Neujahrsvorsätze, Winterspeck und schlechtes Gewissen: In den ersten Wochen eines neuen Jahres melden sich traditionell die meisten Menschen in Fitnessstudios an, sehr zur Freude von Anbietern und Betreibern. Doch in diesem Jahr ist alles anders: Da Fitnesseinrichtungen seit November nicht öffnen durften, fallen die wichtigsten Monate für das Geschäft weg. Trotz digitaler Angebote für Mitglieder zu Hause, kämpfen Betreiber im Bodenseekreis um die Zukunft ihrer Studios.

Lockdown ist ein „heftiger Eingriff“ in das Geschäft

Im Gesundheitszentrum Prosana in Überlingen ist der Fitnessbereich seit Anfang November geschlossen. Seitdem werden dort keine monatlichen Beiträge mehr von den Mitgliedern abgebucht. Physiotherapie darf, wenn vom Arzt verschrieben, weiter angeboten werden. Der Grund: Die Gesundheitsleistung steht nicht unter der Einschränkung der Corona-Maßnahmen.

„Derzeit ist es schwierig, den Mitgliederstamm zu halten“, sagt er. „Auch neue Mitgliedschaften werden nicht abgeschlossen, da auch keiner weiß, wann diese beginnen soll“, Sebastian Zschockelt, Bereichsleiter Fitness beim Fitnessanbieter „Prosana“ in Überlingen.
„Derzeit ist es schwierig, den Mitgliederstamm zu halten“, sagt er. „Auch neue Mitgliedschaften werden nicht abgeschlossen, da auch keiner weiß, wann diese beginnen soll“, Sebastian Zschockelt, Bereichsleiter Fitness beim Fitnessanbieter „Prosana“ in Überlingen. | Bild: Cian Hartung

Den Ausfall des Geschäftszeitraums zwischen Herbst und Frühjahr nennt Sebastian Zschockelt, Bereichsleiter Fitness bei Prosana, einen „heftigen Eingriff“. Auch von den Novemberhilfen habe das Studio bisher kaum Unterstützungsgeld gesehen. „Derzeit ist es schwierig, den Mitgliederstamm zu halten“, sagt Zschockelt. „Auch neue Mitgliedschaften werden nicht abgeschlossen, da niemand weiß, wann diese beginnen soll.“ Dies habe letztlich einen negativen Einfluss auf die Mitgliederzahl.

Bald soll es einen weiteren Standort des Fitnessstudios Prosana geben. Er soll in Salem entstehen.
Bald soll es einen weiteren Standort des Fitnessstudios Prosana geben. Er soll in Salem entstehen. | Bild: Cian Hartung

Doch der Lockdown hält Geschäftsführer Jan Veitinger nicht von Expansionsplänen ab. Bald soll ein neuer Standort in Salem, im Areal „Neue Mitte“ eröffnet werden. Sollte der Lockdown verlängert werden, wird dort vorerst auch nur Physiotherapie angeboten. Veitinger zeigt sich unbeeindruckt: „Dieses Vorhaben ziehen wir jetzt trotz Corona durch.“

Finanzhilfen händeringend notwendig

Auch die Betreiber von „Balance Fitness“, die unter anderem Fitnessclubs in Uhldingen, Markdorf und Immenstaad betreiben, leiden unter dem aktuellen Lockdown. „Die Fitnessbranche gehört zu den am stärksten vom Lockdown betroffenen Branchen“, sagt Thomas Steinmaßl, Geschäftsführender Gesellschafter der Fitnessclubs. Das Hauptgeschäft mache die Branche in den Monaten von November bis März – genau in diesem Zeitraum sind die Einrichtungen nun coronabedingt geschlossen.

„Wir brauchen die November- und Dezemberhilfen aber dringendst um unseren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen“, Thomas Steinmaßl, Geschäftsführender Gesellschafter von „Balance Fitness“.
„Wir brauchen die November- und Dezemberhilfen aber dringendst um unseren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen“, Thomas Steinmaßl, Geschäftsführender Gesellschafter von „Balance Fitness“. | Bild: Privat

Da laut Steinmaßl in den Monaten von April bis Oktober kein großer Zulauf an neuen Kunden zu erwarten sei, werde es umso schwieriger, die Fluktuation der Mitglieder auszugleichen. Die Neumitgliedschaften, die zwischen Anfang Juni und Ende Oktober des vergangenen Jahres abgeschlossen wurden, seien „lediglich der berühmte Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Steinmaßl. „Unser Geschäft funktioniert nur, wenn durch neue Mitglieder die natürliche Fluktuation ausgeglichen wird.“

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Die beantragte Novemberhilfe sei bei seinen Betrieben noch nicht angekommen, lediglich die erste Abschlagszahlung, so Steinmaßl. „Wir brauchen die November- und Dezemberhilfen aber dringend, um unseren finanziellen Verpflichtungen nachzukommen.“ Dennoch bleibt er kämpferisch: „Wir werden die große Herausforderung annehmen, einige Veränderungen auf den Weg bringen und dann Fitness neu definieren.“

