrieben: Gert Hennighausen (Jahrgang 1919) verlor im Krieg ein Augenlicht und kam erst 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenschaft zurück. | Bild: Lothar Fritz

Der Spätheimkehrer fand 1950 eine Anstellung bei einer Bank Düsseldorf. Die berufliche Laufbahn in leitender Stellung brachte ihn von Düsseldorf nach Köln und zurück an den Bodensee nach Friedrichshafen. Seit 1962 lebt die Familie in Nußdorf. Bis in hohe Alter trieb Hennighausen Sport: Tennis, Rudern und Segeln.

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Ein Zusammenhang ist beim Blick auf die letztjährige umfassende Analyse der UN weltweit erkennbar: je wohlhabender eine Gesellschaft, desto höher die Lebenserwartung. Dabei ist der medizinische Fortschritt einer der wichtigsten Gründe für die gestiegene Lebenserwartung. Seit dem 19. Jahrhundert sank die Kindersterblichkeit und Infektionskrankheiten verloren durch Impfungen und Antibiotika ihren Schrecken. Heute sorgen vor allem die Prävention und Therapie von klassischen Altersleiden wie Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs für eine Verlängerung des Lebens. Wichtige Faktoren sind aber auch Bildung, Hygiene, sowie Arbeits- und Lebensweise. Dazu gehört auch gesunde Ernährung.

Martha Steffelin ist „fidel, immer am Schaffen und viel unterwegs“

Im vergangenen Juli feierte Martha Steffelin ihren Hundertsten. Sie versorgt sich in ihrem Haus in Markdorf noch weitgehend selbst. Kochen und putzen seien für ihre Mutter kein Problem, sagte die 74-jährige Tochter Gerlinde Höschele. Und gekocht habe sie schon immer gerne. Auch Steffelins 37-jährige Enkelin Petra hat schnell eine Beschreibung ihrer Oma. „Fidel, immer am Schaffen und viel unterwegs“, erzählte sie.

Martha Steffelin (Jahrgang 1920) macht noch regelmäßig lange Spaziergänge.
Martha Steffelin (Jahrgang 1920) macht noch regelmäßig lange Spaziergänge. | Bild: Julia Leiber

Ein Patentrezept zum Altwerden habe sie nicht. Bis auf eine Gallenstein-Operation und Grippe war sie immer gesund. Auch wenn sie wegen ihres hohen Alters und der Corona-Pandemie jetzt die meiste Zeit zuhause verbringe, gehe sie fast jeden Tag eine Stunde spazieren. In ihrem Leben sei bisher „alles gut gegangen“. Die Südtirolerin Steffelin lernte ihren Ehemann in Lech am Arlberg in Tirol kennen. Mit ihm kam sie nach Markdorf und war lange bei der Firma Stromeyer tätig.

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In den vergangenen 150 Jahren stieg die Lebenserwartung immer schneller an. Das zeigt ein Blick auf die Zahlen, wie sie sich etwa beim Statistikunternehmen Statista finden. Zwischen 1871 und 1949 hat sich die durchschnittliche Lebenserwartung für Männer um 29 Jahre und für Frauen um 30 Jahre erhöht – vom Zeitpunkt der Geburt gesehen. In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis hinein ins 21. Jahrhundert, von 1949 bis 2016, ist die durchschnittliche Lebenserwartung – bei Geburt – für Männer um 13,9 Jahren und für Frauen um 14,8 Jahren gestiegen.

Fritz von Boekmanns Rezept ist „harte Arbeit“ und „preußische Disziplin“

Als Fritz von Boekmann im Oktober 1919 in der damals ostpreußischen Provinzhauptstadt Königsberg das Licht der Welt erblickte, ging dort gerade der erste deutsche Zivilflughafen Devau in Betrieb. Doch Kindheit und Jugend im heutigen russischen Kaliningrad sind fern. Nach seinem Leben gefragt, dominiert die Geschichte seines Kriegseinsatzes. Zur Wehrmacht gleich nach dem Abitur, wurde er zu Kriegsbeginn in Polen eingesetzt. Von dort aus ging es auf den Balkan, er war beim Feldzug nach Moskau dabei, überlebte den Kessel von Kursk und kam an der Westfront in amerikanische Gefangenschaft. Zurück in Deutschland lernte er in Stuttgart Maurer, machte den Meister. 1957 kam er nach Salem.

„Preussische Disziplin“ ist das Rezept für den gebürtigen Königsberger Fritz von Boekmann (Jahrgang 1019).
„Preussische Disziplin“ ist das Rezept für den gebürtigen Königsberger Fritz von Boekmann (Jahrgang 1019). | Bild: Mardiros Tavit

In der Markgräflich Badischen Verwaltung übernahm er die Bauabteilung. Er feiert seine Geburtstage gerne mit alten Weggefährten. Das Geheimnis seines Alters? „Harte Arbeit“, seine Antwort. Sein Sohn bestätigt das uns spricht von „preußischer Disziplin“.

