Monika Geiger leitet das gleichnamige Tanzcenter in Ravensburg, 1990 hat sie den elterlichen Betrieb übernommen, weitere Tanzschulen der Familie Geiger befinden sich in Lindau und Lindenberg. Gemeinsam haben sie an einer Protestaktion teilgenommen und Tanzschuhe und Nägel an die Bundesregierung geschickt – die Botschaft lautet entsprechend: „Wir können unsere Tanzschuhe bald an den Nagel hängen.“

Monika Geiger, Inhaberin der gleichnamigen Tanzschule mit Hauptsitz in Ravensburg.
Monika Geiger, Inhaberin der gleichnamigen Tanzschule mit Hauptsitz in Ravensburg. | Bild: Lena Reiner

„Aus Lindau haben wir einen Jazzschuh eingeschickt, hier aus Ravensburg einen Lateinschuh“, schildert Geiger. Generell seien viele unterschiedliche Schuhe zusammengekommen, um die Vielfalt der betroffenen Tanzarten aufzuzeigen. „Bisher gab es meiner Information nach keine Reaktion auf die Aktion“, erklärt sie beim Gespräch mit dem SÜDKURIER. Sie könne sich aber auch vorstellen, dass die Regierung viele solcher Aufrufe erhalte und es daher schwierig sei, zeitnah zu reagieren: „Viele Betroffene möchten derzeit auf ihre Situation aufmerksam machen.“

Alles ausgleichen kann ein Onlineangebot nicht

Trotz der Zwangsschließung der Tanzschule haben ihr Team und Monika Geiger einiges zu tun: „Wir bieten derzeit 60 Onlinekurse in der Woche an“, schildert sie. Dazu hätten sie die Tanzsäle mit Kameras ausgestattet: „Die möchten wir auch weiter nutzen, wenn wir wieder öffnen dürfen. Dann können wir die Kurse gleichzeitig online übertragen.“ So könnten Teilnehmer auch aus dem Urlaub oder von Zuhause zuschauen, wenn sie etwa erkältet seien.

„Jetzt, da das Wetter schön ist, möchten wir für Kinder draußen etwas anbieten und wir haben für Ostern Videos gedreht“, schildert sie. Es sei schön, gerade jetzt ihre Kinder mit im Führungsteam zu haben: „Junge Menschen bringen einfach eine andere Motivation und Kreativität mit: Man kann aus allem Schlechten auch etwas Gutes machen.“ Dennoch sei die aktuelle Zeit ganz klar eine Herausforderung, seit sechs Monaten seien ihre Pforten inzwischen wieder geschlossen. „Alles, was wir bei einer Inzidenz unter 100 tun dürfen, ist, eine Privatstunde abzuhalten“, schildert Geiger. Das führe selbstverständlich zu einem Rückgang an zahlenden Kunden, das Onlineangebot könne nicht alles ausgleichen.

Das könnte Sie auch interessieren

„Manche Kollegen haben nur noch ein Drittel ihrer Kunden“

Auch Thomas Schütze, Inhaber der Tanzschule No. 10 in Friedrichshafen, kennt das Problem: „Wir Tanzschulen finanzieren uns ja überwiegend nicht durch ein Kurs- sondern ein Clubsystem. Manche Kollegen haben nur noch ein Drittel ihrer Kunden.“ Gerade sei der Berufsverband der Tanzschulinhaber, in dem er aktiv sei, dabei, eine Stellungnahme an die Regierung vorzubereiten, seine Version des Protests.

„Wir haben Lösungen“, sagt Schütze. „Hier in der Tanzschule haben wir Platz, die Lüftungsanlage noch mal aufgerüstet.“ Außerdem hätten sie im vergangenen Jahr schon ausgetüftelt, wie das mit dem Abstand selbst bei den kleinsten Tanzkursteilnehmern im Kindergartenalter funktionieren könne: „Wir haben Bereiche für die Kinder mit Aufklebern und Kissen markiert.“ Mehr Sicherheit sei kaum möglich.

Inhaber der Tanzschule „No.10“, Thomas Schütze, steht in seinem 200 Quadratmeter großen Tanzsaal, in dem zum Zeitpunkt des Fotos nicht mehr als Einzelcoachings stattfinden durften.
Inhaber der Tanzschule „No.10“, Thomas Schütze, steht in seinem 200 Quadratmeter großen Tanzsaal, in dem zum Zeitpunkt des Fotos nicht mehr als Einzelcoachings stattfinden durften. | Bild: Lena Reiner

Auch der Neustart wird eine Herausforderung

Da die Wiedereröffnung nun wieder immer weiter in die warmen Monate verlagert werde, sei es finanziell besonders schwierig: „Letztes Jahr durften wir im Juni wieder aufmachen. Die Sommermonate sind aber für eine Tanzschule eh nichts“, sagt Schütze.

Doch die echte Herausforderung stehe dann erst bevor: „Wenn wir wiedereröffnen, müssen wir ja alles hochfahren, die Tanzlehrer wieder voll bezahlen. Diese überhaupt zu halten, ist wichtig, da es ja spezialisierte Mitarbeiter sind. Es war schon schwierig, vor der Pandemie Tanzlehrer zu finden.“ Diese über die Krise zu halten, sei eine der Herausforderungen, die nächste, den Kundenstamm nach der Schließung wieder so aufzubauen, dass die Kurse sich auch rechnen.

