Ihr Angebot ist kostenlos und steht grundsätzlich allen offen. Zu einer Beratung verpflichtet sind die Schuldnerberater des Landratsamtes bei Leistungsempfängern, die um Unterstützung bitten. Bei anderen Kunden ziehen sie die Grenze da, wo ihr Wissensstand und ihre Kapazitäten enden. „Wir können hier keine Insolvenz eines Unternehmers begleiten, der 25 Mitarbeiter hat“, erklärt Sebastian Klein. „Da verweisen wir dann weiter an einen Anwalt oder andere Anlaufstellen.“

Es geht um mehr als Zahlen und Gesetzestexte

Klein ist der Dienstälteste im Team. Seit 2013 ist er hier als Schuldenberater aktiv. Davor war er in der Jugendsozialarbeit tätig, hat ursprünglich im Versicherungsberatungsbereich gelernt. 2017 stieß Jennifer Rathke dazu. Sie hat ihre Ausbildung in einer Bank gemacht. Auch Michael Kramer, der seit 2019 das Team vervollständigt, kommt aus dem Finanzbereich. Nach seinem BWL-Studium war er zunächst als Unternehmensberater aktiv. So viel Fachwissen die drei Schuldnerberater aber auch mitbringen: „Man lernt nie aus“, sagt Kramer. Auch Recherche zu unterschiedlichen rechtlichen Aspekten gehöre zu ihrer Arbeit.

„Bei der Erstberatung dreht es sich oft gar nicht um die Schulden an sich. Da geht es oft darum, Ängste zu nehmen“, ...
„Bei der Erstberatung dreht es sich oft gar nicht um die Schulden an sich. Da geht es oft darum, Ängste zu nehmen“, schildert Sebastian Klein. Er ist seit 2013 als Schuldnerberater tätig. | Bild: Lena Reiner

Dabei geht es bei der Schuldnerberatung längst nicht nur um Zahlen und Gesetzestexte. „Wir leisten hier auch immer wieder Lebensberatung“, beschreibt Kramer. „Bei der Erstberatung dreht es sich oft gar nicht um die Schulden an sich. Da geht es oft darum, Ängste zu nehmen“, ergänzt Klein. Allein die Ankündigung eines Gläubigers, rechtliche Schritte einzuleiten, könne Panik auslösen.

„Man merkt, die Leute stehen direkt an der Wand“

Häufig gehe es also zunächst darum, darüber aufzuklären, was tatsächlich hinter einer solchen Aussage stecke und dass sie nicht bedeute, dass man nun für die Schulden ins Gefängnis müsse, sagt Klein. Oder es werde über die Bedeutung eines Pfändungsschutzkontos aufgeklärt, welches dazu diene, notwendige Kosten weiter decken zu können. „Dann können die Menschen erst mal wieder durchschnaufen und auch durchschlafen“, sagt Klein. „So werden sie wieder handlungsfähig.“

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Die jüngsten Krisen – die Auswirkungen der Corona-Pandemie, aber auch die Energiekrise, so genau lasse sich das nicht zuordnen – schlagen aufs Gemüt. Das beobachten auch die Schuldnerberater. „Man merkt, die Leute stehen direkt an der Wand. Da gibt‘s keine Knautschzone mehr“, beschreibt Jennifer Rathke.

Jennifer Rathke kommt eigentlich aus dem Bankfachbereich. Sie sieht in dem einfachen Zugang zu Ratenzahlungen und Darlehen ganz ohne ...
Jennifer Rathke kommt eigentlich aus dem Bankfachbereich. Sie sieht in dem einfachen Zugang zu Ratenzahlungen und Darlehen ganz ohne persönliche Beratung einen der Fallstricke beim Thema Schulden. | Bild: Lena Reiner

Viele kämen bereits finanziell geschwächt aus der Coronazeit, nun drohten drastisch gestiegene Energiepreise. Da kämen auch Menschen in Zahlungsschwierigkeiten, bei denen das zuvor nie so war. „Normalverdiener“, sagt Rathke. Ein großes Problem stelle auch der Wohnungsmarkt dar. „Es gibt einen Personenkreis, der durch die Kurzarbeit während Corona komplett neu zu uns gekommen ist“, berichtet Sebastian Klein dazu. Die Auswirkungen der steigenden Energiepreise seien noch nicht absehbar. Grundsätzlich bildeten sich Krisen erst verzögert in der Schuldnerberatung ab.

