Etwa 45 Kilometer vom Bodensee entfernt liegen die ausgedehnten, rund 2500 Hektar umfassenden Wälder des Grafen zu Königsegg-Aulendorf. Hier schaut Förster Christoph Tholl seit vielen Jahren nach dem Rechten. Das gilt auch für die rund 60 Hektar, auf denen heute keine Forstwirtschaft mehr betrieben wird. Hier soll über Jahrzehnte wieder „wachsen“, was der Torfabbau noch bis ins Jahr 2000 kaputtgemacht hat: ein natürliches Hochmoor.

Mannshoch ist die Abbruchkante, bis zu der Torf im Moor abgebaut wurde.
Mannshoch ist die Abbruchkante, bis zu der Torf im Moor abgebaut wurde. | Bild: Cuko, Katy

Für Wilfried Franke ist das Tannhäuser Ried bei Aulendorf ein besonderer Ort. „Hier habe ich unsere ersten Ökopunkte gekauft, noch für teures Geld“, erzählt der Direktor des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben. Er ist zugleich Chef der kommunalen ReKo GmbH – ReKo steht für regionaler Kompensationspool Bodensee-Oberschwaben. Als die 2014 gegründet wurde, erschloss sich noch nicht jedem Bürgermeister die Geschäftsidee dahinter.

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Kaum eine Gemeinde am Bodensee ist in der Lage, für Eingriffe in die Landschaft Ausgleichsflächen auf eigener Gemarkung auszuweisen. Doch wer bauen (lassen) will, ist dazu verpflichtet. Seit knapp zehn Jahren erlaubt der Gesetzgeber eine Alternative. Mit Ökopunkten können sich Kommunen von dieser Pflicht quasi freikaufen – und sorgen so mit dafür, dass anderswo Flächen aufgewertet werden.

Vom wertvollen Geschäft mit Ökopunkten

Die ReKowurde gegründet, um in diesen Handel mit Ökopunkten einzusteigen. Sie zahlt Land- oder Forstwirten für die naturnahe Nutzung ihrer Flächen bares Geld und kauft damit Ökopunkte, die sie ihren Mitgliedsgemeinden wieder verkaufen kann. Inzwischen haben alle Kommunen erkannt, wie wertvoll dieses Geschäft ist. Am Anfang waren 16 Partner beteiligt. Heute sind alle 52 Städte und Gemeinden und die drei Landkreise des Regionalverbands Reko-Gesellschafter und profitieren doppelt vom Ökopunkte-Handel.

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Denn mit dem Geld, das der Verkauf einbringt, kann die ReKo nun selbst geeignete Freiflächen suchen und den Eigentümern die ökologische Landschaftspflege schmackhaft machen. „Das ist heute ein blendendes Geschäftsmodell. Wir können uns vor Angeboten kaum retten“, sagt Wilfried Franke. 2,5 Millionen Ökopunkte hat ReKo derzeit in der Raumschaft generiert. Dazu zählen auch die knapp eine Million Ökopunkte, die Franke im Tannhäuser Ried „geholt“ hat.

Wilfried Franke (links), Direktor des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben, lässt sich von Förster Christoph Tholl zeigen, wie das ...
Wilfried Franke (links), Direktor des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben, lässt sich von Förster Christoph Tholl zeigen, wie das Moor im Tannhäuser Ried rekultiviert wird. Das ist Teil des Biotopverbunds im Regionalverband. | Bild: Cuko, Katy

Heute wählt ReKo genau aus, wo die Gelder aus dem Ökopunkte-Handel eingesetzt werden. Die Summe aller damit finanzierten Ausgleichsmaßnahmen soll am Ende auch ein sinnvolles Ganzes, sprich einen Biotopverbund, ergeben. Genau dafür gibt es seit dem Sommer ein Gesetz zur Stärkung der Biodiversität. Und das schreibt fest, dass 15 Prozent der Landesfläche in Baden-Württemberg bis zum Jahr 2030 in einem Biotopverbund liegen soll.

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Die Idee ist einfach. Es geht darum, ein Netz von Lebensräumen zu schaffen, in denen sich Tiere und Pflanzen artgerecht ausbreiten können. Denn vielerorts ist die Landschaft durch Straßen, Baugebiete oder intensiv genutzte Felder zerstückelt. Würde man geschützte Flächen verbinden, entstünden wieder große Naturräume, die viele Arten zum Überleben brauchen. Also Flächen, auf denen wildlebende Tiere und Pflanzen Vorfahrt haben.

Franke: Biotop-Verbund „nicht nur auf dem Papier“

„Wir sind dabei“, sagt Wilfried Franke, Direktor des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben. Der steckt mitten im Verfahren, um den Regionalplan fortzuschreiben. Und in dem soll erstmals im Land ein Biotopverbund dauerhaft und rechtsverbindlich ausgewiesen werden. „Der soll nicht nur auf dem Papier stehen. Deshalb legen wir das als Ziel fest“, erklärt Franke.

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So sind entlang aller Flüsse im Verbandsgebiet vom Bodensee bis fast ins Allgäu im Regionalplan-Entwurf nun sogenannte Vorranggebiete für Natur und Landschaft ausgewiesen. Das heißt für die Kommunen, dass diese Flächen nur noch so genutzt werden können, dass sie mit dem raumplanerischen Ziel vereinbar sind. Die Mitgliedskommunen im Verbandsgebiet, das die drei Landkreise Ravensburg, Sigmaringen und den Bodenseekreis umfasst, ziehen da mit, sagt Wilfried Franke. „Sie sind dankbar, dass wir die Planung gemacht haben“, sagt er. Denn auch die Kommunen wurden vom Gesetzgeber aufgefordert, in den nächsten Jahren Biotopverbünde zu entwickeln. In der Region Bodensee-Oberschwaben hätten sie es leicht, so der Verbandsdirektor. „Sie können unsere Planung zum Großteil übernehmen und um eigene Vorhaben ergänzen.“

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Vom Sinn eines Biotopverbunds muss man Wilfried Franke nicht überzeugen. „Der Erfolg liegt in der Vernetzung der Räume. Und das geht nur auf kommunaler Gemarkung“, sagt er und verweist auf ein ganz konkretes Beispiel. Seit 2004 „baut“ die Heinz-Sielmann-Stiftung am Biotopverbund Bodensee. An mittlerweile 44 Standorten in der Raumschaft, die unter einem enormen Nutzungsdruck steht, wurden bisher über 130 Biotop-Bausteine mit den Städten und Gemeinden geschaffen – von neuen Stillgewässern über aufgewertete Streuobstwiesen bis zur extensiv genutzten Weide.

Auch die Moorlandschaft im Tannhäuser Ried ist Teil des Ganzen. „Das passt alles zusammen“, freut sich Wilfried Franke über die so voraus schauende wie erfolgreiche Planung eines Biotopverbunds in der Region Bodensee-Oberschwaben.