Zweiter Lockdown bedroht Existenz der Familie

Kurzarbeit, Rückgriff auf das Eigenkapital und Auszubildende, die auf ihre Prüfungen lernen müssen: Auch für den Betreiber des Fitnesstempels in Kluftern sind die Corona-Zeiten schwierig, wie er gegenüber dem SÜDKURIER erzählt. Schon im ersten Lockdown im Frühjahr habe er Verluste eingefahren, nun gehe ihm auch noch das Hauptgeschäft des Jahres verloren. „Ich denke nicht, dass wir vor Ostern öffnen können. Es ist eine Katastrophe“, sagt Ulrich Deschler.

Etwa 45000 Euro Fixkosten fallen für den Fitnesstempel in Kluftern monatlich an. Die angekündigten Corona-Hilfen tragen diese Kosten nicht komplett, sagt Betreiber Ulrich Deschler.
Etwa 45000 Euro Fixkosten fallen für den Fitnesstempel in Kluftern monatlich an. Die angekündigten Corona-Hilfen tragen diese Kosten nicht komplett, sagt Betreiber Ulrich Deschler. | Bild: Mona Lippisch

Der gelernte Physiotherapeut eröffnete das Studio nahe des Bahnhofs in Kluftern vor etwa zehn Jahren. Mittlerweile hat er 24 Mitarbeiter, fünf davon in Festanstellung. Letztere befinden sich momentan in Kurzarbeit. Außerdem bildet der Betreiber des Fitnesstempels zwei Lehrlinge aus. „Für uns alle ist es schwierig. Mittlerweile lerne ich zwei Mal in der Woche mit den Azubis, denn die Schule findet ja auch nur noch online statt“, erzählt Ulrich Deschler.

Der Spinning-Raum im Fitnesstempel bleibt momentan leer. Normalerweise finden dort jede Woche verschiedene Kurse statt.
Der Spinning-Raum im Fitnesstempel bleibt momentan leer. Normalerweise finden dort jede Woche verschiedene Kurse statt. | Bild: Mona Lippisch

Die Novemberhilfen, die der Vater von sechs Kindern beantragt hat, seien noch nicht ausgezahlt. Und die Corona-Gelder für den Monat Dezember erwartet Deschler nicht vor Ostern. „An dem Fitnessstudio hängt nicht nur meine eigene Existenz, sondern die Existenz meiner ganzen Familie“, betont Deschler. Seine Frau ist gerade schwanger, Baby Nummer sieben ist auf dem Weg.

Familie Deschler im Fitnesstempel (von links): Anna, Mutter Anna-Marie Deschler und Vater Ulrich Deschler, Sophia, Elena und Dario sowie Finn und Tiard (vorne).
Familie Deschler im Fitnesstempel (von links): Anna, Mutter Anna-Marie Deschler und Vater Ulrich Deschler, Sophia, Elena und Dario sowie Finn und Tiard (vorne). | Bild: Mona Lippisch

Hätte Ulrich Deschler nicht schon im Sommer auf sein Eigenkapital zurückgegriffen, wäre er in mit seinem Fitnesstempel in der Insolvenz gelandet, vermutet er. Denn: Allein die Fixkosten des 1200 Quadratmeter großen Studios würden sich monatlich auf knapp 45 000 Euro belaufen, inklusive Steuern. Zusätzlich seien etwa 180 Verträge seit Beginn der Corona-Pandemie „flöten gegangen“.

Vor dem zweiten Lockdown kümmerte sich Ulrich Deschler darum, dass die Hygienemaßnahmen eingehalten werden. „Bitte halten Sie 1,5 Meter Abstand“ ist auf einem Schild in der Damenumkleide zu lesen.
Vor dem zweiten Lockdown kümmerte sich Ulrich Deschler darum, dass die Hygienemaßnahmen eingehalten werden. „Bitte halten Sie 1,5 Meter Abstand“ ist auf einem Schild in der Damenumkleide zu lesen. | Bild: Mona Lippisch

Bis zum zweiten Lockdown habe Deschler bereits Verluste in Höhe von etwa 200 000 Euro eingefahren. Die Summe berechnet der Physiotherapeut aus der Anzahl an Zwei-Jahres-Verträgen, die er sonst abgeschlossen hätte.

Er erklärt: „Wir haben als Fitnessstudio immer eine Kündigungsquote. Aber normalerweise kompensieren wir diese mit neuen Verträgen. Doch wer schließt in der Corona-Zeit einen Vertrag im Fitnessstudio ab?“ Momentan reichen die Ersparnisse noch aus. Doch Deschler hofft, dass zumindest die Novemberhilfen zeitnah ausbezahlt werden. „Es wäre immerhin ein Anfang.“

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