Dass man Peter Sölkner, Geschäftsführer beim Pharmadienstleister Vetter, mal am Hauptsitz Ravensburg erwischt, war früher eher schwierig. Zwölf Jahre lang pendelte der Chemiker zwischen dem US-Standort Chicago, der oberschwäbischen Zentrale und Kunden, also internationalen Pharmaherstellern. Ein Lebensmodell, das, wie er im Video-Telefonat mit dem SÜDKURIER sagt, auf einen Schlag durch die Corona-Pandemie zu Ende ging.

Peter Sölkner ist neben Thomas Otto einer von zwei Geschäftsführern bei Vetter Pharma. Der Chemieingenieur ist seit 2008 im Unternehmen.
Peter Sölkner ist neben Thomas Otto einer von zwei Geschäftsführern bei Vetter Pharma. Der Chemieingenieur ist seit 2008 im Unternehmen. | Bild: Vetter Pharma

Sölkner zog samt Familie im Juli aus San Francisco nach Oberschwaben zurück – und leitet die Geschicke des Abfüllspezialisten für Medikamente und Impfstoffe nun – gemeinsam mit Thomas Otto – vom neu eröffneten Hauptgebäude im Ravensburger Industriegebiet Nord aus.

Ein Rekordjahr nach dem anderen

Nicht nur in Ravensburg, wo neben dem Hauptgebäude mit 1000 neuen Büroarbeitsplätzen auch ein Ausbildungszentrum entstanden ist, ist unübersehbar: Die Vetter Pharma International GmbH ist längst zum Hidden Champion, also unbekannten Weltmarktführer, gewachsen – und legt ein Rekordjahr nach dem anderen hin. „Wir rechnen für 2020 mit circa 730 Millionen Umsatz, einem Wachstum von 10 Prozent“, erklärt der Geschäftsführer.

Die neue Zentrale in der Eywiesenstraße in Ravensburg beherbergt über 1000 neue Büroarbeitsplätze.
Die neue Zentrale in der Eywiesenstraße in Ravensburg beherbergt über 1000 neue Büroarbeitsplätze. | Bild: Vetter Pharma

Das Hauptgeschäft: An den Produktionsstandorten in Ravensburg und Langenargen werden hochwertige Biopharmazeutika, beispielsweise Wirkstoffe gegen Autoimmunerkrankungen wie Rheuma oder Morbus Crohn, aber auch seltene Krankheiten wie bestimmte Krebsarten oder Kinderalzheimer, in Spritzen oder andere Injektionssysteme abgefüllt und in die ganze Welt verschickt. „Die Top 20 der Big Pharma und Biotechunternehmen stehen bei uns auf der Kundenliste“, verrät Sölkner.

Wie die Corona-Pandemie das Geschäft veränderte

„Wir haben eine leicht erhöhte Anfrage an Heparinen, also Blutverdünnern gesehen, das in der Therapie von Covid-19-Patienten eingesetzt wird. Außerdem haben wir beispielsweise für Kunden Medikamente gegen Autoimmunerkrankungen abgefüllt, die bei Patienten auf der Intensivstation angewendet werden“, sagt er. Außerdem beschäftige sich Vetter im kleinen Maßstab auch mit der Abfüllung von aktuell entwickelten Corona-Impfstoffen, sogenannten Vakzinen, die Probanden im Rahmen klinischer Studien verabreicht werden.

Hier bereitet eine Mitarbeiterin im sogenannten Ansatzbereich einen Wirkstoff für die keimfreie Abfüllung in Spritzen vor.
Hier bereitet eine Mitarbeiterin im sogenannten Ansatzbereich einen Wirkstoff für die keimfreie Abfüllung in Spritzen vor. | Bild: Vetter Pharma

Die Hauptfrage dabei: Wie kommt der Wirkstoff, der meist in fertigem oder halbfertigem (eingefroren oder als Konzentrat) Zustand vom Kunden geliefert wird, sicher und keimfrei in die Spritze?

Die Kunden? Sind streng geheim

Welche Kunden genau auf der Liste stehen – und ob beispielsweise auch die Tübinger Pharmafirma Curevac ihren Impfstoff in Ravensburg abfüllen lässt – verrät Sölkner mit Verweis auf Geheimhaltungsvereinbarungen nicht. Allerdings, so erwähnt Sölkner, „beschäftigt sich Vetter mit der Abfüllung mehrerer Vakzine und Medikamente rund um Corona„.

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Und das nicht nur am Hauptsitz in Ravensburg, sondern auch am US-Standort in Chicago, wo derzeit ähnlich wie in Deutschland unter Hochdruck an Corona-Impfstoffen und Medikamenten geforscht wird. Dabei gehe es allerdings immer um kleinere Stückzahlen – und Spritzen für ein paar Tausend Probanden, denn alle Corona-Impfstoffe befinden sich noch in Testphasen.