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Die 100-Jährigen in der Region verbinden viele Gemeinsamkeiten. Die Kriegszeit mit all ihren Nöten und Schicksalsschlägen. Alle könnten von Hunger und Tod erzählen. Dennoch haben sie sich ihren Lebensmut über all die schwierigen Zeiten bewahrt. Und sie haben gelernt, lieber von den schönen Zeiten ihres Lebens zu erzählen, vom Erreichten. Alle mussten viel arbeiten, oft körperlich hart. Was aber alle verbindet: Sie sind auch im hohen Alter von Familienmitgliedern und Freunden umgeben. Offensichtlich ganz wichtig: Das soziale Umfeld ist auch in ihrem biblischen Alter intakt.

Ursula Heilemann: „Wir sind durchgekommen und blieben gesund“

Sie ist die Älteste im Überlinger Wohnstift Augustinum: Ursula Heilemann feierte vergangenen Juli ihren 101. Geburtstag. Geboren wurde sie 1919 in Leipzig in eine gut situierte Familie. Ihr Vater konnte sie in ein Privat-Gymnasium schicken, zu einer Zeit, in der die Meinung noch weit verbreitet war, Frauen bräuchten keine höhere Schulbildung. Nach dem Abitur 1938 ließ sie sich am Universitätsklinikum Leipzig zur medizinisch-technischen Assistentin ausbilden. Dabei lernte sie ihren zwölf Jahre älteren Mann Harri Heilemann kennen. Noch im Krieg heirateten die beiden, 1941. Mehrfach ausgebombt, empfand das Ehepaar das Kriegsende als Erlösung. “Wir sind durchgekommen und blieben gesund“, sagte sie über diese Zeit lapidar.

Ursula Heilemann (Jahrgang 1919) wurde mehrfach ausgebombt und verließ ihre Heimat DDR vor dem Mauerbau.
Ursula Heilemann (Jahrgang 1919) wurde mehrfach ausgebombt und verließ ihre Heimat DDR vor dem Mauerbau. | Bild: Lothar Fritz

Zunächst blieben sie in der damaligen DDR. Noch rechtzeitig vor dem Mauerbau gingen sie Ende der 1950er Jahre in die Bundesrepublik. Über Frankfurt und Stuttgart kamen sie nach Überlingen, wo sie seither ihren Lebensmittelpunkt hat. Gefragt, auf welche Zeit ihres langen Lebens sie gerne zurückschaut, sagt sie: “Das waren die Jahre meiner Kindheit mit den Besuchen bei meinen Freunden in Schweden und Norwegen„.

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Josef Glovotz kam über das KZ Dachau nach Pfullendorf

Josef Glovotz ist mit seinen 100 Jahren der älteste Einwohner Pfullendorfs – und um seine Fitness dürfte ihn so mancher Jüngere beneiden. Noch immer kann er sich mit festem Griff an die Tischkante in der Waagrechten schwebend halten. „Ich habe immer schon gern Artistik gemacht“, erzählte der gebürtige Ungar. Nach Pfullendorf war er 1945 gegen Kriegsende als Häftling des Konzentrationslagers Dachau gekommen. Interniert im Außenlager Spaichingen, musste er mit den anderen Gefangenen am 18. April 1945 zu einem Fußmarsch nach Denkingen aufbrechen. Ihn und einige weitere entkräftete Schicksalsgenossen sperrte die SS beim Feuerwehrgerätehaus ein, um sie später zu holen. Sie überlebten, weil vorher die Alliierten anrückten. Sieben Wochen lag er im Krankenhaus und blieb danach im Linzgau.

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Mit hundert Jahren an den Hanteln: Josef Glovotz, gebürtiger Ungar und als KZ-Häftling zufällig in Pfullendorf gestrandet.
Mit hundert Jahren an den Hanteln: Josef Glovotz, gebürtiger Ungar und als KZ-Häftling zufällig in Pfullendorf gestrandet. | Bild: Karlheinz Fahlbusch

1950 heiratete Glovotz, wanderte nach Venezuela aus, kam mit Frau Gretel und Sohn Peter 1955 zurück nach Pfullendorf, wo Tochter Roswitha zur Welt kam. Viele Jahre arbeitete der Werkzeugmacher in der Maschinenfabrik Roßknecht. Ein Leben lang hat er auch sein Gehirn gefordert, spielt immer noch gerne Schach, liest sehr viel und schreibt Gedichte. Die Liebe zur Lyrik entdeckte er schon mit 13 Jahren. Eine seiner Anthologien schaffte es in die ungarische Nationalbibliothek.