Sie zählen zur Risikogruppe. Die Infektion mit dem Coronavirus kann für sie noch ernstere Folgen haben als für andere: die Senioren. Sie sind gezwungen, ihre sozialen Kontakte drastisch zu reduzieren und Abstandsregeln und Hygienevorkehrungen besonders peinlich zu beachten. Der SÜDKURIER hat bei vier besonders aktiven Markdorfer Senioren nachgefragt, wie sie die Pandemie erleben. Was bedeutet es für sie, liebgewonnene soziale Kontakte bis auf Weiteres kappen zu müssen? Wie sehr beeinträchtigend erleben sie die momentanen Folgen des Lockdowns?

Christel Wieth: „Über Manches müsste man dringend reden“

Gefragt, wie es ihr in der derzeitigen Corona-Krise gehe, antwortet Christel Wieth: „Ich kann nicht klagen“, um sodann mit feinem Schmunzeln hinzuzufügen: „Aber über Manches müsste man dringend reden.“ Die 72-Jährige gehört zu den aktiven Senioren in Markdorf. Ihr Mann Günther Wieth ist Vorsitzender des Vereins „Zukunftswerkstatt“, der die Markdorfer Tafel trägt.

Christel Wieth sieht Diskussionsbedarf in der Corona-Krise. Vieles müsste besser kommuniziert werden.
Christel Wieth sieht Diskussionsbedarf in der Corona-Krise. Vieles müsste besser kommuniziert werden. | Bild: Jörg Büsche

Im Tafelladen am Stadtgraben arbeitet Christel Wieth mit. Unter anderem sorgt sie dafür, dass die Wartenden den vorgeschriebenen Abstand halten. Das heißt: Sie bekommt sehr viel mit von der Stimmung. Überhaupt hat sie recht viele Außenkontakte. Ansonsten, daheim, halten sich die Wieths streng an die für den häuslichen Bereich geltenden Regeln mit ihrer Beschränkung der Personenzahl. Hier, bei den coronabedingten Einschnitten, sieht Christel Wieth noch den wenigsten Redebedarf. Der besteht aus ihrer Sicht eher bei Maßnahmen, die die Außenkontakte von Heimbewohnern erschweren.

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Da gelte es, Lösungen zu suchen, damit niemand alleine sein müsse. Lösungen, die sich aber nur finden ließen, wenn auch die Position der Betroffenen deutlich werde. Zumal längst nicht alle in der Lage seien, ihre Bedürfnisse klar zu artikulieren. Dabei denkt Christel Wieth an die Hochbetagten. Ähnlich sieht sie es bei den Kindern. Auch auf deren Wohl werde manchmal nicht hinreichend geachtet, findet sie mit Blick auf die Jüngsten unter ihrer Tafel-Kundschaft.

Evi Gräble-Kopp: Gerade für Senioren ist der Austausch wichtig

„Corona hat uns ausgebremst“, erklärt Evi Gräble-Kopp, die sich nicht nur in der katholischen Seelsorgeeinheit stark in der Seniorenarbeit engagiert. Die 67-Jährige organisiert den Sozialdienst der Caritas-Konferenz St. Nikolaus und gemeinsam mit Gerda Dilger leitet die engagierte Pfarrgemeinderätin auch den Caritas-Kleiderladen in der Markdorfer Poststraße. Als Mitglied im Organisationsteam des ökumenischen Seniorenkreises bedauert Evi Gräble-Kopp, dass die Nachmittage für Ältere nun nicht mehr stattfinden können. Im September und Oktober sei das noch möglich gewesen. „Gerade für Senioren sind solche Gelegenheiten zum Austausch sehr, sehr wichtig“, erklärt sie.

Sorgt sich um die Betagten, die kaum noch Ansprache finden und zu vereinsamen drohen: Evi Gräble-Kopp.
Sorgt sich um die Betagten, die kaum noch Ansprache finden und zu vereinsamen drohen: Evi Gräble-Kopp. | Bild: Jörg Büsche

Oftmals seien dies die einzigen Gelegenheiten, mit anderen Menschen zu sprechen. Falle das weg, drohe Vereinsamung. Um so wichtiger sei die schriftliche Ansprache per Brief. „Damit die Senioren sehen, dass jemand in Gedanken bei ihnen ist.“ Was sie neben den nun fehlenden Begegnungen hart angeht: dass der alljährliche Weihnachtsbesuch im Kloster Kellenried in diesem Jahr nicht möglich war. Ihre jüngste Schwester ist Nonne in der Benedektinerinnen-Abtei bei Ravensburg.

