Milch macht müde Menschen munter, hieß es mal. Doch mit der Milch ist das so eine Sache. Das Getränk birgt manches Geheimnis und hat Nebenwirkungen. Um stetig Milch zu produzieren, bedarf es bei den Kühen Jahr für Jahr einer neuen Schwangerschaft und eines neuen Kälbchens. Diese leben zwar länger als ‚Bruder Hahn‘, der längst Karriere gemacht hat und inzwischen selbst von den meisten Eierkartons in Supermärkten lacht.

Doch eine gute Existenz ist auch den Kälbchen nicht beschieden, denn sie sind ebenfalls quasi nur ein Beifang der Milchproduktion. Behält der Milchbauer sie zu lange, trinken sie ihm den Ertrag weg und machen die ganze Arbeit unwirtschaftlich. Daher landeten sie bislang schnell für wenig Geld in Mastbetrieben.

Kälber werden auf eine Weide in der Region gebracht

Mit dem neuen Weideprojekt wollen Betriebe aus dem Verbund „WIR – Bio-Power vom Bodensee“ neue Wege erproben und werden dabei im Rahmen der Bio-Musterregion Bodensee vom Land gefördert. Ohne lange Transporte werden die Kälber auf eine Weide in der Region gebracht und dürfen dort gut zwei Jahre nach Herzenslust grasen, ehe sie – ebenfalls in der Region – geschlachtet werden.

Milchviehhalter Markus Pfister in Höllwangen ist froh, Partner für seine überzähligen Kälber gefunden zu haben.
Milchviehhalter Markus Pfister in Höllwangen ist froh, Partner für seine überzähligen Kälber gefunden zu haben. | Bild: Hanspeter Walter

„Wenn wir die männlichen Kälber, die unsere Milchkühe zur Welt bringen, nach wenigen Wochen verkaufen, haben wir nicht mehr in der Hand, welche Transporte ihnen anschließend zugemutet werden oder in welchen Mastbetrieben im In- oder Ausland sie landen“, sagt Milchbauer Markus Pfister vom Hof Höllwangen. Den überzähligen Kuhkälbern geht es ähnlich. Bei konventionellen Mästern ist mit Auslauf und Bewegung dann in der Regel Schluss. Damit die Tiere möglichst schnell an Gewicht zulegen, erhalten die Kälber Milchersatz und Kraftfutter. Oft gibt es vorbeugend noch Antibiotika, da in den Mastbetrieben Tiere aus vielen Höfen neu zusammengemischt werden. Zudem sind die Tiere, gestresst durch den Transport und die neue Umgebung, besonders anfällig.

Ziel: Mehr Tierwohl und kurze Wege in der Region

Das wollte Markus Pfister nicht länger akzeptieren, der Impulsgeber für das ganze Projekt war. Viele Partner haben über zwei Jahre gemeinsam daran gearbeitet, das betriebsübergreifende Projekt auf die Beine zu stellen, bis das Fleisch jetzt seit diesem Sommer in die Läden kommt – für mehr Tierwohl und kurze Wege in der Region. Jetzt hoffen sie auf eine gute Resonanz auf Seite der Verbraucherinnen und Verbraucher. Denn ohne Abnehmer des Fleisches geht das ganze Konzept nicht auf.

Aus Du und Du mit den Weiderindern: Landwirt Georg Biewer (Mitte in der Hocke) mit Exkursionsteilnehmern auf den Wiesen bei Brachenreuthe.
Aus Du und Du mit den Weiderindern: Landwirt Georg Biewer (Mitte in der Hocke) mit Exkursionsteilnehmern auf den Wiesen bei Brachenreuthe. | Bild: Hanspeter Walter

Appetit machen sollte in verschiedener Hinsicht kurz nach dem Start der Vermarktung der Bio-Weiderindprodukte eine Exkursion mit kulinarischem Abschluss, die von den Projektpartnern Hof Höllwangen, Hof Brachenreuthe und dem Naturkost-Großhandel Bodan zusammen mit der Bio-Musterregion Bodensee organisiert worden war. Nach einer Besichtigung in Brachenreuthe und Höllwangen kredenzte Slowfood ein Menü auf Rindfleischbasis.

„Beim Demeter-Rinderstammtisch hatten wir uns über das Problem unterhalten“, erinnert sich Pfister. Der Kollege Thomas Schumacher aus Konstanz sei gleich hellhörig geworden und habe spontan gesagt: „Bringe mir mal einen Schwung Kälber. Wir probieren das.“ Für rund 60 Kälber pro Jahr muss Pfister Abnehmer finden, die über geeignetes Grünland verfügen. Dazu gehört auch das Hofgut Brachenreuthe, das auch noch in idealer Nähe zu Höllwangen liegt.

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„Unsere Rinder kaufen wir im Alter von circa viereinhalb Monaten von benachbarten Demeter-Höfen zu“, erklärt Georg Biewer von Brachenreuthe. Wie in Höllwangen dürfen die Kälber dort bis zu diesem Alter bei ihren Müttern oder Ammen Milch trinken. Dann sind sie alt genug, um „abgesetzt“ zu werden. „Unsere Tiere dürfen von April bis November Tag und Nacht auf der Weide verbringen und dort frisches Gras fressen“, betont Biewer. „Über diese lange Weidesaison freuen wir uns, da dies die artgerechteste Haltungsform für Rinder ist.“

Markus Pfister und Georg Biewer (von rechts) erläuterten bei der Exkursion ihr partnerschaftliches Konzept für das Bodensee-Weiderind.
Markus Pfister und Georg Biewer (von rechts) erläuterten bei der Exkursion ihr partnerschaftliches Konzept für das Bodensee-Weiderind. | Bild: Hanspeter Walter

In den Wintermonaten füttere er sie ausschließlich mit betriebseigenem Raufutter. Durch diese extensive Fütterung ohne Getreide wachsen die Tiere langsamer als in einer intensiven Mast. Biewer: „Dadurch bekommt ihr Fleisch eine feine Marmorierung und ist besonders zart.“ Im Mai wurde nun das erste Jungrind geschlachtet. „Die Grenze liegt bei 30 Monaten und einem Zielgewicht von 300 Kilogramm“, erklärt der Landwirt.

Ganze Wertschöpfungskette nutzen

Weitere Weidepartner gibt es unter anderem mit dem erwähnten Haettelihof von Thomas Schumacher in Konstanz und dem Lorenzhof Richard und Katharina Gasse in Illmensee-Ruschweiler. Geschlachtet werden die Tiere von Fairfleisch im Überlinger Schlachthof, für den Verkauf portioniert und weiterverarbeitet wird das Fleisch bei der Okle-Frischland-Manufaktur in Singen. „Die Menschen zusammenzubringen“, wie er sagt, ist ein Anliegen von Bodan-Geschäftsführer Sascha Damaschun, der auch versucht, Vertriebskanäle für die neuen Produkte zu eröffnen, um eine ganze Wertschöpfungskette zu nutzen und zugleich einen Beitrag zum Tierwohl zu leisten.