Einer der Säle der Tanzschule No.10 wurde kurzerhand zum Videostudio.
Einer der Säle der Tanzschule No.10 wurde kurzerhand zum Videostudio. | Bild: Lena Reiner

Wunsch nach mehr Solidarität der Mitglieder

„Um das wieder reinzuholen, was wir jetzt finanziell verloren haben, brauchen wir allein zehn Jahre“, erklärt Schütze. Er wünsche sich da mehr Solidarität der Mitglieder: „Viele sagen, sie kommen nach der Pandemie wieder. Aber wohin wollen sie kommen, wenn es ihre Tanzschule dann nicht mehr gibt? Die Mitgliedsbeiträge helfen uns dabei, die Krise zu überstehen.“ Seine eigene Tanzschule werde die Krise überstehen, ist er überzeugt. Doch es gebe einige kleinere Schulen, die deutlich schlechter dastünden.

Thomas Schütze schmerzt vor allem, was er derzeit nicht leisten könne: „Tanzen ist letztlich Bildung und fördert die Gehirnentwicklung.“ Und: „Das ganze Soziale fällt unter den Tisch.“ Mit der Tanzschule sei er seit Langem sozial engagiert, arbeite mit Menschen mit Behinderung. Das sei derzeit komplett unmöglich. Langeweile herrsche aber keine bei ihm: „Ich arbeite aktuell als Inhaber mehr, als wenn wir laufenden Betrieb haben.“

Das könnte Sie auch interessieren

Erst in einer Kategorie mit Fitnessstudios, dann in einer mit Swingerclubs

Davon berichtet auch Candy Hartwig: „Wir haben die Webseite komplett umgestellt und alle Hände voll zu tun.“ Sie ist seit 1995 Tanzlehrerin, seit acht Jahren leitet sie gemeinsam mit ihrem Mann die Tanzfabrik Bodensee mit eigenen Räumlichkeiten in Markdorf. An der Protestaktion hat sie sich nicht beteiligt – mangels Tanzschuhen: „Ich habe aktuell nur komplett neue Schuhe oder solche, die man gar nicht als Tanzschuhe erkennt.“

Die Aktion an sich halte sie aber für wichtig und unterstützenswert. „Das Schlimme ist ja, dass wir Tanzschulen nicht einmal wahrgenommen werden“, schildert sie. In den wenigsten Fassungen der Corona-Verordnung würden Tanzschulen explizit erwähnt und bei der Öffnungsphase im vergangenen Sommer sei lange unklar gewesen, welcher Kategorie sie angehörten: „Erst wollte man uns Fitnessstudios zuordnen, obwohl wir ja nicht mit Geräten arbeiten und die Bedingungen daher ganz andere sind. Am Ende wurden wir mit Swingerclubs zu Vergnügungsstätten erklärt.“

Beste Stimmung, aber nur virtuell: Fabienne Dobler gibt den letzten Online-Zumba-Kurs vor den Ferien im sonst leeren Tanzsaal.
Beste Stimmung, aber nur virtuell: Fabienne Dobler gibt den letzten Online-Zumba-Kurs vor den Ferien im sonst leeren Tanzsaal. | Bild: Lena Reiner

„Es fällt dabei völlig unter den Tisch, dass es beim Tanzen auch um Gesundheit geht, auch besonders für Kinder und Jugendliche“, betont Hartwig und ergänzt: „Die Kinder tun mir wirklich leid. Denen würden wir gern etwas bieten können.“ Dabei sei beim Tanzen deutlich mehr Abstand und Infektionsschutz möglich als im Klassenzimmer oder Supermarkt. „Man merkt einfach, dass die Politiker, die darüber entscheiden, keine Ahnung haben, wie es in einer Tanzschule zugeht“, kritisiert sie.

In der aktuellen Verordnung würden zumindest Ballettschulen erwähnt, in diesem Kontext falle dann das Wort Publikumsverkehr: „Das haben Tanzschulen nicht. Wir haben keinen Publikumsverkehr. Wir haben feste Teilnehmer, die immer an denselben Kursen mit denselben Leuten teilnehmen.“

Desinfektionsmittel erinnert selbst beim virtuellen Tanzangebot an die Pandemie.
Desinfektionsmittel erinnert selbst beim virtuellen Tanzangebot an die Pandemie. | Bild: Lena Reiner

„Jede Woche erhalten wir neue Kündigungen“

Auch Kontaktnachverfolgung sei für sie ein Leichtes: „Wir notieren sowieso immer, wer wann da war und an welchem Kurs teilgenommen hat.“ Die aktuelle Situation sei für sie hart: „Jede Woche erhalten wir neue Kündigungen. Den Kundenstamm bekommen wir nicht einfach so wieder aufgebaut, das dauert Jahre.“ Die Erfahrung hätte sie selbst bereits machen müssen, als sie mehrere Monate mit ihrem Kind im Krankenhaus verbringen musste und so keine Kurse mehr anleiten konnte: „Vor einem Jahr, knapp vier Jahre später, hatten wir dann endlich wieder die Kundenzahl von davor.“