Auf diesem Bild ist die keimfreie Abfüllung im Reinraum zu sehen. Hier wird der Wirkstoff über Füllnadeln vollautomatisch in das Injektionssystem abgefüllt und danach verschlossen.
Auf diesem Bild ist die keimfreie Abfüllung im Reinraum zu sehen. Hier wird der Wirkstoff über Füllnadeln vollautomatisch in das Injektionssystem abgefüllt und danach verschlossen. | Bild: Vetter Pharma

Geht bald massenhaft Corona-Impfstoff in Ravensburg vom Band?

Dass Vetter in naher Zukunft einen zugelassenen Corona-Impfstoff für die große Masse abfüllt, sieht Sölkner eher nicht. „Unser Geschäft ist es nicht, für Millionen von Patienten Impfstoffe abzufüllen. Dafür gibt es große Vakzinhersteller, die dann mit ihren riesigen Abfülllinien nichts anderes mehr machen, als ein Medikament abzufüllen“, betont er.

Zudem seien die Kapazitäten bei Vetter für andere Wirkstoffe gut gebucht. „Es wäre unmoralisch und unethisch, wenn wir andere Aufträge stornieren würden und Medikamente von den Linien nehmen würden“, sagt der Chemieingenieur, „dann müssten wir einem Krebspatienten sagen, dass er sein Medikament nicht mehr bekommt, nur weil wir gerade mit Covid-19 beschäftigt sind? Das geht nicht.“

Vetter – die Fakten

Seine Einschätzung: von den derzeit 170 Impfstoffen, an denen weltweit geforscht wird, wird kommendes Jahr eine Handvoll zugelassen. „Nicht ein Hersteller macht voraussichtlich das Rennen, sondern das sind mehrere – und die brauchen wir auch, damit der Impfstoff auf allen Kontinenten ankommt“, sagt Sölkner.

Im Labor werden Pharma- und Biotech-Kunden bei der Entwicklung neuer Medikamente unterstützt. Denn nicht jeder Wirkstoff harmoniert mit jeder Spritze – das muss genau analysiert werden.
Im Labor werden Pharma- und Biotech-Kunden bei der Entwicklung neuer Medikamente unterstützt. Denn nicht jeder Wirkstoff harmoniert mit jeder Spritze – das muss genau analysiert werden. | Bild: Vetter Pharma

Vetter sieht sich nicht als Corona-Gewinner

Auch wenn der Pharmadienstleister erneut Umsatzrekorde bricht, sieht Sölkner das Unternehmen nicht als Corona-Gewinner. „Es gab zwar einerseits eine leicht erhöhte Nachfrage an Bestandsmedikamenten und neue Aufträge durch die Corona-Pandemie, andererseits gab es aber auch Verschiebungen in Projekten, die in die klinische Phase gehen wollten und das aufgrund der Pandemie nicht konnten, weil die Probanden nicht mehr zur Verfügung standen“, erklärt er.

In den vergangenen fünf Jahren habe das Unternehmen eine durchschnittliche Wachstumsrate von zehn Prozent im Jahr gehabt – und liege damit genau auf dem festgelegten Kurs.

Interviews während der Corona-Pandemie: Am besten nur virtuell. Dafür hat Peter Sölkner dem SÜDKURIER am Ende noch eins verraten: Bill Gates kennt er nicht.
Interviews während der Corona-Pandemie: Am besten nur virtuell. Dafür hat Peter Sölkner dem SÜDKURIER am Ende noch eins verraten: Bill Gates kennt er nicht. | Bild: Wienrich, Sabine

Vetter will bis zu 400 neue Jobs ausbauen

Wer wächst, braucht mehr Mitarbeiter. Während etliche Unternehmen aufgrund der Corona-Krise Mitarbeiter entlassen oder Einstellungsstopp haben, stellt Vetter bald hunderte Arbeitnehmer ein. Aktuell sind 95 offene Stellen, viele an den Produktionsstandorten in der Schützenstraße in Ravensburg und in Langenargen, aber auch in der IT, zu besetzen, Tendenz steigend.

Das Ziel für 2021 steht fest: Weitere Produktionslinien, in denen auf dem Markt zugelassene Medikamente abgefüllt werden, sollen in Oberschwaben entstehen. „Wir rechnen mit 300 bis 400 weiteren Stellen, die wir zu Dreiviertel in der Produktion oder produktionsnahen Bereichen besetzen werden“, sagt Sölkner.

Wie das Unternehmen um Mitarbeiter wirbt

Vetter wirbt mit Qualifizierungen, eigenen Aus- und Weiterbildungslehrgängen und natürlich mit guter Bezahlung. Das Unternehmen zahlt nach Haustarif. Einstiegsgehalt für einen ungelernten Produktionsmitarbeiter: 2500 Euro brutto plus diverse Zulagen. Die aktuelle Bewerbersituation sei „bittersweet“, wie Sölkner sagt. Denn aufgrund der schwierigen Situation der anderen Arbeitgeber erhalte Vetter aktuell rund 2200 Bewerbungen – darunter auch Initiativbewerbungen von vielen qualifizierten Kräften.

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