Können Sie sich an den letzten Schnee vor der Haustür erinnern? So erfrischend allein die Vorstellung angesichts der aktuellen Temperaturen erscheint, so angestrengt werden viele darüber nachdenken müssen. Im vergangenen Winter jedenfalls war Niederschlag jeglichen Aggregatzustandes jedenfalls Mangelware.

Dunkle Gewitterwolken schieben sich Ende der letzten Juliwoche 2020 über Friedrichshafen. In Summe lag die Niederschlagsmenge beispielsweise des vergangenen Jahres unter der des aktuellen Vergleichszeitraumes.
Dunkle Gewitterwolken schieben sich Ende der letzten Juliwoche 2020 über Friedrichshafen. In Summe lag die Niederschlagsmenge beispielsweise des vergangenen Jahres unter der des aktuellen Vergleichszeitraumes. | Bild: Lippisch, Mona

Bis auf den Februar. Knapp 100 Liter fielen da pro Quadratmeter in Friedrichshafen, der langjährige Mittelwert hätte nur etwas mehr als die Hälfte davon erwarten lassen. Der Februar hat die Niederschlagsbilanz des bisherigen Jahres „etwas geschönt“, wie es Meteorologe Jürgen Schmidt ausdrückt.

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Nun sagt ein einzelner regenreicher Monat genauso wenig über das Klima oder dessen Entwicklung wie eine einzelne Sommerwoche, in der sich ein heißer Tag an den anderen reiht. Als „heiße Tage“ zählen jene, an denen das Thermometer mindestens 30 Grad Celsius erreicht.

In 16 von 19 Jahren des neuen Jahrtausends lag die Durchschnittstemperatur über 10 Grad

Im langfristigen Kontext betrachtet, lässt sich aber auch im Wetter vor der eigenen Haustür die Entwicklung ausmachen, die weltweit beobachtet wird. Wie sich der Klimawandel auf das Bodensee-Wetter auswirkt? „Auf jeden Fall sind die Temperaturen in den letzten Jahrzehnten angestiegen“, antwortet Jürgen Schmidt.

Die Jahresmitteltemperatur habe in Konstanz im Zeitraum zwischen 1961 und 1990 noch bei 9,1 Grad gelegen – gemessen in der Stadt bei 8,9 – im aktuellen Vergleichszeitraum (1981 bis 2020) liege sie schon bei 9,8 Grad. „Und für den neuen Zeitraum 1991 bis 2020 erwarten wir einen weiteren Anstieg“, so Schmidt. In 16 von 19 Jahren dieses Jahrtausends lagen die Jahresmittel-Temperaturen ihm zufolge über 10 Grad, seit 2014 sogar vier Mal über 11 Grad. „Ein deutliches Zeichen also für den Klimawandel.“

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Roland Roth, Leiter der Wetterwarte Süd, spannt den zeitlichen Bogen weiter. „Global gesehen ist die Temperatur in den letzten 100 Jahren um ein Grad angestiegen, in der Bodenseeregion jedoch um 1,5 bis 1,7 Grad in vierzig Jahren. Zum Vergleich: In der letzten Eiszeit war es knapp fünf Grad kälter, also gar nicht so viel, wie manche meinen.“ In Konstanz sei es heutzutage in etwa so warm wie vor dreißig Jahren in Freiburg. Die Temperaturen im zu den wärmsten Regionen Deutschlands zählenden Breisgau wiederum nähern sich Roth zufolge immer mehr norditalienischen Verhältnissen der 1980er-Jahre an.

Ein Extrem allein erzählt noch nicht vom Klimawandel. Die Summe der Extreme gibt allerdings Aufschluss

Zeitweise scheint es heute, als könnten das Klima dem Wetter seinen Rang unter den beliebtesten – oder zumindest am häufigsten bemühten – Smalltalkthemen streitig machen. Insbesondere Extreme wie ein Unwetter geben dabei oft Anlass, über beides zu sprechen. Dass das Wetter mal verrückt spielt, ist allein aber ebenfalls noch kein Klimawandel-Indiz.

„Unwetter hat und wird es immer wieder geben“, sagt Jürgen Schmidt. Auch Phänomene wie Wasserhosen über dem Bodensee, wie sie beispielsweise vor etwa einem Jahr beobachtet wurden, seien keine so große Seltenheit. „Hitze und Trockenheit sind dagegen schon ein Zeichen des Klimawandels.“ Zwar werde es auch noch durchschnittliche oder zu kühle Sommer geben. „Doch die Zahl der heißen und trockenen Sommer wird bei weiter fortschreitendem Klimawandel zunehmen, und die Zahl der Hitzetage. Im Jahrhundert-Sommer 2018 hatten wir 31 Tage mit mehr als 30 Grad.