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„Meist versucht man eben erst, sich das Geld privat zu borgen oder irgendwie umzuschulden“, führt Klein aus. „Scham spielt oft eine Rolle, weshalb viele erst spät zu uns kommen.“ Dennoch sei allein an den Zahlen bereits ablesbar, dass die Zahl derer, die Schulden haben, wächst. Im dritten Quartal des Jahres 2022 sei bereits die Gesamtzahl an Beratungen des Vorjahres erreicht.

Welche Fallstricke die Schuldnerberater sehen

„Man muss da auch mit Vorurteilen brechen“, sagt Kramer: „Es geht nur selten um Jugendliche, die drei Handyverträge haben. Es kann jeden treffen.“ Zu ihm kämen zum Beispiel häufig Rentnerinnen, deren Ehemann ihnen Schulden vererbt habe. Kleinere Fallstricke in diesem Kontext sieht er im Kleingedruckten bei angeblichen 0-Euro-Angeboten.

Rathke ergänzt: „Es ist auch ein Problem, dass man oft gar keinen Berater mehr vor sich hat; man bekommt Finanzierungen und Darlehen ganz unpersönlich online.“ Auch die Schnelllebigkeit sei eine Schwierigkeit, viele Entscheidungen müssten eilig getroffen werden, da könne man auch als Mensch mit Ahnung vom Thema die Lage oft kaum überblicken.

Was häufig in die Verschuldung führt

Doch im Schwerpunkt führten eher Lebenseinschnitte oder psychische Probleme in die Verschuldung, weniger undurchdachte Kaufentscheidungen. „Daher geht so eine Beratung auch selten nur zwei Wochen. Immer wieder müssen wir erst eine Basis schaffen, auf der man fest stehen kann“, erklärt Kramer.

Michael Kramer ist erst seit drei Jahren Schuldnerberater. Dennoch hat er bereits Kunden, die seit zweieinhalb Jahren zur Beratung ...
Michael Kramer ist erst seit drei Jahren Schuldnerberater. Dennoch hat er bereits Kunden, die seit zweieinhalb Jahren zur Beratung kommen. „Immer wieder müssen wir erst eine Basis schaffen, auf der man fest stehen kann“, erklärt Kramer. | Bild: Lena Reiner

Wer nur schnell einen Insolvenzantrag durchboxen wolle, obwohl offensichtlich sei, dass zunächst psychische Probleme in den Griff bekommen werden müssten, den schickten sie dann auch eher zum Anwalt. „Wir beraten ganzheitlich“, betont er. „Wir begleiten dann aber auch bis zum Insolvenzantrag und beratend weiter im Verfahren“, ergänzt Klein. Wobei es nicht bei allen Terminen um eine Insolvenz gehe, das sei das Maximum. Jennifer Rathke fügt hinzu: „Wir versuchen immer, den Menschen eine Perspektive zu geben. Es ist wichtig, positiv zu bleiben.“

Auch Martin Rebmann, Stadtdiakon in Friedrichshafen, spürt die Sorgen um Schulden. „Es werden immer mehr“, sagt er und meint damit Menschen, die die Schuldnerberatung in Anspruch nehmen, die in Kooperation mit dem Ravensburger Verein SOS Ausweg angeboten wird. Und die Schuldnerberater Aina und Fritz Kesenheimer, die einmal im Monat bei ihm vor Ort seien, sorgen sich Rebmann zufolge, dass die große Welle erst im neuen Jahr kommen werde.