Ernst Arnegger: Der zwanglose Plausch auf der Straße fehlt

Ernst Arneggers „Gott sei Dank“ kommt nicht so obenhin. Er meint es auch so, weil er wirklich dankbar sei für seine Gesundheit in diesem schwierigen Corona-Jahr 2020. „Wir haben unsere Kontakte stark begrenzt“, erklärt der 76-Jährige. Und diese Kontaktbeschränkung gelte sowohl für die Begegnungen außer Haus als auch für die im Haus. Nur noch engste Freunde und Familienmitglieder kommen. Obwohl ihm das schon recht schwer falle, erklärt der ehemalige CDU-Landes- und Kommunalpolitiker, der sich nach seinem Rückzug aus dem politischen Geschäft weiterhin ehrenamtlich engagiert.

Für Ernst Arnegger brachte Corona mehr Zeit für Kreativität und ausgedehnte Wanderungen.
Für Ernst Arnegger brachte Corona mehr Zeit für Kreativität und ausgedehnte Wanderungen. | Bild: Jörg Büsche

„Die Gespräche vermisse ich natürlich sehr“, erzählt Arnegger. Er bezieht sich auf die Zufallsbegegnungen in der Stadt, bei denen es früher stets auch zum Austausch gekommen sei. Was er noch vermisse: die Gottesdienste mit Gesang. Ihm fehle auch die Kultur. Doch die Pandemie habe auch Positives gebracht: Zusammen mit seiner Frau Elisabeth habe er das gesamte Kreisgebiet durchwandert, neue Wege entdeckt, alte wiederentdeckt und genossen. Und noch etwas Gutes habe die Corona-Krise für ihn bewirkt: Der studierte Kunstlehrer hat nach Jahren wieder zur Leinwand gefunden.

Gerhard Barisch: Fürsorge füreinander gilt es zu bewahren

Gerhard Barisch findet Corona einfach nur furchtbar lästig. Die Pandemie nötige ihm eine Maske auf. Sie verlange ein ausgeklügeltes Zeitmanagement, um Kontakte zu mindern. Gleichzeitig bringe sie bei vielen Alltagsverrichtungen einen höheren Zeitaufwand mit sich. Und die Pandemie verhindere Vieles im öffentlichen Leben. Zum Beispiel jene Treffen oder Versammlungen, an denen der 76-Jährige aufgrund seiner kommunalpolitischen Aktivitäten bei den Kreis-Grünen oder als bisheriger Förderverein-Vorsitzender des Gymnasiums am Markdorfer Bildungszentrum mitwirkte.

Gerhard Barisch macht sich Sorgen um die Kultur, zu der er derzeit kaum Zugang findet.
Gerhard Barisch macht sich Sorgen um die Kultur, zu der er derzeit kaum Zugang findet. | Bild: Jörg Büsche

Wie so viele andere vermisst er auch die Kultur. Wenige Konzerte, weniger Ausstellungen waren möglich. Nicht möglich sei auch der Besuch der Konstanzer Bühnen gewesen, bedauert der begeisterte Theatergänger. Er befürchtet gar, „dass man die Kultur an die Wand gefahren hat“. Schlimme Folgen erwartet Barisch auch für die Gastronomie, die sich alle Mühe gegeben und die Hygienevorschriften streng befolgt habe. Als überaus erfreulich hingegen nehme er wahr, „wie viel Hilfe und wie viel Unterstützung von außen gekommen ist“ – auch von Leuten, bei denen man das zunächst nicht erwartet habe.

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Der pensionierte Gymnasialdirektor fände es schön, wenn etwas von dieser Fürsorglichkeit und dem Zusammenhalt sich auch in den Zeiten danach bewahren ließe. Er hoffe auf eine allmähliche Entspannung der Pandemie-Situation im kommenden Frühjahr, sagt Barisch.