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„Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen, wodurch das Niederschlagspotenzial bei entsprechender Wetterlage größer ist. Die Luftmassen sind, vereinfacht gesagt, energiegeladener“, erklärt Roland Roth. „Das ist ungefähr so, wie wenn man von einem VW-Käfer oder Trabi auf einen Ferrari oder Porsche umsteigen würde und Gas gibt. Es ist einfach mehr Power dahinter.“

Wenn Sonnenschein und Regen aufeinander treffen, ergeben sich faszinierende Anblicke über dem See.
Wenn Sonnenschein und Regen aufeinander treffen, ergeben sich faszinierende Anblicke über dem See. | Bild: Achim Mende

Wetterextreme nehmen Roland Roth zufolge in alle Richtungen zu. „Dürre und Überschwemmungen gehören zum Klimawandel, genauso wie unerträgliche Hitze, eiskalte Perioden und Spätfröste„, erklärt er. Seit etwa zehn Jahren lasse sich zudem feststellen, dass die Großwetterlagen beständiger werden. „Das heißt, wir haben längere Zeit trockene Hochdrucklagen, aber auch länger anhaltend feucht-kühles Wetter“, so Roth. „2018 wurde uns in Erinnerung gerufen, wie wertvoll und kostbar Wasser ist, das in unseren Breiten im Allgemeinen immer und fast schon selbstverständlich zur Verfügung steht und wie schön Regen sein kann, auch wenn er hin und wieder mal unsere Freizeitaktivitäten einschränkt.“

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„Die Natur erwacht weitaus früher aus ihrem Winterschlaf, sodass die Vegetation im April häufig bereits weit fortgeschritten ist“, beschreibt Roland Roth ein weiteres Extrem: „Wenn dann, wie 2017 geschehen, nochmals knackige Spätfröste auftreten, die es trotz der allgemeinen Erwärmung ganz sicher auch weiterhin geben wird, sind große Schäden vorprogrammiert. Die Kombination aus früher Blüte und eisigen Spätfrösten, welche es so seit 1912 nicht mehr gegeben hatte, sorgte besonders in den Sonderkulturen für fatale Folgen und große Ernteeinbußen.“

Schnee wird es weiterhin geben – allerdings seltener und weniger zuverlässig

Hitze, Hagel, Stürme, Starkregen und ausgeprägte Trockenheit werden Roth häufiger ein Thema sein als noch vor dreißig, vierzig Jahren. Auch Schnee, den es in Zeiten des Klimawandels weiterhin geben werde – wenn auch nicht so häufig und zuverlässig wie früher einmal – könne uns hin und wieder Probleme bereiten. Das habe erst der Januar vergangenen Jahres gezeigt, als Lindau unter Schneemassen versank.

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Können Sie sich vorstellen, dass der Bodensee nicht mehr da ist? So verstörend diese Vorstellung aktuell wirken mag, so weit in der Zukunft liegt dieses Szenario nach derzeitigen Einschätzungen noch. Wobei die Verlandung des Bodensees nicht in erster Linie dem Klimawandel zuzuschreiben sein dürfte. Dessen Folgen wiederum liegen längst nicht mehr in einer Zukunft „nach unserer Zeit“.

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„Wenn keine Gegenmaßnahmen getroffen werden, muss mit einer weiteren Zunahme von Hitzetagen und trockenen Monaten gerechnet werden“, sagt Jürgen Schmidt. „Die Wintersport-Möglichkeiten in den umliegenden Mittelgebirgen werden durch immer weniger Schneetage weiter eingeschränkt, und man muss immer höher hinaus in den Alpen, um sichere Schneeverhältnisse zu haben.“ Einzelne kalte Winter und kühle Sommer seien aber auch weiterhin zu erwarten.

„Der Klimawandel ist eine schleichende Gefahr, deren Tragweite offensichtlich von vielen nach wie vor unterschätzt wird.“
Roland Roth

„Mit dem Jahr 2019 ging die wärmste Dekade der Menschheitsgeschichte zu Ende. Viele Menschen sind auf der Flucht, weil in ihrer angestammten Heimat ein Leben durch die veränderten Klimabedingungen kaum noch möglich ist“, sagt Roland Roth. „Es geht längst nicht mehr nur um die für alle sichtbaren Wetterextreme, die nachweisbar verbreiteter, stärker und folgenschwerer auftreten als früher. Es geht um eine grundlegende Änderung der klimatischen Verhältnisse auf der Erde, um die Verschiebung ganzer Klimazonen.“ Davon sei die Bodenseeregion natürlich nicht ausgenommen. „Ganz im Gegenteil, die Erwärmungsrate wird hier sogar noch höher sein.“

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